Film
Der Schauspieler Lex Barker alias Old Shatterhand ist 50 Jahre nach seinem Tod noch populär
Diese immense und vor allem beständige Popularität ist frappierend und folgerichtig zugleich. Die von Karl May erdachte Figur des aus Deutschland stammenden Hauslehrers und Landvermessers, der im Wilden Westen an der Seite seines indianischen Blutsbruders Winnetou für das Gute, Schöne, Wahre kämpft, ist nicht nur die Idealverkörperung von Edel- und Wagemut.
Weil Karl May in Ich-Form schreibt, erscheint Shatterhand zugleich als identifikationsfähige Projektionsfläche für unser aller Hoffnung auf eine Welt der Tugend, Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit, des sentimentalen Pathos und der edelmütigen Noblesse in der Gesinnung wie im Handeln – noch dazu vor einer exotischen Kulisse voller Abenteuer und Anfechtungen.
Industriellensohn aus den USA
Insofern hatte der Produzent Horst Wendlandt auf eine sichere Bank gesetzt, als er 1962 mit beträchtlichem Aufwand und internationaler Beteiligung den Karl-May-Roman vom „Schatz im Silbersee“ ins Kino brachte. Die Rolle des Winnetou besetzten er und sein Regisseur Harald Reinl bewusst mit einem bis dato unbekannten Darsteller, dem Bretonen Pierre Brice. Neben den heimischen Top-Stars Marianne Hoppe, Götz George und Karin Dor platzierte er den Hollywood-Bösewicht Herbert Lom. Im Mittelpunkt aber stand Lex Barker als unfehlbarer Heros mit dem Kriegsnamen Old Shatterhand.
Der 1919 geborene Industriellensohn aus dem US-Bundesstaat New York hatte bis dahin eine Handvoll Tarzan-Filme in Hollywood sowie ein paar Seeräuber- und Säbelrassler-Abenteuer in der italienischen Filmmetropole Cinecittà gedreht. Dem hiesigen Publikum war er vertraut durch „Dr.-Mabuse“-Krimis und das Mediziner-Melodram „Frauenarzt Dr. Sibelius“.
Fantumulte bei Premieren
Die verbreitete „Film Encyclopedia“ des US-Lexigraphen Ephraim Katz widmet ihm auf 1500 Seiten ganze 14 Zeilen und die knappe Feststellung, er sei „besonders bekannt in Deutschland, wo er Hauptrollen in einer Reihe von Wildwest-Sagas nach den Geschichten von Karl May spielte“.
Das ist zutreffend, lässt die ungeheure Anziehungskraft und Beliebtheit dieser Filme aber nicht einmal erahnen. Lex Barker avancierte – wie seine Mehrfachpartner Pierre Brice, Ralf Wolter und Marie Versini – zum Top-Star, dessen persönliches Erscheinen bei Premieren regelmäßig für tumultartige Fan-Aufmärsche sorgte und die Kinokassen verlässlich füllte.
Nie Deutsch gelernt
Der drahtig-athletische 1,90-Hüne, der in Hollywood nur ein B-Star unter vielen gewesen war, heimste in Deutschland Popularitätspreise vom „Bravo“-Otto bis zum Bambi ein und kassierte alsbald Gagen von 100.000 Mark pro Film. Der Berliner Produzent und Wendlandt-Konkurrent Artur Brauner verpflichtete ihn sogar für einen Film, der schlicht „Old Shatterhand“ (1963) hieß und aus den Buchvorlagen nur die Namen der Protagonisten übernahm.
Als der Karl-May-Zyklus vom Wilden Westen auf Orient und Südamerika erweitert wurde, konnte kein anderer als Lex Barker auch den Kara Ben Nemsi und den Azteken-Arzt Sternau spielen. 17 Filme entstanden bis zur 1968 uraufgeführten Brauner-Produktion „Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten“. In Reprisen und Fernsehausstrahlungen blieben sie präsent und erfolgreich.
Herzinfarkt auf offener Straße
In der Fan- und Klatschpresse hatte der einmal verwitwete, dreimal geschiedene und zu dieser Zeit vor dem Ende seiner fünften Ehe stehende Star einen festen Platz. Die deutsche Sprache hat er, der in der Bundesrepublik ein Millionen-Hit war, nie erlernt.
1971 kam es zur nostalgischen Wiederbegegnung von Barker, Brice und Versini, als sie in der „Rudi-Carrell-Show“ ihr Leinwand-Image persiflierten; übrigens als Partner von Theo Lingen, der in zwei Karl-May-Filmen von 1958/59 den Orientforscher Lindsay gespielt hatte.
Drei Tage nach seinem 54. Geburtstag erlitt Lex Barker in Manhattan auf offener Straße einen Herzinfarkt und starb. Von der Öffentlichkeit gänzlich unbeachtet, ist auch vor wenigen Wochen der Shatterhand-Darsteller der Karl-May-Festspiele Elspe gestorben. Der 81-jährige Jochen Bludau hatte die Rolle über Jahrzehnte spielte, zeitweilig an der Seite des Film-Winnetou Pierre Brice.