Pfalzgeschichte(N)
Die Drei von der Mut-Quelle
Man weiß zunächst gar nicht so recht, wo als erstes hineingreifen angesichts des umfänglichen Katalogs an Einzelaktionen, mit denen das Dreigespann Laura Wittinger, Daniel Grimm und Nina Schulze in der Südpfalz – und nicht nur dort – der Corona-Depression seit Beginn der Pandemie tatkräftig Paroli bietet. Obdachlosenhilfe, Altenheim, Sozialstation, Kinder- und Familienbetreuung, Tafeln … Alles ehrenamtlich, versteht sich. „Miteinander füreinander – Soziale Südpfalz“ heißt ihre Initiative, die weder Vereinsstatus genießt noch an irgendeine staatliche oder karitative Organisation angegliedert ist. Auch wenn die Kooperationen mit offiziellen Körperschaften gerade von diesen längst dankbar ergriffen werden.
„Unsere alleinige Kommunikationsplattform ist Facebook.“ Das funktioniert stets rasch, unkompliziert und – wie soll man das beschreiben? – mit einem motivierenden „Lächeln“ in der Formulierung. „Das hat uns bis heute rund 1600 Unterstützer eingebracht, von denen je nach Projekt und Anforderung umgehend immer irgendwer auf unsere Aufrufe reagiert“, schildert Laura Wittinger.
Mit einer großangelegten Maskennäh-Aktion, so die Künstlerin und vierfache Mutter, sei sie gemeinsam mit Freundinnen beim ersten Lockdown im März eingestiegen. Nicht kleckernd, sondern gleich klotzend. Das Maskenkontingent, das der kleine Trupp der Näherinnen entgeltfrei im Akkord bewältigte, ging in die Tausende. Da Großabnehmer wie Seniorenheime und Krankenhäuser das Material dafür direkt bei einem Neustadter Stoffladen ordern mussten, rettete das den Einzelhändler – schöner Nebeneffekt – erst mal vor dem drohenden Konkurs.
20 engagierte Helfer
Auch Daniel Grimm aus Billigheim hatte bereits im Frühjahr ein Hilfs- und Sammelprojekt für die Südpfalz losgetreten. Und so war es naheliegend, sich zusammenzutun, zumal er ebenfalls eine engagierte und fleißige Maskennäherin, Nina Schulze aus Göcklingen, mit im Boot hatte. Seither ackern die drei Ehrenamtler Seite an Seite, immer da, wo die Wünschelrute der Hilfsbedürftigkeit besonders stark ausschlägt.
Mit einem Kreis von rund 20 engagierten Dauerunterstützern sind sie auch per WhatsApp vernetzt, und eben auf Facebook aktiv, um Bedarf griffig und zeitnah an die stetig wachsende Unterstützergemeinde zu kommunizieren. Es wird gesammelt, transportiert, verteilt. Und, sollte es sich um private Hilferufe handeln, auch die Bedürftigkeit behutsam geprüft. „Wir suchen zunächst den direkten Kontakt, denn – selten vorgekommen bislang – Missbrauch soll ausgeschlossen sein. Sonst verärgern wir unsere Spender“, versichert Daniel Grimm.
Nur keine Geldspenden
Lokal unterschiedlich, aber meist unter erschwerten Corona-Bedingungen arbeiten derzeit die Tafeln, denen die üblichen Zulieferquellen zwischendurch immer wieder wegbrachen. So organisierte „Miteinander füreinander“ mehrfach große Kontingente an Lebensmitteln, etwa für das Haus der Familie in Bad Bergzabern sowie die Tafel in Landau. Als im August 2020 die dort zum Schulbeginn übliche „Schulranzen-Aktion“ – Grundausstattung für Erstklässler aus bedürftigen Familien – auszufallen drohte, klinkte sich die Initiative ein, generierte Sachspenden eines Ranzen-Herstellers und viel weiteres Zubehör für ABC-Schützen, vom Schreibmäppchen bis zur Schultüte.
Dankbar nahmen auch die Kleiderkammern „Klamotte“ der Diakonie Pfalz, der protestantischen Kirchengemeinde Bad Bergzabern, der Tafel Neustadt-Haßloch, der „Kleiderstange“ in Karlsruhe, ebenso die Streetworker in Landau und die Neustadter Obdachlosen-Tagesstätte „Lichtblick“ die Erträge der groß angelegten Sammel-Initiative im Herbst entgegen. „Da ging es vor allem um Winterbekleidung, warme Jacken, Decken und ähnliches“, erläutert Nina Schulz. „Und natürlich kümmern wir uns mit einigen Helfenden immer auch ums Sichten, Sortieren, notfalls Herrichten sowie sauber und trocken lagern, bevor Daniel den Transporter befüllt und die Bestände verteilt.“
Stichwort Transporter: Der wurde von einem Unternehmer, der nicht genannt werden möchte, gesponsert. „So melden sich immer mal auch Handwerksbetriebe und Geschäfte, die uns auf irgendeine Weise wunderbar unterstützen“, lobt Daniel Grimm. Und ganz am Rande: „Geldspenden wollen wir gar nicht, das ist fester Grundsatz“, betont Laura Wittinger. „Spritkosten etwa übernehmen wir selbst.“
Und weil das Klamotten-Sammelergebnis üppig genug ausfiel und der findige Vernetzer aus Billigheim einen entsprechenden Hilferuf erhalten hatte, packte er mit hereinbrechender Kälte ein extra großes Gefährt. Und startete in Richtung Köln. Bei der dortigen „Obdachlosenhilfe mit Herz“ kennt er nämlich einen Gewährsmann, der die Pfälzer Spenden auf dem Domplatz einmal wöchentlich direkt an die Menschen ohne Wohnsitz verteilte.
Überall, wo’s gerade brennt
So ähnlich lief das auch für die Rumänienhilfe, bei der eine junge Frau, die regelmäßig zwischen hier und ihrer östlichen Heimat pendelt, für den zuverlässigen Transfer sorgte. Und so funktionierte es selbst nach dem verheerenden Brand des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos, wo sehr rasch Decken, Schlafsäcke, Lebensmittel und mehr aus der Südpfalz in Richtung Ägäis starteten. „Wir sind glücklich über unsere verlässlichen Gewährsleute, die dafür sorgen, dass die Hilfe direkt bei den Betroffenen ankommt, was auch stets dokumentiert wird“, versichert Daniel Grimm. Das ermöglichte Aktionen nicht allein vor der eigenen Haustür, sondern da, wo es gerade lichterloh brennt.
Daheim in der Pfalz katapultierten sich derweil im bitteren Kontrast zur anbrechenden Vorweihnachtszeit die Inzidenzwerte in die Höhe, provozierten den nächsten Lockdown. Und bei Laura, Daniel und Nina neue Ideen wider den Corona-Blues. Ganz konkrete, wie die große Spielzeugsammelaktion für Kinder, die sonst wohl nichts unterm Tannenbaum vorgefunden hätten. Höchst dankbar zeigten sich Kindernothilfebetreuungen wie etwa die „AR-CHE e.V. Karlsruhe. Oder auch die Riesen-Gebäck-Aktion, um den Pflegekräften der Ökumenischen Sozialstationen Hagenbach, Kandel und Wörth süßen Dank abzustatten. Und wieder blieb es nicht beim Sammeln der Gabenschätze. Viele geschickte Hände verbrachten zahllose Stunden mit Sortieren, Verpacken und liebevoll Beschriften.
Dann war da noch die Aktion Wunschbaum für das Kinderdorf Silz und das Wichern Seniorenheim in Karlsruhe. Da musste alles strategisch durchorganisiert werden, brachte aber auch Wünschende und Wunscherfüllende auf wunderbare Weise zusammen. Helfen, geben, spenden – Pflichten einer sozialen Gesellschaft.
Schließlich auch das: In einer Zeit, die das Haptische untersagt, Umarmungen, selbst Begegnungen auf Distanz verbietet, sind kommunikative Gesten tägliches Brot für die Seele. Und damit waren die „Mutbriefe“ geboren.
Laura Wittinger, die Künstlerin, gestaltete selbst oder gab Gestaltungstipps. Und das löste eine ganze Welle des Depeschensegens für Seniorenheime, Schulen, aber auch Privatpersonen aus. „Liebe Leute, groß und klein, wollt ihr süße Briefengel sein?“ postete Nina Schulze. Und unzählige Bastler, Reimer oder Prosaistinnen machten sich ans Werk, schickten ihre fantasievollen Briefkreationen zur Sammelstelle der Initiative oder gleich an jeweilige Adressaten.
Tauch- und andere Künste
Jenseits solcher einfach nur schönen Aktionen wider die Corona-Depression herrscht freilich vielerorts schlichtweg blanke Not. Sowohl Daniel als auch Laura haben in ihren Depots stets einen kleinen Vorrat an Überlebenspaketen mit haltbaren Lebensmitteln und Hygieneartikeln, Rationen für wenige Tage. Falls es schnell gehen muss. Wie im Falle einer fünfköpfigen Familie, die durch Arbeitsplatzverlust und Kurzarbeit am Ende des Monats ihren Kindern schlicht nichts Essbares mehr vorzusetzen hatte.
„Da bestand einfach Handlungsbedarf, umgehend.“ Gelegentlich, so ist zu hören, kommen Hinweise auf akute Notlagen sogar von offiziellen Stellen wie der Caritas. Denn bis Anträge dort den geregelten Dienstweg passiert haben, über die Schreibtische gewandert sind, können knurrende Mägen nicht zuwarten.
Daraus sei auch niemandem ein Vorwurf zu machen, denn die Einrichtungen seien an ihre Regeln gebunden. „Wir sind da ganz frei, wir tauchen sozusagen unter dem Radar von Ämtern und Antragsregeln hindurch“, sagt die Montessori-Pädagogin Laura Wittinger, die nicht nur in ihrer Vermittlung von Kunst den ganzheitlichen Blick auf das Leben verinnerlicht hat. Immer noch schafft sie es, zwischen Kindern, Küche und zeitintensivem Ehrenamt in ihr Atelier abzutauchen. Ihr abschließendes Credo: „Die Kunst, die sich derzeit in einer Art Schockstarre befindet, ist heute wichtiger denn je. Man braucht Stimmen in der Gesellschaft, die Dinge ansprechen, die sonst keiner sagt. Irgendjemand muss den Finger in die Wunden legen.“
Info
Die Macher – drei Steckbriefe
Künstlerin, Automobil-Manager, Hotelfachfrau – professionell grenzüberschreitend. Die Chemie stimmt einfach, die Zusammenarbeit gestaltet sich barrierefrei. Rundum perfekt, wie alle drei in Herzlichkeit versichern.
Laura Wittinger, Jahrgang 1979, Tochter der Malerin Christiane Maether und des Komponisten Robert Wittinger, studierte nach dem Abitur Germanistik und Kunstgeschichte, später zusätzlich Malerei und etablierte sich auch rasch als Künstlerin sehr sinnenfroher, farbenprächtiger Stillleben; großformatiger Arbeiten, die schlichtweg das Leben feiern. Sie ist Mutter von vier Kindern zwischen 19 und fünf Jahren. Die Familie, nebst drei Katzenbabys, lebt in künstlerischer Mehrgenerationengemeinschaft zwischen Ateliers und neuerdings Corona-Nothilfe-Depots auf der Hambacher Höhe in Neustadt. Laura Wittinger schult im Auftrag des bundesweit tätigen gemeinnützigen Vereins „Montessori für alle“ Pädagogen und Studienabsolventen, die sich für ein Lehramt an Montessori-Schulen bewerben möchten. Ein für sie persönlich sehr wichtiger Teil ihrer beruflichen Tätigkeit. „Gerade für viele durch die Pandemie noch weniger geförderte, aber durchaus begabte Kinder wird die ganzheitliche Montessori-Methode unter Umständen rettend sein“, ist sie überzeugt.
Begabter Praktiker im Team ist der 45-jährige Daniel Grimm, gebürtiger Karlsruher, hauptberuflich im Organisationsmanagement bei Daimler in Wörth. Er ist zu Hause im südpfälzischen Billigheim, wo er sich auch liebevoll um seine Mutter kümmert. Nach einem schweren persönlichen Schicksalsschlag hat er im ehrenamtlichen sozialen Engagement eine feste Basis für ein erfülltes Dasein gefunden. Und er ist ein Kommunikationsgenie, versteht es, Menschen zu motivieren, ist demgemäß weitreichend vernetzt, arbeitet überaus strukturiert und ist – optimaler Nebeneffekt – in der Lage, große Transporter zu steuern.
Schließlich Nina Schulz, die dritte im organisatorischen Dreiergespann: Sie wurde 1985 in Magdeburg geboren, kam noch vor dem Mauerfall in die Pfalz. Schon bevor sie zur Aktion Soziale Südpfalz stieß, hatte die Hotelfachfrau gute Kontakte zu den Landfrauen ihrer Heimatgemeinde Göcklingen gepflegt, sich in der Seniorenbetreuung engagiert und zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr im Akkord Alltagsmasken genäht. Nina Schulz ist Mutter von zwei Kindern im Alter von vier Jahren und sieben Monaten.
Und alle drei Ehrenamtler haben Partner, die „mitziehen“, Rückendeckung geben. Ohne das wär’s schwierig, wie Laura, Nina und Daniel vehement unterstreichen.