Lothringen RHEINPFALZ Plus Artikel Der Maler Edmond Louyot und die Farben aus dem Dazwischenland

Lichtsinfonie in Grau und Weiß: „Bayerische Alpen“, seit 2015 als Schenkung von Michel Louyot in der Sammlung des Museums Pfalzg
Lichtsinfonie in Grau und Weiß: »Bayerische Alpen«, seit 2015 als Schenkung von Michel Louyot in der Sammlung des Museums Pfalzgalerie Kaiuserslautern, derzeit in Montigny-lès-Metz zu sehen.

In Deutschland ein Franzose, in Frankreich ein Deutscher: Im Schicksal des Malers Edmond Louyot (1861-1920) spiegelt sich die Geschichte des Grenzlands Lothringen. Dass deswegen auch fast seine Kunst in Vergessenheit geriet, ist ungerecht. Nachfahre Michel Louyot gelingt es, dem Vergessenen wieder einen verdienten Platz zu sichern – in der Pfalz wie in Lothringen, so wie jetzt gerade in Montigny-lès-Metz

„Welches Verbrechen habe ich begangen? Meinen Lebensunterhalt in Deutschland zu verdienen? Das haben viele meiner Landsleute getan. Maler zu werden, anstatt Bauer zu bleiben? Das kann es doch nicht sein?“ Der Mann, der 1919 diese Fragen stellt, heißt Edmond Louyot. Seit vier Jahren plagt den 58-Jährigen ein rheumatisches Fieber, das seinen rechten Arm lähmt, die Grippe hat ihn geschwächt, die letzten Kräfte hat er mobilisiert, um aus München heimzukehren – nach La Lobe, dem kleinen Weiler bei Arry an der Mosel.

Ein mörderischer Krieg, der Millionen Menschenleben kostete, ist zu Ende gegangen. Als Edmond, der jüngere Sohn des Bürgermeisters und Bauern Camille Louyot, ausgestattet mit einem Stipendium, aufbrach, um sich an den Kunstakademien von Düsseldorf und München zum Maler ausbilden zu lassen und 1884 endgültig in Bayern blieb, zog er vom äußersten Westen Deutschen Kaiserreichs in dessen Südosten. Als er, mittlerweile gefragter Kunstmaler und geachtetes Mitglied im Künstlerbunds Bavaria, zurückkehrt, kommt er in ein französisches Lothringen, aus dem alles Deutsche verschwinden soll.

Leise Melancholie

„Mit Politik habe ich mich nie befasst, ich hatte genug zu tun, mein Leben zu sichern und vor allem jenes meiner Kinder – auch sie mit einem Mal Verlorene, die sich eine neue Existenz aufbauen müssen“, schreibt Edmond Louyot noch nieder, bevor er am 17. Januar 1920 stirbt.

In Frankreich ein Deutscher, in Deutschland ein Franzose, seine Kunst: vergessen. Eine Geschichte, die stellvertretend steht für so viele Schicksale in der Grenzregion zwischen Deutschland und Frankreich, in denen die Menschen so oft gezwungen wurden, sich zu entscheiden für die eine oder andere Seite und dabei, wie etwa der Bauer Camille Louyot nur ihr Land bestellen wollten. Mehr noch als im Elsass mit seinen alemannischen Dialekten hat das politische Wechselspiel an der lothringischen Mosel, wo französisch gesprochen wird, die Menschen geprägt. Eine leise Melancholie breitet sich auch heute noch manchmal über den Landschaften dort aus, ein Hauch romantischer Wehmut – Baudelaires nebelverhangene Sonnen, mit denen gleichwohl die rätselhaften, traurig-schönen Klänge von Schuberts letzter Klaviersonate verschmelzen.

Edmond Louyot auf einem Selbstporträt 1910.
Edmond Louyot auf einem Selbstporträt 1910.

Weg von der Stimmung, hin zur gerne in Kategorien einteilenden Kunstbetrachtung, könnte man bei Edmond Louyot von einem Zusammentreffen von deutschem Impressionismus im Stile der beiden Max – Liebermann und Slevogt – und dem französischen Realismus eines Gustave Courbet oder Jean-François Millet sprechen. Nur, dass weder die einen noch die anderen den Landschaften Lothringens und ihrer Menschen so nahe kamen wie dieser zu entdeckende Maler aus einem faszinierenden Dazwischen-Reich, das auch andernorts in Europa existiert und heute, 106 Jahre nach Edmonds Tod, gerade wieder extrem gefährdet scheint durch überall sprießende Nationalismen.

Ein anderer Louyot weiß darüber sehr viel: der 1938 geborene Michel. Als Diplomat und Kultur-Attaché war er in Berlin, im Fernen Osten und über 30 Jahre in Zentral- und Osteuropa im Auftrag der Republik Frankreich unterwegs – und hat Menschen getroffen, die heute ähnliches erleben wie sein Großonkel Edmond damals. „Si je vous dis Jitomir“ heißt eines seiner jüngsten Bücher, in dem er erzählt vom ukrainischen Schytomyr und seinen Begegnungen in anderen Städten, in denen jetzt auch vor allem eines wichtig scheint und gefragt wird: „Wer bist Du?“ Russe oder Ukrainer – Deutscher oder Franzose?

Harte Realitäten

Michel Louyot ist der Urenkel des älteren Bruders von Edmond Louyot, der aus dem fernen München gerne Postkarten in die Heimat schrieb, sorgsam aufbewahrt von einer seiner Schwestern. Für Michel, aufgewachsen im wieder einmal von einem Krieg heimgesuchten Lothringen, ein anderer, ein freundlicherer Kontakt mit Deutschland – nach ersten Begegnungen mit Gestapo und Grenzpatrouillien auf der Suche nach seinem Vater. Der starb in der Mosel, als Michel noch ein Kind war – einer von jenen, die vor den Nazis Fliehenden über den Fluss ins unbesetzte Frankreich halfen. Michel, hat damals schon eine der Frauen in der Familie festgestellt, käme nach Edmond ... Außer der Physiognomie gibt es noch eine weitere Gemeinsamkeit: Beide, Edmond wie Michel, hat man ins „petit séminaire“ nach Montigny geschickt. Und beide haben sie dann doch nicht die erhoffte geistliche Laufbahn eingeschlagen.

 „Ernte in Arry“ aus den Musées de la Cour d’Or Metz.
»Ernte in Arry« aus den Musées de la Cour d’Or Metz.

Wenn jetzt aber in Montigny eine Ausstellung mit Gemälden von Edmond eröffnet wurde, die Michel begleitet und mit Dokumenten aus Familienbesitz ergänzt hat, dann ist das für beide eine Art Heimkehr. Eine „Hommage an einen ,artiste discret’“ – einen zurückhaltenden Künstler – dessen Werk geprägt sei „von der Verbundenheit mit der Heimat, in der unaufdringliche Nostalgie und Liebe zur Landschaft der Mosel zum Ausdruck kommen“. Wenn Montignys Bürgermeister Jean-Luc Bohl das in seinem Vorwort zum Begleitheft über Edmond schreibt, dann könnte auch vom heute in Straßburg lebenden Michel die Rede sein.

Seit vielen Jahren verfolgt der Nachfahre jetzt schon seine Mission, Onkel Edmond aus der Vergessenheit zu holen. Nicht wenige von dessen Werken sind bis in Privatsammlungen in den Vereinigten Staaten gelangt, andere in den Niederlanden, wohin er dank eines Stipendiums reiste. Die Museen in Metz besitzen Louyot-Gemälde, und seit 2015 gehören drei Louyots auch zur Sammlung des Museums Pfalzgalerie in Kaiserslautern. Nicht nur das kleine feine Musée Georges de la Tour in Vic-sur-Seille, auch das Stadtmuseum Zweibrücken hat dem „Maler zwischen Frankreich und Deutschland“ inzwischen Retrospektiven gewidmet.

Dort wird man freilich auch einwenden können, was schon Edmond wusste und einst beim Rückblick auf seine Laufbahn notierte: Er, der Bauernsohn aus Lothringen, malte gewiss auch – mit Vorliebe Kinderporträts –, um Geld zu verdienen. Doch auch diese „kommerzielle Kunst“ zeichnet sich durch Qualität aus, erst recht aber die Malerei, bei der er sich frei fühlen, mit Farben Empfindungen ausdrücken konnte und virtuos mit der Wirkung von Licht spielte. Die besten seiner Bilder handeln von Lothringen – oder von den bayerischen Bergen. In Montigny-lès-Metz sind sie noch bis 12. Januar 2025 zu sehen – in einer der schönsten Ausstellungen, die Edmond Louyot in jüngster Zeit gewidmet war. Was sicher auch der Auswahl der Präsentation und dem Rahmen – dem Château de Courcelles – geschuldet ist.

Montigny und sein Schloss

Die Stadt liegt auf einer Anhöhe über der Mosel und ist mit heute fast 22.000 Einwohnern immerhin die viertgrößte des Départements: Montigny-lès-Metz, das schon im Namen trägt, warum es dennoch ein wenig im Schatten steht: „bei Metz“. Die beiden Städte gehen ineinander über, gehören mit rund 30 weiteren größeren und kleineren Orten zum Gemeindeverband Metz-Métropole.

Das Château de Courcelles und sein Park am Abend.
Das Château de Courcelles und sein Park am Abend.

Am Rande sei erwähnt, dass der Botanische Garten von Metz auf dem Gebiet von Montigny liegt und dass die Bürgermeister der beiden Städte mitunter um die Métropole-Präsidentschaft rangeln. Das heißt: der jeweils in Metz amtierende – derzeit gerade François Grosdidier – immer mit Jean-Luc Bohl, dem aktuellen Vizepräsidenten von Metz-Métropole und Bürgermeister von Montigny seit 2001. Auch dessen Vorgänger haben sich – im Grunde seit der Belagerung der Bischofsstadt Metz durch Kaiser Karl V. – immer erfolgreich dagegen gewehrt, von der großen Nachbarin geschluckt zu werden. Ebenfalls am Rande: Nur einmal ist Groß-Metz erzwungen worden – von den nationalsozialistischen Machthabern im „Gau Westmark“. Einst bäuerliche Siedlung weit vor den Festungsmauern, später Militär- und Eisenbahner-Stadt, heute eine prosperierende Mittelstadt mit hoher Wohnqualität und viel Grün. Was nicht nur dem Botanischen Garten zu verdanken ist, sondern auch der Tatsache, dass sich der vom König zur Aufsicht jeglicher Bautätigkeit aus Paris entsandte Baron Charles Joseph de Courcelles 1713 einen von einem Park umgebenen Landsitz errichten ließ. Ein architektonisches Kleinod, das rasch Château de Courcelles hieß und wie duch ein Wunder die Zeit überstand, bis es – nach dem Zweiten Weltkrieg von der Stadt gekauft – dann doch fast verschwunden wäre. In unmittelbarer Nachbarschaft war der moderne „Espace Europa“ entstanden: 1966 eingeweiht von Konrad Adenauer, Jean Monnet, Alcide de Gasperi und Alain Poher, enger Vertrauter des 1963 verstorbenen Robert Schuman.

Ein Schmuckstück, auch im Innern kunstvoll restauriert.
Ein Schmuckstück, auch im Innern kunstvoll restauriert.

Jean-Luc Bohl setzte sich zuerst für die vor 20 Jahren vollendete Renovierung des Château ein. Seit 2019 ist auch eine millionenschwere Verjüngungskur des 60er-Jahre-Baus „Espace Europa“ vollendet. Die 100. Ausstellung im Château ist jetzt dem Maler Edmond Louyot gewidmet – Lothringer und Europäer vor seiner Zeit. Das Ensemble „Europa-Courcelles“ mitten in Montigny zeigt, wie alte und moderne Architektur miteinander harmonisieren. Montigny ist einen Umweg wert.

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