Porträt
Die Überfliegerin: Die US-Dichterin Amanda Gorman hat bei der Biden-Vereidigung alle verzaubert
Wie sie den Zustand ihres Landes beurteilt, hat Amanda Gorman der „Los Angeles Times“, der Zeitung ihrer Heimatstadt, kürzlich schnörkellos gesagt. „Amerika ist chaotisch. Es befindet sich immer noch einer frühen Phase seiner Entwicklung, hin zu all dem, was wir werden können. Und das muss ich in meinem Gedicht in Rechnung stellen.“
Das Gedicht, vom dem sie sprach, ist jetzt berühmt. Für ihren Vortrag von „The Hill We Climb“ gab es nicht nur Lob von Barack Obama und Oprah Winfrey, sondern auch, vielleicht wichtiger, von Komponist Lin-Manuel Miranda. „YES!!!“, in Großbuchstaben, twitterte der Mann, der mit „Hamilton“ ein wunderbar originelles Musical über die Entstehungsgeschichte der USA produzierte, die Rollen der durchweg weißen Gründer teils mit schwarzen Rappern besetzte.
„Ein dürres, schwarzes Mädchen“
Am Mittwoch, am Kapitol, hat Amanda Gorman von der Demokratie gesprochen, deren Vorankommen phasenweise verzögert, die aber niemals besiegt werden könne. Vom kürzlichen Sturm auf das Parlamentsgebäude, dem Symbol für eine Kraft, „die unsere Nation zerstören wollte, anstatt sie miteinander zu teilen“. Von einer Nation, die nicht gebrochen, sondern einfach nur unvollendet sei. Und davon, dass sie, „ein dürres schwarzes Mädchen“, Nachfahrin von Sklaven, aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter, davon träumen könne, Präsidentin zu werden. Dazu machte sie Handbewegungen, die an den Film „The King’s Speech“ denken ließen. Darin gibt der Sprachlehrer Lionel Logue mit fließenden Gesten dem britischen König George VI. den Rhythmus vor, damit er nicht stottere.
Auch über Gorman heißt es, dass sie in ihrer Kindheit beim Reden häufig ins Stocken geriet. Weil auch der junge Joe Biden gegen das Stottern ankämpfte, strickten US- Boulevardblätter daraus die Geschichte, dass er sie auch deshalb auf seiner Inaugurationsfeier reden lassen wollte. Tatsächlich hatte wohl Jill Biden, First Lady und Englischlehrerin, Gorman entdeckt. Nachdem sie die junge Afroamerikanerin bei einem Auftritt in der Kongressbibliothek in Washington erlebt hatte, soll sie so beeindruckt gewesen sein, dass sie Organisatoren der Zeremonie nahelegte, an Amanda Gorman zu denken.
Unbequemes benennen
Vor fünf Jahren gründete die damalige Schülerin eine Organisation namens „One Pen, One Page“, die es – so die Eigenbeschreibung – „jungen Geschichtenerzählern ermöglichen soll, die Welt zu verändern“. Bereits zuvor war ihr erster Gedichtband erschienen, „The One For Whom Food Is Not Enough“. Inspiriert von Malala Yousafzai, der mit dem Nobelpreis geehrten Aktivistin aus Pakistan, wurde Amanda Gorman Jugenddelegierte bei den Vereinten Nationen. Später studierte sie an der Universität Harvard Soziologie. Vor zwei Jahren wurde sie erste „National Youth Poet Laureate“ der USA, „Jugend-Staatsdichterin“ sozusagen. Am Mittwoch dann war sie die jüngste Dichterin, die nach der Rede eines frisch vereidigten Präsidenten rezitieren durfte.
Sie habe, so Gorman, beim Schreiben ihres Gedichts immer daran gedacht, dass sie kein Bild zeichnen wolle, dass Unbequemes übertünche. Dass unbequeme Wahrheiten, denen sich ihr Land nun mal stellen müsse, nicht wegradiert oder an den Rand drängen wolle. Wie sich zum Beispiel das Alltagsleben heranwachsender Amerikaner mit dunkler Haut noch immer unterscheidet von dem ihrer weißen Altersgenossen, hat Amanda Gorman erst vor wenigen Tagen einem Reporter der „Washington Post“ erklärt. Was ihre erste Erfahrung mit Politik gewesen sei, wurde sie gefragt. „Als ich wirklich noch sehr jung war, las mir meine Mutter meine Miranda-Rechte vor.“
Aufwachsen mit möglicher Polizeigewalt
Nach den Miranda-Regeln müssen Festgenommene bei Polizeiverhören auf ihr Recht hingewiesen werden, sowohl einen Anwalt heranziehen als auch schweigen zu können. Im US-Sprachgebrauch steht der Begriff generell für den Umgang mit Polizisten. Wenn man als schwarzes Kind in Amerika heranwachse, komme man irgendwann an den Punkt, „an dem unsere Eltern das mit uns führen, was sie ,das Gespräch’ nennen“, erklärte Gorman dem Reporter. „Allerdings geht es dabei nicht um Vögel oder Bienen oder darum, wie sich unsere Körper verändern. Es geht um die potenzielle Zerstörung unserer Körper.“ Ihre Mutter, fügte die Dichterin hinzu, habe sichergehen wollen, dass sie wisse, was es bedeute, mit dunkler Haut aufzuwachsen.
Bei ihrem Vortrag aber klang Gorman trotz dieser Erfahrungen keineswegs verbittert, sondern optimistisch. Auch darum hingen alle Zuhörer an ihren Lippen.