Kunst
Der Schöpfer der Aldi-Tüte: München feiert den Künstler Günter Fruhtrunk
Von Energie ist viel die Rede. Die Farben springen ja fast aus den Bildern, wie Raubkatzen in der Manege: saftiges Grasgrün und knalliges Rapsgelb, starkes Royalblau und dazwischen undurchdringliches Schwarz, das wie ein Dompteur unerbittlich für Ordnung sorgt – besonders, wenn Günter Fruhtrunk mit einem Orange zugange ist, das jede sonnengereifte Apfelsine blässlich aussehen lässt.
Der amerikanische Dokumentarfilmer Warren Forma hatte den Künstler im Sommer 1962 vor der Kamera. Hoch oben über den Dächern von Paris geht es im Atelier an der Rue Saint-Luc zügig zur Sache. Fruhtrunk fuhrwerkt in Dosen und Töpfen, mischt seine leuchtenden Tinkturen, um sie immer wieder auf Papierstreifen zu testen. Bei aller Geschwindigkeit ist hier nichts dem Zufall überlassen: Geodreieck und Reißfeder geben den Kurs vor, dann staunt man, wie exakt der damals knapp 40-Jährige mit dem Pinsel Linien nachfährt, die sich zu Bändern ausbreiten. Freihändig.
Fruhtrunk zirkelt sich frei
Im Lenbachhaus bilden diese Filmaufnahmen nun einen interessanten Auftakt, denn man stellt sich bei einem so überaus reflektierten Maler ein viel vorsichtigeres, vielleicht sogar zaghafteres Agieren vor. Mag sein, dass Forma diesen Filmausschnitt raffen musste, denn im Beitrag über die „School of Paris“, hierzulande spricht man von der „Nouvelle École de Paris“, hat er noch andere Künstler porträtiert. Dass der Deutsche ganz selbstverständlich zu den Protagonisten und Weiterentwicklern der abstrakten Malerei in Frankreich gezählt wird, sagt freilich viel über dessen Akzeptanz.
Die Pariser Jahre von 1954 bis 1967, die in der Ausstellung im Mittelpunkt stehen, markieren überhaupt eine gute Zeit. Zumindest was die Kunst betrifft. Denn der am 1. Mai 1923 in München geborene Fruhtrunk gehört zu denen, die in jungen Jahren die ganze Grausamkeit eines Weltkriegs erfahren haben. Mehrmals ist er verwundet worden, eine schwere Kopfverletzung sollte ihn ein Leben lang quälen – bis er es nicht mehr ausgehalten hat und 1982 Selbstmord beging.
Fruhtrunk schleppte jedenfalls einiges mit im Gepäck, das Erlebte war sicher auch eine Art Antrieb, und nach den dunklen Jahren sollte Paris für ihn der Ort der Entfaltung werden. Die Moderne hatte hier ihre ersten entscheidenden Impulse bezogen, nach 1945 gleicht die Stadt erneut einem riesigen Experimentierfeld, und Fruhtrunk will am Puls der Zeit zu einer eigenen gegenstandsbefreiten Malerei finden, zu Formen und Kompositionen, die sich jeder Hierarchie entziehen und die unabhängig sind von persönlichen Befindlichkeiten.
Fernand Légers sachliche Kunst gefiel ihm – 1952 darf er sich mehrere Wochen in dessen Privatatelier aufhalten. Genauso bekennt er sich zu Jean Arp, der ihn durch Empfehlungen fördert und ihm konstruktivistisch auf die Sprünge hilft. Neben der Auseinandersetzung mit Kasimir Malewitsch ist das ein wichtiger Anstoß, und man kann nun nachvollziehen, wie Fruhtrunk von den anfangs übereinandergelegten, teils fast transparenten Flächen, die über dem Bildgrund zu schweben scheinen, mehr und mehr zur Konzeption mit dem Lineal hin tendiert – über einheitlichem Hintergrund.
Das ist eine aufregende Phase, diese frühen Werke ausgesprochen reizvoll, manchmal muss man neben den üblichen Referenzen auch an Willi Baumeister und Serge Poliakoff denken. Doch ausgerechnet mit Kreisen und Quadraten oder längeren Balken zirkelt sich Fruhtrunk zugleich von den übermächtigen Vorbildern der 1920er Jahre frei. Dabei wird Schwarz zum markanten Kontrahenten – für Weiß und Rot, sogar für Grün oder Grau. Und was so stabil wirkt, als könne dieses Konstrukt nichts erschüttern, wird bei näherem Hinsehen immer dynamischer.
Vor den Arbeiten der frühen 60er Jahre möchte man das Gehirn wie bei einer Achterbahnfahrt festhalten, so sehr drängen Bänder und Kreissegmente aus ihrer Position. Erst recht, wenn das Schwarz von schmalen blauen Streifen in Schwingungen versetzt wird. Fruhtrunk hat gerne von der „domestizierten Energie“ gesprochen. In sagenhafter Präzision sind geometrische Formen in minutiös ausgetüftelten Abständen auf die Leinwand gebracht. Das Raster ist vorgegeben, man könnte auch sagen, der Käfig steht. Ebenso sind die intensiven Farben genau aufeinander abgestimmt, Fruhtrunk muss nicht in rasant-pastosem Auftrag schwelgen, um Bewegung in seine Kunst zu bringen.
Mit abgeklebtem Tacho
Ein bisschen erinnert das an ein Autorennen. In seiner Alfa Romeo Giulia ist der Künstler selbst gerne von Paris nach München gebrettert und wieder zurück. Den Tacho hatte er mit Leukoplast abgeklebt, und man wundert sich, wie er das alles umgesetzt und durchgestanden hat – mit den unablässigen Schmerzen. Von 1967 an betrifft das auch die Professur an der Münchner Kunstakademie. Ehemalige Studentinnen und Studenten schwärmen bis heute von seinem unermüdlichen Engagement, von den eindringlichen, durchaus politischen Gesprächen und vom Respekt vor anderen künstlerischen Lösungen.
Streng war er vor allem mit sich selbst. Die Plastiktüte mit dem blau-weißen Balkenmuster, die er für Aldi-Nord Anfang der Siebzigerjahre entworfen hatte, konnte er sich nie verzeihen. Er habe gesündigt, bekannte er und warf das Salär – 400 Mark – in die Klassenkasse an der Akademie. Und doch hat Fruhtrunk etwas geschaffen, das bis heute sofort ein Bild vermittelt, und dazu ein gutes. Schade eigentlich, dass dieses ikonische Millionen-Multiple 2019 aus den Filialen verschwunden ist.
Die Ausstellung
„Günter Fruhtrunk. Die Pariser Jahre 1954-1967“ bis 7. April ; Katalog 20 Euro; www.lehnbachhaus.de