Kultur Die Erfindung der Welt
Mit 120 Werken zeigt die Alte Pinakothek in München, dass die Florentiner Renaissance-Malerei aus dem 14. bis 16. Jahrhundert selbst ein von Bildern überflutetes modernes Publikum mächtig zum Staunen bringen kann.
Andächtig zu beten, das muss in Florenz damals unmöglich gewesen sein. So anziehend anmutig wirken die Madonnen, so irdisch verspielt das Jesuskind. Alles war in Bewegung geraten. Statt ihr Leid starr zu erdulden, übten sich selbst die Märtyrer im lässig-eleganten Kontrapost. Kam Gefolge hinzu, konnte es schon passieren, dass Kirchgänger gleich noch die örtliche Hautevolee vor der Nase hatten. In der Stadt der Medici, diesem heftig brodelnden Innovationslabor des Quattrocento, war selbst die klerikale Kunst nah ans Leben gerückt. Das wirkt bis heute faszinierend. Ob man sich nun in den Uffizien zu Leonardos „Verkündigung“ durchschiebt oder jetzt vergleichsweise bequem durch die Alte Pinakothek spaziert. Denn der neue Sonderausstellungsbereich im Westtrakt wurde mit einer ganz erstaunlichen Großschau eröffnet: 120 Gemälde und Zeichnungen, dazwischen Skulpturen wie ein tanzender Putto von Donatello, vermitteln die Geschichte der Florentiner Renaissance-Malerei. Sie nimmt ihren Anfang bei Giotto, dem Wegbereiter dieser (Rück)Eroberung des Raums und eines plastisch modellierten Personals, und endet beim universal begabten Leonardo da Vinci. Die entscheidende Grundlage aber war die Zeichnung. Ob der Goldschmied Maso Finiguerra einen – natürlich zeichnenden – Kollegen festhält oder Domenico Ghirlandaio ein Altarbild bis in die Gestik der Hände hinein austüftelt. Und die klaren Konturen sind ja auch das, was die Florentiner charakterisiert. Dass nun die Alte Pinakothek, die man eher mit Dürer und Rubens verbindet, diesen außergewöhnlichen Renaissance-Parcours ausbreiten kann, hat einen besonderen Grund. Man besitzt hier zwar nicht viele, dafür aber markante Gemälde aus dem Florenz des 14. bis 16. Jahrhunderts und kann eine durchgehende Entwicklung nachzeichnen. Das hat vor allem mit dem sammelwütigen Ludwig I. zu tun, der bereits vor der Thronbesteigung seine Späher ausschwärmen ließ. In Florenz war das der badische Kunsthändler Johann Baptist Metzger, der sich einem üppigen Angebot gegenübersah – die Säkularisation zwang Kirchen und Klöster zu beträchtlichen Verkäufen. Und so kam Sandro Botticellis späte „Beweinung Christi“ (1490/95) nach München. Seit der umfangreichen Restaurierung hat sich dieser Kauf erst recht als Coup erwiesen: Die scheinbar düstere Tafel, in der man bis vor Kurzem einen stilistischen Wandel unter dem Eindruck des Bußpredigers Savonarola dokumentiert sah, leuchtet jetzt in den tollsten Farben: vom feuerroten Umhang des Johannes, der die ohnmächtige Gottesmutter sanft umfängt, bis zum warmen Safrangelb, in das sich der Heilige Petrus mit seinem Himmelsschlüssel gehüllt hat. Dieses Altarbild bringt ganz nonchalant in Erinnerung, dass es bei aller Berufung auf die Antike und den Humanismus immer noch die Kirche war, die damals weite Teile der Kunstproduktion bestimmte. Andachtsbilder hatten Hochkonjunktur, und die Gottesmutter schien allgegenwärtig. Eine Art Muss für bessere Kreise waren die Madonnen der Künstlerstars – die mädchenhaft zarten Wesen des Fra Filippo Lippi oder Andrea del Verrocchios ahnungsvolle Marien mit ihren modischen Raffinessen wie einem fein drapierten Schleier über der angesagten hohen Stirn. Man rang um Prestige in dieser Stadt des Geldes und des Geistes. Das dringt aus sämtlichen Porträts der Schönen und Reichen, die sich jetzt um Höhepunkte wie Filippino Lippis „Jüngling aus Washington“ (1480/85) gruppieren oder Sandro Botticellis (vermutliche) Smeralda Brandini aus Londons V&A-Museum, die dem Betrachter – das ist ein Novum – frontal ins Auge blickt. Dass solche Spitzenwerke in München gelandet sind, ist auch einem langjährigen Forschungsprojekt zum Bestand geschuldet. Die Queen spendierte eine Pferdestudie von Leonardo, während die Uffizien sogar Botticellis „Anbetung des Kindes durch die Heiligen Drei Könige“ reisen ließen. Mit jedem Quadratzentimeter demonstriert dieses Frühwerk, weshalb Florenz im 15. Jahrhundert so unverschämt florierte. Gerade die Medici, die durch geschicktes Netzwerken und gnadenloses Intrigieren zu sagenhaftem Reichtum gelangt waren, zelebrierten öffentlich wirksames Mäzenatentum, das schließlich auch konkurrierende Clans wie die Pitti und Strozzi angestachelt hat. Selbst ihre Parteigänger legten sich mächtig ins Zeug. Der Makler Zanobi del Lama etwa bestellte Mitte der 1470er Jahre für seine Grabkapelle besagtes Botticelli-Dreikönigsbild, in dem gleich drei Generationen der Medici die herausragenden Positionen im Zug aus dem Morgenland übernehmen. Unverfroren ist gar kein Ausdruck. Andererseits nutzte Botticelli die Gelegenheit, jede Faser seines Könnens vorzuführen: im Komponieren der Farben und im fast endlosen Variieren der Haltungen und der Mimik. Alles ist miteinander verwoben, und über diesem so irdischen Plaudern, Grübeln und Staunen über das Wunder der Menschwerdung Gottes thront eine Heilige Familie, die über den Dingen steht und doch ganz von dieser Welt ist. Mehr geht nicht. Die Ausstellung „Florenz und seine Maler“, bis 27. Januar in der Alten Pinakothek, München, Barerstraße 27, täglich außer montags 10 bis 18 Uhr (dienstags/mittwochs bis 21 Uhr, auch 26. Dezember und 1. Januar). An Heiligabend am 25. Dezember und Silvester geschlossen. Netz: ww.pinakothek.de/florenz