Preisverleihung
Die Gewinner des Filmfestivals Mannheim-Heidelberg stehen fest
Ein Blick in weitgehend unbekannte Welten bietet der starke Wettbewerb der 71. Ausgabe des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg (IFFMH). Um Selbstfindung geht es in den meisten der 16 Beiträge der Reihe „On The Rise“, die ersten bis dritten Filmen aufstrebender Regisseurinnen und Filmemacher gewidmet ist. Die vier Jurys hatten die Qual der Wahl unter den durchweg sehenswerten Beiträgen, die meist beeindruckende Kinobilder mit überraschenden Geschichten verbinden und oft bereits auf großen Festivals wie Cannes, Venedig oder Locarno punkten konnten. In vielen stehen junge Menschen im Zentrum, die ihren eigenen Weg gehen möchten und mit allerlei Hürden zu kämpfen haben.
Dunkle Magie
Der Gewinnerfilm „You Won’t Be Alone“ begibt sich dabei auf eine allegorische Ebene: Der in Mazedonien geborene Australier Goran Stolveski widmet sich einer Legende aus seiner früheren Heimat. Im Mittelpunkt des Ende des 19. Jahrhunderts spielenden dunklen Märchens mit blutigen Horrorelementen steht eine 16-Jährige, die ähnlich wie Kaspar Hauser ohne Kontakt zur Außenwelt aufwuchs, da ihre Mutter verhindern wollte, dass die Tochter von einer Hexe geholt wird. Doch ihr Mühen ist vergeblich. Fortan muss sich die junge Frau mit ihrem neuen Dasein arrangieren – in einer Außenwelt, in der Frauenleben nichts zählen.
Der Film schlägt auf den Magen, regt aber dazu an, über die mancherorts noch präsente Ausgrenzung selbstständiger Frauen nachzudenken. Die Internationale Jury – der deutsche Schauspieler Christoph Bach, die französische Regisseurin Antoinette Boulat und der iranische Filmemacher Mohsen Makhmalbaf – beschreiben „You Won’t Be Alone“ als zutiefst humanen Film, der die Grenzen des Kinos erweitere.
Die toughe tunesische Polizistin
Dass eine Frau sich in der islamischen Welt fast selbstverständlich in einem Männerberuf durchsetzen kann, auch ganz ohne Kopftuch, zeigt wiederum der tunesische Film „Ashkal“ von Youssef Chebbi. Fatma Oussaifi spielt eine Polizistin, die mit einem Kollegen unerklärliche Todesfälle aufklären soll. Mehr und mehr Menschen sterben scheinbar freiwillig einen Feuertod, offenbar nach der Begegnung mit einer Art modernem Hexer: Sind es Proteste gegen die neue Führung – der Film spielt fünf Jahre nach den Protesten, die zum „Arabischen Frühling“ führten –, die nicht alle Erwartungen erfüllt hat?
Die Jury jedenfalls bedachte das sehr offene Drehbuch mit dem Rainer Werner Fassbinder Award: „Ashkal“ sei ein Film, „der aus dem Bild eines Arbeiters, der sich für die Freiheit in Tunesien selbst anzündete, eine kinematografische Metapher kreiert.“
Doch kein Hausmann
Das Publikum wiederum würdigte einen warmherzigen, aber leider wenig hoffnungsvoll endenden Film aus Pakistan: „Joyland“ porträtiert ein zunächst recht weltoffen wirkendes Familienleben. Haider und Mumtaz sind ein junges kinderloses Paar, das mit Haiders Bruder, dessen Frau und vier Kindern sowie dem verwitweten Vater unter einem Dach in Pakistans Hauptstadt Lahore lebt. Haider hilft der Schwägerin im Haushalt und betreut ihre Kinder mit, dafür geht Mumtaz arbeiten. Der sanfte junge Mann scheint mit der Rolle nicht unzufrieden, doch dann bekommt er ein folgenreiches Jobangebot: als Tänzer in einem „erotischen Theater“. Und seine Arbeitgeberin Biba ist transsexuell.
Beides verheimlicht er Vater, Bruder und Schwägerin. Gegenüber Mumtaz, die wegen seines Jobs nun zu Hause bleiben muss, aber offenbart er sich. Diese ist zunächst verständnisvoll, beneidet ihn aber vor allem um die Chance auf seinen Ausbruch aus dem Alltag. Als sie schwanger wird und bemerkt, dass Haider sich zu Biba hingezogen fühlt, weiß sie jedoch keinen Ausweg mehr. Der Film berührt mit seinen kraftvollen Figuren und zeigt eine scheinbar im Aufbruch befindliche Gesellschaft, doch offenbart das Finale, dass Frauen in Pakistan dann doch noch enge Grenzen gesetzt sind.
Das Licht der Freiheit
Den optimistischer ausfallenden portugiesischen Film „Wolf and Dog“, der ebenfalls von sexuellen Aufbrüchen und der Liebe jenseits heterosexueller Normen erzählt, wiederum würdigte die Jury mit einer lobenden Erwähnung – als Film, „der das Licht der Freiheit aus der Finsternis der Tabus, die eine traditionelle Gesellschaft beherrschen, hervorholt“.
Die Geschichte einer Emanzipation ist auch „Valeria Is Getting Married“ über eine junge Ukrainerin, die sich auf eine Ehe mit einem ihr nur durchs Skypen bekannten Israeli einlassen möchte – und dann doch ins Grübeln gerät. Die Ökumenische Jury prämierte dieses israelisch-ukrainische Drama, das ebenfalls die Frage stellt, wie frei ein Frauenleben sein sollte, mit ihrem Hauptpreis.
Termine
Das Filmfestival Mannheim-Heidelberg läuft noch bis Sonntag, Infos gibt es unter www.iffmh.de
Die Preise
International Newcomer Award (dotiert mit 30.00 Euro) für die beste Regiearbeit: „You Won’t Be Alone“ von Goran Stolevski (Australien/Großbritannien/Serbien), laut Internatinaler Jury „ein symphonisch komponiertes Meisterstück von poetischer Schönheit und anrührender Kraft“; Rainer Werner Fassbinder Award für das beste Drehbuch (10.000 Euro): Youssef Chebbi und François-Michel Allegrini für „Ashkal“ (Tunesien/Frankreich); Lobende Erwähnungen: für „The Maiden“ von Graham Foy (Kanada) und „Wolf and Dog“ von Cláudia Varejão (Portugal/Frankreich); Publikumspreis (Audience Award, dotiert mit 5000 Euro): „Joyland“ von Saim Sadiq (Pakistan); Preis der Internationalen Filmkritik (Fipresci) und der Jungen Jury (Student Award, dotiert mit 5000 Euro): „The Maiden“ von Graham Foy; Preis der Ökumenischen Jury (dotiert mit 2500 Euro): „Valeria is Getting Married“ von Regisseurin Michal Vinik (Israel/Ukraine).