Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Die Hannongs: Aufstieg und Fall einer Porzellan- und Fayence-Dynastie

Nichts zum Essen: Eine Schüssel mit Salatherzen (Fayence mit Aufglasurbemalung, 1748-1754) aus der Manufaktur Paul Hannong, die
Nichts zum Essen: Eine Schüssel mit Salatherzen (Fayence mit Aufglasurbemalung, 1748-1754) aus der Manufaktur Paul Hannong, die heute zur Sammlung des Historischen Museums Basel gehört.

Mit den Hannongs kam die Porzellan-Produktion nach Frankenthal. Aber neben dem begehrten „weißen Gold“setzte die Familie auch weiter auf hochwertige Fayencen – für Europas Fürstenhäuser ebenso wie fürs wohlhabende Bürgertum. Auf den schnellen Aufstieg folgten bald Streit, Verrat, Intrigen und ein unrühmliches Ende.

Kurfürst Carl Theodor griff beherzt zu. Die Gelegenheit schien günstig. Eine Porzellanmanufaktur hatte seiner fürstlichen Reputation noch gefehlt. Was also passierte in diesem Jahr 1754? Auf Befehl Ludwigs XV. wurde dem Straßburger Paul Anton Hannong die Herstellung von Porzellan verboten. Die Gründe waren merkantiler Natur: Die von der Pompadour geförderte und durch königliches Privileg begünstige Produktion im Schloss von Vincennes bei Paris sollte vor der unliebsamen Konkurrenz geschützt werden. Ein Jahr zuvor hatte die Straßburger Firma Hannong das erste (Hart-)Porzellan auf den Markt gebracht; die entsprechenden Kenntnisse stammten vermutlich von Überläufern aus dem sächsischen Meißen. Später gab es Streit zwischen Paul Antons Söhnen Joseph Adam und Peter Anton Hannong über das „Arkanum“, das streng gehütete geheime Produktionswissen; Peter Anton hat es dann irgendwann an die Konkurrenz in Sèvres verraten.

Kurfürst Carl Theodor holte die Hannongs aus Straßburg nach Frankenthal

Mit Sack und Pack und den französischen Arbeitern zog man aber zunächst einmal von Straßburg um in die leerstehende Dragonerkaserne in Frankenthal. Die vom Verbot nicht betroffene Fayencemanufaktur blieb im Elsass. Mit der Frankenthaler „fabrique“ wollte Carl Theodor auch der wirtschaftlich darniederliegenden Stadt auf die Beine helfen. Der Umzug war schon insofern günstig, als vor Ort keine Aufbauarbeiten geleistet werden mussten, die Manufaktur war vom ersten Augenblick voll arbeitsfähig. Paul kehrte nach Straßburg zurück und kümmerte sich um die Fayencen, Sohn Carl Franz Paul (1731-1757) übernahm Frankenthal, nach seinem Tod übernahm der jüngere Bruder Joseph Adam (1739- um 1794) die Leitung des Unternehmens, das er 1759 seinem Vater abkaufte. Paul starb im Jahr drauf. Finanzielle Forderungen der Erben und ein erbitterter Preiskampf auf dem Porzellanmarkt brachten die Manufaktur ins Schlingern. Der Kurfürst übernahm sie für 49.804 Gulden, weitere 10.000 wurden für das eminent wichtige Arkanum bezahlt.

Werkspionage gehört zur Geschichte der Porzellanherstellung

Bei all dem Trubel um die von Werkspionage und Verrat begleitete Geschichte der Porzellanherstellung wird oft vergessen, dass das Porzellan um 1750 erst dabei war, das zweite Standbein des Straßburger Familienbetriebes zu werden. Als Manufaktur für außerordentlich qualitätvolle Fayencen hatten die Hannongs eines exzellenten Ruf vor allem bei deutschen Fürsten, aber ebenso bei selbstbewussten und wohlhabenden Bürgern der Freien Reichsstädte. Wobei man sich allerdings nicht auf der gleichen Ebene bewegte. Im bürgerlichen Milieu war nicht selten – wie im nahen Basel – mit Allianzwappen versehenes Tafelgeschirr für die Festtafel die Regel; im fürstlichen gehörte Fayence der anspruchsvollsten Ausführung zur Ausstattung von Jagdschlössern und Nebenresidenzen, wo man gerne etwas zwangloser war. Silber und Porzellan war den Hauptresidenzen vorbehalten.

Markgrafen und Kurfürsten gehörten zu den Kunden der Hannongs

So erwarb der badische Markgraf Ludwig Georg, seiner Jagdleidenschaft wegen auch als „Jägerlouis“ bekannt, um 1750 für die Favorite ein umfangreiches Ensemble von Schaugerichten und Terrinen in Form von lebensecht ausgearbeiteten und kolorierten Tieren, Früchten und Gemüsen, das vermutlich eher selten auch praktisch als Tafelgeschirr genutzt wurde, sondern als repräsentative Dekoration der Überraschung und dem Amüsement von Gastgeber und Gästen diente. Man kann diese Vertreter der alten Kunstkammerstücke heute noch in dem bei Bruchsal gelegenen „Porzellanschlösschen“ sehen – neben einer exquisiten Sammlung Meißener Porzellans, das des Markgrafen Mutter Sibylla Augusta mit großer Kennerschaft zusammengetragen hatte.

Noch ein Beispiel: Der Mainzer Kurfürst Clemens August, ein Wittelsbacher und Bruder des glücklosen Kaisers Karls Albrecht, ist als genialer Schuldenmacher in die Geschichte eingegangen. 1751 bekam er aus Straßburg zwei Jagdservice von ursprünglich 599 Teilen für seine Schlösser Augustusburg in Brühl und Clemenswerth geliefert, die allerdings beim Ableben des Kurfürsten in der Stückzahl schon ziemlich reduziert waren. Später kamen beide auf verschiedenen Wegen in den Kunsthandel und wurden in alle Winde zerstreut. Einzelne Teile daraus konnten im Lauf der Jahre von Museen aufgespürt und für ihre Sammlungen erworben werden. Ein besonders spektakuläres Stück, eine Terrine in Gestalt einer Schildkröte, gelangte für 70.000 Euro wieder zurück nach Schloss Clemenswerth, in dem heute das Emslandmuseum untergebracht ist. Erst vor Kurzem wurde eine außergewöhnlich schöne, illusionistische Kohlblatt-Terrine, nachweislich aus dem Jagdschloss des Kurfürsten, für 20.000 Euro im Handel angeboten. Derartige Preise sind freilich den absoluten Spitzenstücken vorbehalten.

Zur Produktpalette gehörten auch eigens für Damen hergestellte Nachttöpfe

Solche naturgetreu modellierten und bemalten Teile wurden von den Hannongs in großen Stückzahlen und in überragender künstlerischer Qualität nur kurz um die Mitte des 18. Jahrhunderts für überwiegend fürstliche Auftraggeber hergestellt. Es handelte sich dabei vor allem um Tafelgeschirr, Terrinen, Teller, Tafelaufsätze und Duftgefäße (Potpourris) in vielerlei Formen und Dekoren, wobei die Preise je nach Bemalung erheblich differierten. Ein Teil der Produktpalette war von eher prosaischer Natur. Sie umfasste Weinkühler und Bartschalen ebenso wie mit Blütendekor versehene Spucknäpfe, unbemalte Krankentassen von ausgesprochen modernem Design und sogenannte Bourdalous – worunter eigens für die Bedürfnisse von Damen entwickelte längliche Nachttöpfe zu verstehen sind. Auch repräsentative Kachelöfen respektive deren Bemalung gehörten zum Angebot der Firma Hannong. Für die plastische Dekoration zuständig war der Bildhauer Johann Heinrich Lanz, der mit nach Frankenthal ging und später Hofbildhauer in Mannheim wurde.

Familienwege: Von Maastricht über China, Köln und Mainz ins Elsass und nach Frankenthal

Woher aber kamen diese Hannongs mit dem seltsamen Namen? Der Legende nach soll ein gewisser Jacob van Outwater bei der Ostindischen Kompanie angeheuert haben, sich dann als einer der ersten Forscher 15 Jahre lang in China umgesehen haben und nach seiner Rückkehr nach Holland den Namen Pieter Hendrick Hannong angenommen haben, nach der zentralchinesischen Stadt Han-Thong, in der er lange gelebt hatte. 1660 lebt er in Maastricht, wo er eine Familie und eine Fabrik für Pfeifen aus Fayence gründet. 1669 kommt Sohn Karl Franz Paul zu Welt, der in Köln heiratet, nach Mainz geht und sich 1709 als Pfeifenmacher in Straßburg niederlässt wo er 1721 mit Johann Hinrich Wachenfeld (der sich zwei Jahre später in Durlach selbstständig macht) die bis 1784 bestehende Fayence-Manufaktur mit Niederlassungen in Hagenau und Straßburg gründet.

Unter den europäischen Fayence-Fabrikationen nimmt die über drei Generationen von Mitgliedern der Familie Hannong geleitete Manufaktur eine Sonderstellung ein. Die hohe Qualität beruhte zum großen Teil auf der Beschäftigung der besten Keramiker der Zeit. Etwa Mitglieder der Familie von Löwenfinck, allen voran der geniale, zuvor in Meißen, Bayreuth, Ansbach, Fulda und Höchst tätige Adam Friedrich Löwenfinck (der schon 1753 starb), die im Bereich der Blumenmalerei nur von wenigen übertroffen werden konnten.

Naturalistische Wildschweinköpfe und halbierte Salatherzen aus Steingut als Blickfang

Es gehört zu den großen Vorteilen nicht ausschließlich der Straßburger Fayence, das sie zwar mit dem damals noch fast unerschwinglichen Porzellan konkurrierte, ihre Tafeldekorationen aber unabhängig vom Porzellan entwickelte. Besonders reizvoll sind die oft bizarren oder geistreichen „Schaugerichte“, die ihren Auftrittsort allerdings weniger auf der Tafel als auf den Reichtum und den Geschmack des Hauses hinweisenden Buffets und Konsoltischen hatten. Diese befanden sich – oder in eher bescheidener Ausführung – weniger im bürgerlichen Haushalt als beim Adel. Naturalistisch dargestellte Wildschweinköpfe dienten als imposanter Blickfang, Schüsseln und Teller mit Zwetschgen, Oliven oder sorgfältig arrangierten geachtelten harten Eiern bestechen durch sorgfältige Modellierung. Lebensgröße und naturnahe Bemalung. Ein Teller mit halbierten Kopfsalatherzen, roten Blüten der Kapuzinerkresse sowie blauen Borretsch- und Stiefmütterchenblüten gefällt als Trompe-l’œil von höchster künstlerischer wie technischer Qualität. Bekannt sind fünf Exemplare dieses aufwendig herzustellenden Kunststücks, für das man gern bereit war, saftige Preise zu zahlen: Im Musée des Arts décoratifs in Straßburg, im Historischen Museum Basel, im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, in Rouen und der Sammlung Ludwig in Bamberg.

Hohe Produktionskosten, schlechte Qualität, das Ende

Das Ende der zuletzt nach Hagenau verlegten Manufaktur unter Joseph Hannong war dann eher trostlos – eine Geschichte, in der gescheiterte Versuche in der Herstellung von Porzellan (das Privileg von Sèvres war inzwischen gelockert worden), mit exorbitanten Produktionskosten und schlechter Qualität, hohe Steuern, eine exorbitante Schuldenlast von 577.110 Pfund, Prozesse, Erbauseinandersetzungen und ein Jahr als Schuldner im Gefängnis eine fatale Rolle spielen. Das alles zusammen setzt der Manufaktur 1784 definitiv das Ende. Das Vermögen war aufgebraucht, die Geschichte der Fabriken der Familie Hannong für immer vorbei.

„Wildsau und Kopfsalat“ heißt die Ausstellung, die bis Janaur 2020 Erzeugnisse der Manufaktur Hannong zeigt.  Foto: Historisches
»Wildsau und Kopfsalat« heißt die Ausstellung, die bis Janaur 2020 Erzeugnisse der Manufaktur Hannong zeigt.
Auch eldes Tafelgeschirr gehörte zu den Produkten der Manufaktur. Hier ein Teller aus einer Privatammlung. Foto: Imago-images/ar
Auch eldes Tafelgeschirr gehörte zu den Produkten der Manufaktur. Hier ein Teller aus einer Privatammlung.
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