Kino RHEINPFALZ Plus Artikel Die Dokumentarfilme beim Festival Max-Ophüls-Preis beleuchten Rollenbilder

Mit dem Hauptpreis ausgezeichnet: „Anima – Die Kleider meines Vaters“.
Mit dem Hauptpreis ausgezeichnet: »Anima – Die Kleider meines Vaters«.

Dörfer sterben, Frauen streiken, und das Gesundheitssystem verbrennt Milliarden. Es sind Themen wie diese, die die deutschsprachigen Dokumentarfilmerinnen und Dokumentarfilmer im Wettbewerb des Saarbrücker Festivals Max-Ophüls-Preis in diesem Jahr umgetrieben haben. Der Hauptpreis geht an eine sensible Genderstudie.

Nicht in unmittelbar agitatorischer Form widmen sich die Nachwuchsfilmer ihren gesellschaftspolitischen Themen, sondern eingebunden in sehr persönliche Geschichten, die auch für sich stehen können und keineswegs nur als Platzhalter für einen Thesenfilm dienen. Nur die wohl größten Menschheitsprobleme unserer Zeit blieben ausgespart, der Klimawandel und die Pandemie. Zwar sah man Menschen mit Masken, denn vieles wurde 2020 und 2021 gedreht. Aber explizit spielten die gesellschaftlichen Konflikte rund um das Virus keine Rolle in den genau hinschauenden und oft bewegenden acht Wettbewerbsfilmen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Beschwingt: „Anima – Die Kleider meines Vaters“

Eine Frau läuft durch die Münchner Innenstadt: enges, leuchtend rotes Kleid, hohe Schuhe, perfekt geschminkt. Wir sehen „sie“ allerdings nur von hinten. „Sie“ könnte also auch „er“ sein. Das zumindest legt die Tonspur nahe. Auf ihr hören wir eine männliche Stimme eine Tagebuchnotiz lesen: „Im dichten Gedränge der Hauptstraßen verlor ich jede Scham. Niemand dreht sich um oder gaffte“.

Der Mann, der in die Anonymität der Großstadt eintaucht, ist der verstorbene Vater von Regisseurin Uli Decker. Er hatte ein Doppelleben geführt: Als Lehrer war er ein pflichtbewusster Beamter des Freistaates Bayern, als Mann in Frauenkleidern ein heimlicher Verfechter bunter Lebensentwürfe. In dem Moment, als sie die hinterlassenen Kleider ihres Vaters anzieht und durch München läuft, ist Tochter Uli ihrem Vater, den sie immer als distanziert empfand, so nah wie nie. Auch sie mochte sich nie pressen lassen in Schemata von männlich oder weiblich, schon als Kind nicht.

Wer von Uli Deckers Ich-Erzählung ein queeres Pamphlet oder eine tieftraurige Reportage erwartet, wird eines Besseren belehrt. „Anima – Die Kleider meines Vaters“ konterkariert die deprimierenden Konsequenzen der gesellschaftlich erzwungenen Heimlichtuerei durch eine beschwingte Leichtigkeit, lustige Animationen und sprudelnde Fantasie. Von der Überwindung, die es die Regisseurin gekostet hat, derart persönlich in die eigene Familie hineinzuleuchten, ist im fertigen Film nichts mehr zu spüren.

Die Dokumentation holt quasi das Gespräch nach, das die Regisseurin mit ihrem Vater zu Lebzeiten wegen dessen selbst verordneten Schweigegebots nicht führen konnte. Gerade die tief in Privates reichende Intimität öffnet den Film aber für ein universelles Verständnis. Denn letztlich geht es nicht allein um das Bedürfnis, Frauenkleider zu tragen, sondern um den von vielen Menschen empfundenen Zwang, ihr wahres Selbst verstecken zu müssen. Zu Recht gewann „Anima – Die Kleider meines Vaters“ den Hauptpreis des Doku-Wettbewerbs. Zudem bekam er die besten Noten beim Publikumspreis der Sektion.

Die neuen Schweizer Evas stoßen weiter an Grenzen

Um Geschlechterrollen geht es auch im Schweizer Beitrag „Les nouvelles Èves“. Sechs Regisseurinnen haben sich hier zu einem ebenso ungewöhnlichen wie anspruchsvollen Projekt zusammengetan. Ausgehend von der durch den zweiten Schweizer Frauenstreik 2019 ausgelösten Frage, was sich eigentlich gebessert hat gegenüber dem ersten Aktionstag 1991, porträtieren die Filmemacherinnen sechs Frauen und Mädchen. Deren Alter reicht von neun bis 64 Jahren, sie kommen aus allen sozialen Schichten, haben teils wissenschaftliche oder künstlerische, teils prekäre Berufe. Faszinierend dabei: Wie die Montage die teils noch immer himmelschreienden Ungerechtigkeiten nicht wie eine Fahne vor sich herträgt, sondern leise in ein Geflecht sehr persönlicher Porträts einwebt.

Trotz der vergleichsweise geringen Zeit, die der Film den einzelnen, ineinander geschachtelten Episoden widmen kann, entsteht von jeder Persönlichkeit ein komplexes Bild. Was die Frauen verbindet, wird nicht explizit ausgesprochen, sondern untergründig spürbar in unspektakulären, klug verdichteten Alltagssituationen. Einerseits erlebt jede von ihnen die zum Teil gar nicht böswillig, sondern aus bloßer Nachlässigkeit aufrecht gehaltenen Barrieren, an denen sich die Protagonistinnen immer wieder stoßen. Zudem verbindet sie das allen gemeinsame Selbstbewusstsein, sich auf dem Weg zu einem autonomen Leben von nichts und niemandem aufhalten zu lassen. Weder von den versteckten Vorurteilen bei Arbeitsvermittlern noch von der Bequemlichkeit ansonsten aufgeschlossener Ehemänner, die aber leider wieder mal keine Zeit haben, das Kind zu einem wichtigen Termin zu fahren.

„Vier Sterne plus“ blickt auf den Zustand der Pflege

Mit Stereotypen anderer Art hat Krankenhausmanager David-Ruben Thies zu kämpfen. Nämlich mit der Kapitulation vor der vermeintlichen Vorgabe, eine wirklich gute Pflege und ein heilungsförderndes Ambiente sei höchstens für reiche Privatpatienten möglich. Der umtriebige Protagonist von „Vier Sterne plus“ tritt den Gegenbeweis an. Filmemacherin Antje Schneider begleitet ihn bei seinem Projekt, den Plattenbau des Kreiskrankenhauses im thüringischen Eisenberg durch einen lichtdurchfluteten Neubau zu ersetzen. Geplant ist eine Art Sternehotel, wo jeder „Gast“ aus seinem Bett in den Wald schaut, wo es im Eingang nach Kaminfeuer riecht und wo die Pflegerinnen und Pfleger deutlich weniger Menschen betreuen müssen als anderswo. Und zwar zu denselben Kosten, die jede „normale“ Klinik ebenfalls verursachen würde.

Klinikchef David-Ruben Thies kämpft nicht nur für „sein“ Haus. Er will Zeichen setzen für eine Reform des Gesundheitswesens, an der die Politik seit Jahrzehnten scheitert. Beispiel: überflüssige Operationen, die den Kliniken aber viel Geld bringen. „Deutschland hat im letzten Jahr so viele Prothesen eingesetzt wie alle anderen EU-Mitgliedsstaaten zusammen“, behauptet der Manager. Er tritt damit eine Debatte los, die einen eigenen Film füllen würde. Aber Antje Schneider und ihr Cutter Carsten Waldbauer verzetteln sich nicht in Details, sondern regen lediglich weiterführende Debatten an. In einer beindruckenden Montage zerlegen sie hochkomplexe Themen in filmgerechte Häppchen – nicht durch Vereinfachung, sondern einen publikumsfreundlichen Mut zur Lücke.

Preise für zwei experimentellere Arbeiten

Der Film hätte einen der beiden anderen Preise des Wettbewerbs verdient gehabt. Aber die gingen an experimentellere, wenn auch weniger spannende Arbeiten. Mit der Auszeichnung für die „Beste Musik in einem Dokumentarfilm“ wurden Julia Kent (Komposition) und Jola Wieczorek (Regie) geehrt. In „Stories From The Sea“ geht es um drei Frauen, die auf unterschiedlichen Schiffen das Mittelmeer bereisen und nichts anderes miteinander teilen als ihre Liebe zur Seefahrt. Die Musik, so befand die Jury, verwebe die getrennten Episoden zu einem stimmigen Ganzen.

Für eine inhaltlich dünne, aber formal reizvolle Arbeit entschied sich auch die erstmals installierte Jury der Filmkritik. Mit ruhigen, sinnlich betörenden Einstellungen fängt die Deutsch-Bulgarin Eliza Petkova in „Mayor, Shepherd, Widow, Dragon“ das Sterben eines bulgarischen Dorfes ein. Ihre mystisch angehauchte Alltagsstudie verrät eine tiefe Hingabe an das naturverbundene Leben. Doch der Stoff wäre in einem mittellangen Film besser aufgehoben gewesen.

Um Geschlechterrollen geht es im Schweizer Beitrag „Les nouvelles Èves“.
Um Geschlechterrollen geht es im Schweizer Beitrag »Les nouvelles Èves«.
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