Film
Der neue Joker: Joker und Harvey singen sich das Leben schön
Fortsetzungen erfolgreicher US-Kinofilme werden nicht unbedingt sehnsüchtig erwartet, sind sie doch meistens nur ein müder Abklatsch mit noch mehr Toten und noch mehr Spezialeffekten. Doch bei „Joker – Folie à deux“ war man gespannt, weil: Lady Gaga spielt mit. Sie passt eigentlich nicht in die Welt dieses Mörders mit der Clownsmaske namens Arthur Fleck, der im ersten Film, einem Psychothriller, fünf Menschen tötete. Regisseur Todd Philipps (53), der auch das Drehbuch mitschrieb, wollte wohl keine klassische Fortsetzung und versuchte deshalb etwas Neues im DC-Comic-Imperium noch nie Dagewesenes, was an sich etwa Gutes ist.
Wer den Film von 2019 nicht kennt, der überraschend den Goldenen Löwen in Venedig gewann und Joaquin Phoenix als Joker später den Oscar einbrachte, der wird mit diesem zweiten Joker-Film nichts anfangen können, denn man muss schon wissen, dass der Joker eine Comicfigur ist, der Gegenspieler von Batman in der Stadt Gotham City (die für New York steht), und was ihn ins Gefängnis brachte. Joker ist ein trauriger psychisch kranker Held mit einem Lachproblem, der in den 80er Jahren versuchte, ein Comedystar zu werden, es nicht schaffte und aus Frust ein paar Leute umbrachte.
Gute Stimmung im Knast
Nun sitzt er im Gefängnis – und in einer Verhandlung muss entschieden werden, ob er überhaupt zurechnungsfähig ist oder war. Das hört sich nicht gerade nach einem spannenden Blockbuster an – und das ist es auch nicht. Es dauert nicht lange – und im Gefängnis wird gesungen: Ein seltsamer gemischter Gefangenenchor mit Lee Harvey Quinn (Lady Gaga) singt im Flur, als Joker gerade vorbeigeht und die blonde Frau erblickt. Es muss wohl Liebe auf den ersten Blick sein, bald singt der Joker auch – und mit ihm sein ganzer Block: „Oh When the Saints Go Marchin’ in“. Die Stimmung im Knast ist also gut, obwohl Joker – wie schon im ersten Film – von allerlei Menschen misshandelt wird. Bald schon singt er mehrfach mit Harvey im Duett – es muss wohl ein Traum sein, denn Harvey ist eigentlich die Anführerin einer anarchistischen Gruppe, die Gotham City umstürzen will. Als sie entlassen wird und vor dem Prozessauftakt gegen Joker im Gerichtssaal erscheint, sammelt sie eine große Fangemeinde um sich.
Erst ein Gefängnisfilm, dann ein Musical, dann ein Gerichtsfilm – wie soll das gehen? Gar nicht, die Handlung – so man von einer Handlung sprechen will, ist dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass Comic-Fans die Haare zu Berge stehen dürften. Die Lady-Gaga-Fans wundern sich, weil sie mit einer Ausnahme keine eigenen Songs singt, sondern Musical-Klassiker. Die Joaquim-Phoenix-Fans staunen, weil er auch singt, so gebrochen, wie es zu seiner Figur passt. Es ist ein bisschen viel des gesungenen Liebesgesülzes, aber es ist in stimmige Show-Bilder gefasst.
Gespaltene Persönlichkeit?
Doch was soll das? „Folie à deux“, der Film heißt auch im amerikanischen Original so, ist ein Begriff aus der Psychologie, der beschreibt, dass zwei Personen dieselben Wahnvorstellungen haben. Das kann hier nur die Liebe sein. Dabei geht es im Prinzip darum, ob Arthur Fleck eine gespaltene Persönlichkeit hat, also etwas ganz Anderes. Harley mag nur seine Seite mit dem angemalten Gesicht, sie mag den Underdog, der sich über alle gesellschaftlichen Regeln hinwegsetzt. Wer will könnte Ansätze von Gesellschaftskritik sehen – zum Beispiel das Erstarken der radikalen Rechten mit Trump in den USA, aber auch in Europa, in Deutschland, zumal auch noch eine Bombe hochgeht. Doch hinterfragt wird das nicht.
Arthur ist klar, dass er nicht verrückt ist, sondern genau wusste, was er tat, als er Menschen tötete. Er rebelliert nur für sich, nicht gegen andere und nicht gegen das Gesellschaftliche. All das verschwimmt, je mehr Musicalnummern gesungen werden, die Träume scheinen die Realität zu überholen, von Kritik ist keine Spur mehr. Der Film gleitet ab in pures Entertainment. Das ist zwar perfekt in Szene gesetzt – bringt die Geschichte aber nicht weiter und fügt der Figur des Arthur Fleck nichts Neues hinzu. Wer gerne deutsche Bezüge haben will, bitte sehr: Die in Berlin geborene, schwarze Deutsch-Amerikanerin Zazie Beetz spielt wieder mit – und die Musik jenseits der Musicalsongs stammt wieder von der in Berlin lebenden, für den ersten „Joker“ oscargekrönten isländischen Komponistin Hildur Guðnadóttir.
Die Terroristen von heute
Irgendwann verlässt Harvey enttäuscht den Gerichtssaal und – und mit Hilfe eines irren Coups, der mehr mit den Terroristen von heute als mit den Gangstern des CD-Comics zu tun hat, auch der Joker. Bis dahin hat man qualvolle zweieinhalb Stunden verbracht und fragt sich, was das Ganze soll. Einen zweiten Goldenen Löwen wird das kaum bringen, Sinn und Verstand sind hier nicht erkennbar – sehr wohl aber in den besten Szenen des Films ganz zu Beginn: einer Animation des (schon viermal für den Oscar nominierten) Franzosen Sylvain Chaumet, der im Sinne der guten, alten, bösen Warner-Bros.-Cartoons den Joker mit seinem Schatten kämpfen lässt. Danach kann man eigentlich getrost den Saal verlassen. (Kinostart: 3. Oktober).