Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Der Meister des Exzessiven

Eines seiner letzten Konzerte: Jimi Hendrix im September 1970 auf dem Love-&-Peace-Festival auf Fehmarn.
Eines seiner letzten Konzerte: Jimi Hendrix im September 1970 auf dem Love-&-Peace-Festival auf Fehmarn.

Man muss ihn hören und am besten auch sehen, um verstehen zu können, warum Jimi Hendrix die Musikwelt heftiger durcheinandergewirbelt hat als alle Gitarristen vor und nach ihm. Doch dafür bleiben uns allein Ton- und Filmdokumente, denn der am Sonntag vor 80 Jahren in Seattle geborene James Marshall Hendrix ist bereits 1970 gestorben. Hinterlassen hat er drei Studioalben und Mitschnitte, die einige der legendärsten Konzerte aller Zeiten dokumentieren.

Jimi Hendrix ist einer der kreativsten und einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts gewesen. Sein innovativer Stil, bei dem er Fuzz, Feedback und kontrollierte Verzerrung kombinierte, schuf eine neue Musikform. Er hatte ganz einfach einen völlig neuen Begriff davon entwickelt, wie sein Instrument gespielt werden konnte, geradeso wie Cecil Taylor das fürs Klavier und John Coltrane es fürs Tenorsaxophon getan hatten.

Da er keine Noten lesen konnte, ist Jimi Hendrix’ kometenhafter Aufstieg in der Musik umso bemerkenswerter. Seine musikalische Sprache beeinflusste eine Vielzahl moderner Musiker, von George Clinton, Miles Davis bis Steve Vai.

Der Aufstieg

Sein Können als Songschreiber reichte von einer beunruhigenden, mystischen Bildersprache bis zu den handfesten sexuellen Anspielungen des Blues’. Er sang dabei mit einer dünnen Stimme, der nur auf den ersten Blick enge Grenzen gezogen zu sein schienen, doch offenbarte sie dann bemerkenswerte Nuancierungen und Ausdrucksstärke.

Hendrix war noch ein musikalischer Nobody, als er im Juni 1967 beim Monterey Pop Festival sein Debüt in Amerika gab. Er trat im letzten der fünf Konzerte auf und kam auf die Bühne, kurz nachdem die Who das Publikum mit ihrem Mod-Feuerwerk erschöpft hatten. Aber Jimi Hendrix brachte die Menge wieder auf Touren. Er spielte seine Gitarre mit den Zähnen und auf seinem Rücken. Er nahm sie auf seine Schulter, liebkoste sie und zündete sie schließlich zum Abschluss des Konzerts an. Er hatte die ganze Zeit eine erregende Musik gespielt, seine Show war dramatisch und elektrisierend. Und obgleich sie einige befremdet hatte, gehörte der Abend offenkundig Jimi Hendrix. Niemand wusste genau, woher er gekommen war, aber er war eindeutig an seinem Ziel angekommen. Doch nur vier Jahre später war seine Reise schon wieder zu Ende.

Jimi Hendrix wurde als Johnny Allen Hendrix am 27. November 1942 um 10.15 Uhr im King County Hospital in Seattle geboren und später von seinem Vater James „Al“ Hendrix in James Marshall umbenannt. Der junge Jimi interessierte sich für Musik und ließ sich von praktisch allen großen Künstlern seiner Zeit beeinflussen, darunter B. B. King, Muddy Waters, Howlin’ Wolf, Buddy Holly und Robert Johnson.

Al Hendrix bemerkte Jimis Interesse an der Gitarre und erinnerte sich: „Ich ließ ihn ständig das Schlafzimmer aufräumen, wenn ich weg war, und wenn ich nach Hause kam, fand ich eine Menge Besenstiele am Bett. Später fand ich heraus, dass er am Ende des Bettes saß und auf dem Besen herumschlug, als würde er Gitarre spielen.“ Al fand eine alte einsaitige Ukulele, die er Jimi gab – besser als ein Besen.

Als Kind war Jimi außergewöhnlich schüchtern und unsicher, fand aber in der Musik einen sicheren Rückzugsort, an dem er sich gefahrlos fallen lassen konnte. Im Sommer 1958 kaufte ihm sein Vater eine gebrauchte Akustikgitarre für fünf Dollar. Kurz darauf trat Jimi seiner ersten Band bei und im folgenden Sommer kaufte Al dem Sohn seine erste elektrische Gitarre.

1961 verließ Jimi Hendrix seine Heimat, um sich für zwei Jahre bei der US-Armee zu verpflichten – angeblich, weil er ein Auto gestohlen hatte und sich zwischen Gefängnis und Armee entscheiden musste. Doch schon nach einem Jahr wurde er entlassen – offiziellen Quellen zufolge wegen einer Fußverletzung, es gibt aber auch Hinweise, dass er behauptete, homosexuell zu sein, um sich dem verhassten militärischen Drill zu entziehen. Hendrix begann als Session-Gitarrist unter dem Namen Jimmy James zu arbeiten, unter anderem für Ike und Tina Turner, Sam Cooke, die Isley Brothers und Little Richard.

1965 spielte Jimmy James in kleineren Lokalen in Greenwich Village und traf bei einem Auftritt den Bassisten der Animals, Chas Chandler. Der war von Jimmys Können beeindruckt und lotste ihn nach London. Chandler wurde sein Manager und änderte als erstes Hendrix' Namen in Jimi. Mit Schlagzeuger Mitch Mitchell und Bassist Noel Redding wurde die neu gegründete Jimi Hendrix Experience im Herbst 1966 schnell zum Gesprächsthema in London.

Die erste Single der Experience, „Hey Joe“, hielt sich zehn Wochen in den britischen Charts und erreichte Anfang 1967 Platz 6. Auf die Debütsingle folgte schnell die Veröffentlichung des Albums „Are You Experienced“, einer psychedelischen Musiksammlung mit den Hymnen einer ganzen Generation. Mit Titeln wie „Purple Haze“, „The Wind Cries Mary“, „Foxy Lady“, „Fire“ und „Are You Experienced?“ ist das Album bis heute eines der beliebtesten Rockalben aller Zeiten.

Obwohl Hendrix in Großbritannien einen überwältigenden Erfolg hatte, kehrte er im Juni 1967 in die USA zurück und begeisterte die Menge auf dem Monterey International Pop Festival. Buchstäblich über Nacht wurde The Jimi Hendrix Experience zu einem der populärsten und umsatzstärksten Tournee-Acts der Welt. Innerhalb von nur vier Jahren entwickelte er sich zu einer zentralen und einflussreichen Figur der Gegenkultur der 60er Jahre.

Seine Platten, auf denen roher urbaner Blues auf Psychedelic und Funk traf und die von einer blitzschnellen Gitarrenarbeit durchzogen waren, die selbst Eric Clapton bei Cream in den Schatten stellte, waren der Schmelztiegel des kommenden Hard Rock. Sein Talent für totemistische, konfrontative Showeinlagen – das vom Krieg zerrissene „Star Spangled Banner“ in Woodstock, die flammende Gitarre in Monterey – sorgte für einige der prägenden Momente seiner Zeit.

Er hatte auch einen Hang zu Hedonismus und Exzessen, der ihn im Spätsommer 1970 in einen gefährlichen Zustand der Veränderung versetzte. Er hatte viele Freundinnen, war berüchtigt für seinen Drogenkonsum, seine Launen waren unberechenbar, und er war gewalttätig, vor allem wenn er viel getrunken hatte. Im Jahr zuvor war er beim Kauf von Drogen in einem New Yorker Nachtclub von Mafiagangstern entführt und erst auf Befehl ihrer Bosse wieder freigelassen worden. Als sich seine Gruppe Experience auflöste, große Festivalauftritte durch seinen Drogenkonsum beeinträchtigt wurden und sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, erzählte er Freunden und Journalisten, dass er sich ziellos und verfolgt fühlte und niemandem mehr trauen könnte.

Ein Gefühl des Fatalismus hatte sich eingestellt. Als ein Hellseher auf einer Reise nach Marokko 1969 die Tarotkarte für den Tod legte, nahm Hendrix die Vorhersage wörtlich: „Ich werde sterben, bevor ich 30 bin“, sagte er zu einem Freund.

Die fatale Nacht

Dann der September 1970. Hendrix hatte seine deutsche Freundin Monika Dannemann eingeladen, ihn in London zu besuchen, wo sie sich in einem Zimmer im Stil einer Studentenbude im Samarkand Hotel in Notting Hill einquartierte. Sie beschrieb Hendrix' letzte Tage im Samarkand als idyllische, romantische Zeit, in der er schrieb, malte und sie sich unsterbliche Liebe schworen. Sein letztes kreatives Werk, ein Gedicht mit dem Titel „The Story of Life“ (Die Geschichte des Lebens), entstand dort, mit der schicksalhaften Zeile „The story of life is quicker than the wink of an eye“ (Die Geschichte des Lebens ist schneller als ein Augenzwinkern).

Spät abends am 17. September fahren die beiden zu einer Party. Zurück im Hotel essen sie nachts um 3 Uhr Thunfisch-Sandwiches. Am späten Vormittag danach findet Dannemann Hendrix bewusstlos. In einer Klinik kann er nicht mehr reanimiert werden, so dass um 12.45 Uhr ein Arzt Jimi Hendrix für tot erklärt– erstickt an seinem Erbrochenen.

Jede Tragödie eines Stars wirft jedoch Fragen auf und gibt den Nährboden für Verschwörungstheorien. Auch der Tod von Jimi Hendrix bleibt umstritten. Manche behaupten, es sei Selbstmord gewesen, andere, es sei ein schrecklicher Unfall gewesen, wieder andere, er sei von Unterweltlern oder Geheimdienstlern ermordet worden.

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