Kultur Des Komischen überlegene Höhe
„Ich heiße Valentin mit F. Es heißt ja auch nicht Wogel oder Water“, pflegte der am 9. Februar 1948 gestorbene Valentin Ludwig Fey zu sagen, der Nachwelt bekannt als Karl Valentin, Komiker aus München. Heute ist sein Namenstag, was ihn wohl nur der korrekten Aussprache wegen interessiert hätte. Er war nämlich Protestant und ein Pedant. Jemand, der aus der Absurdität der Welt nicht nur in surreale Wortkunst floh, sondern sich auch gerne hinter skurrilen Masken versteckte. Nur wenigen ist es gelungen, den Menschen dahinter zu fassen.
„Saubande, dreckade!“ Wer am Telefon hilflos darauf wartet, mit dem richtigen Ansprechpartner verbunden zu werden (oder, moderne Variante, nach unzähligen Computerstimmen endlich auf einen realen Menschen trifft), und sich dabei an den Schluss des legendären Sketchs vom „Buchbinder Wanninger“ erinnert, regt sich wahrscheinlich weniger auf. Und hat zugleich einen Spalt breit Einblick in die Komik des Karl Valentin gewonnen. Die nun hat rein gar nichts mit dem johlenden Gelächter über Comedians oder dem fröhlichem „Hodi odi ohh di ho di eh“ eines selbsternannten Volkssängers zu tun, sondern immer mit einer gehörigen Portion Verzweiflung an der Realität. Oder an sich selbst. An der langen spindeldürren, an Don Quichote erinnernde Gestalt zum Beispiel, die Valentin schließlich als Requisit für seine Bühnenauftritte einsetzte, überzeichnete, mit ihr spielte. Mit einem Mal war „das Traurige hinaufgeschraubt in des Komischen überlegene Höhe“. So formuliert es der Kunstkritiker, Kulturhistoriker, Publizist und Diplomat Wilhelm Hausenstein (1882-1957), unter anderem erster Biograf des Malers Albert Weisgerber aus St. Ingbert, Mitbegründer der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und nach dem Zweiten Weltkrieg erster Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Paris. Zu seinen Freunden gehörten Theodor Heuss, Rainer Maria Rilke, Annette Kolb, Paul Klee – und eben Karl Valentin. Ein seltsames Paar, der elegante Schöngeist und Weltbürger aus dem Schwarzwaldstädtchen Hornberg und der verschrobene Star der Münchner Vorstadtbühnen, der die Au dem glamourös „leuchtenden“ Schwabing vorzog. Außer dem Geburtsjahr 1882 scheint sie so gar nichts zu verbinden. Außer diesem: Als komplizierte Charaktere galten sie beide. Und wenn man nach einem Grund sucht, warum gerade Hausenstein Kunst und Wesen des bis heute als Ur-Münchner Original geltenden Karl Valentin so grandios analysiert und dargestellt hat, wird man hier fündig. Da hat einer zutiefst verstanden. Sogar die Verzweiflung geteilt? Der Text Wilhelm Hausensteins über „Die Masken des Komikers“ ist als Nachruf erschienen, nachdem der vom Hunger gezeichnete Karl Valentin am 9. Februar 1948 an einer Lungenentzündung gestorben war – zusammen mit einigen jener Fotografien, die Valentin kurz zuvor als Leporellos veröffentlicht hatte: Sie zeigen den Sprachakrobaten als Verwandlungskünstler, der auch ohne Wort und Ton große Wirkung erzielt. Valentin schlüpft in die unterschiedlichsten Rollen, verkleidet sich als Athlet, als Feuerwehrmann, als Lorelei, als Musik-Clown. Aus dem durch tragikomische, fast valentinesk zu nennende (Un-)haltung der Stadt München in die Sammlung der theaterwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln gelangten Nachlass hat der Schirmer/Mosel Verlag jetzt 64 Fotografien zusammen mit dem Hausenstein-Essay sowie einem Vorwort von Wolfgang Till, dem langjährigen Direktor des Münchener Stadtmuseums, herausgegeben. Eine großartige Hommage an einen großen Künstler! Lesezeichen Karl Valentin: Fotografien; Schirmer/Mosel Verlag München; 188 Seiten; 19,80 Euro