Kultur
„Der ganzen Pfalz zum Stolze“
Vor 100 Jahren kamen in Landau musikbegeisterte Bürger zusammen, um einen „Philharmonischen Orchesterverein für Pfalz und Saarland“ zu gründen. Das war die Geburtsstunde des ehemaligen Pfalzorchesters, das heute den Namen Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz trägt. Das Orchesterflaggschiff des Landes feiert also seinen 100. Geburtstag in der kommenden Spielzeit, die Anfang September mit der siebten Auflage des Festivals „Modern Times“ beginnt.
Natürlich gibt es viel ältere Orchester in Deutschland. So wurde etwa die Sächsische Staatskapelle bereits 1548 gegründet. Als Hofkapelle, damit auch als Vorzeige-Klangkörper und Image- beziehungsweise Renommierprojekt des damaligen sächsischen Kurfürsten Moritz von Sachsen. Das sollte im in zahlreiche Klein- und Kleinstaaten zersplitterten Deutschland Schule machen. Die Höfe wetteiferten miteinander in einem kulturellen Konkurrenzkampf. Überall entstanden Theater und mit diesen auch die dazugehörigen Orchester. Das ist der historische Grund, warum wir heute noch eine so reiche, weltweit einzigartige Theater- und Orchesterlandschaft in Deutschland haben.
Bei der Staatsphilharmonie war dies völlig anders. Sie ist aus bürgerlichem Engagement entstanden, nicht aus adliger Geltungssucht. Und während andere Orchester meist mit dem Theater, das sie zu bespielen haben, eine feste Heimstätte haben, war die Staatsphilharmonie von Beginn an als Reiseorchester gedacht ¬– was sie ja bis heute noch ist, obwohl sie mit der Philharmonie in Ludwigshafen durchaus ein Zuhause gefunden hat. Aber sie versorgt eben noch immer die Region mit klassischer Musik, spielt Konzerte in Ludwigshafen wie in Kaiserslautern, in Landau wie in Pirmasens.
Das war auch schon die Intention ihrer Gründerväter, die mit dem neuen Orchester eine Lücke schließen wollten, die nach dem Ersten Weltkrieg durch den Wegfall der Militärkapellen entstanden war, die bis dahin die Grundversorgung auch mit klassisch-romantischem Repertoire gewährleistet hatten. Ein Jahr nach der bis dato größten Katastrophe, in einer Zeit, in der die Bevölkerung in Deutschland unter den unmittelbaren Folgen des Ersten Weltkriegs zu leiden hatte und Nahrungsmittel immer knapper wurden, erkannte man im September 1919 in Landau, dass der Mensch auch eine geistige Nahrung nötig hat. Die Gründung eines Orchesters unmittelbar nach Ende des fürchterlichen Krieges ist sicherlich auch als ein Bekenntnis zum Frieden zu verstehen. Und zur Region, zur Pfalz. Oder wie es einer der Gründungsväter formulierte: Das neue Orchester sei „ein tiefernstes Kulturwerk“, betonte er, „das der ganzen Pfalz zum Stolze gereiche“.
Im Januar 1920 begannen die Proben des neuen Klangkörpers, das erste Konzert spielte das Landes-Sinfonie-Orchester für Pfalz und Saarland am 15. Februar in der Jugendstil-Festhalle in Landau. Auf dem Programm standen Beethovens fünfte Sinfonie, das Violinkonzert von Johannes Brahms, Wagners „Meistersinger“-Vorspiel und die Tondichtung „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss. Es dirigierte Ludwig Rüth, der aber bereits kurze Zeit später von Ernst Boehe, der auch als Komponist tätig war, abgelöst wurde.
Das Programm hat im Grunde bis heute nichts von seiner Bedeutung für die Staatsphilharmonie verloren. Das Orchester fühlt sich vor allem dem klassisch-romantischen Repertoire verpflichtet, gerade Beethoven und Brahms gehören zu den Hausgöttern in der Ludwigshafener Philharmonie, wo man natürlich auch die Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart pflegt. Das Gründungskonzert wird übrigens am 15. Februar 2020 in Landau wiederholt, dann unter dem neuen Chefdirigenten Michael Francis.
Das Orchester erarbeitete sich recht schnell einen guten Ruf, keineswegs nur in der Pfalz und im Saarland, wo man die ersten Konzerte spielte. Namhafte Solisten und Dirigenten gastierten schon bald in Ludwigshafen, darunter kein Geringerer als Richard Strauss, der am 3. November ein Konzert mit vier eigenen Werken dirigierte, um das Orchester hinterher zu loben: „Es wird mir stets eine Freude sein, mit diesem wohldisziplinierten und vorzüglich geleiteten Klangkörper zu konzertieren.“
Am Beginn der Jubiläumssaison steht vom 6. bis 20. September mit dem Festival „Modern Times“ eine Zeitreise in die Gründungsjahre des Orchesters an. Es ist bereits die siebte Auflage dieses in der Metropolregion einzigartigen Festivals, das die Musik des frühen 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt stellt, aber auch Ausflüge in die Spätromantik und die Gegenwart macht. Das Festival geht auf eine Idee des ehemaligen Führungsduos Michael Kaufmann und Karl-Heinz Steffens zurück, in diesem Jahr sind deren Nachfolger Beat Fehlmann und Michael Francis erstmals für „Modern Times“ verantwortlich.
Für Fehlmann sind die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geprägt durch Umbrüche technischer, sozialer und kultureller Natur. Die Menschen seien zutiefst verunsichert gewesen durch eine rasante Veränderung ihrer Lebenswirklichkeit. Diese zeige sich gerade auch in der Musik dieser Zeit. „Die gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit haben ihre Spuren in der Musik hinterlassen. Nicht nur die Weltordnung, sondern auch die tradierten Harmonien gerieten ins Wanken“, so Beat Fehlmann.
Worauf Fehlmann anspielt, das ist die Aufhebung einer ganzen musikalischen Weltordnung durch die zweite Wiener Schule um Arnold Schönberg, der das tradierte Dur-Moll-System durch die Zwölftontechnik ersetzte. Mit ihr befreite Schönberg den einzelnen Ton aus der Gesetzmäßigkeit der Funktionsharmonik. Er erschuf für eine radikal sich verändernde Welt eine ebenso radikal neue Musiksprache – ähnlich wie dies die Dadaisten in der Literatur und die abstrakten Expressionisten in der Bildenden Kunst taten.
Das Festival bietet in den vier Konzerten an vier unterschiedlichen Orten ganz unterschiedliche Musik, die von Schlager und Kammermusik bis hin zu Sinfonik und Ballett reicht. Los geht es am 6. September im Ludwigshafener Pfalzbau mit der Musik zu Charlie Chaplins Stummfilm „City Lights“. Am 11. September folgt dann Mahlers vierte Sinfonie in der Ludwigshafener Friedenskirche. Eindeutig ein Werk des 19., nicht des 20. Jahrhunderts. Allerdings wird es in Ludwigshafen in einer kammermusikalischen Version von Klaus Simon aus dem Jahr 2007 erklingen. Simon greift damit auf eine einst von Arnold Schönberg begründete Tradition zurück, der in seinem „Verein für musikalische Privataufführungen“ Orchesterliteratur in Arrangements für Kammerorchester aufführen ließ.
Das Schellack-Orchester, bestehend aus Musikern der Staatsphilharmonie, wird am 15. September im Mannheimer Capitol den Schlager der sogenannten Goldenen Zwanziger vorstellen, ehe schließlich das von Michael Francis (er übernimmt auch das Konzert in der Friedenskirche) geleitete Abschlusskonzert am 20. September im Mannheimer Rosengarten mit Edgar Varèses Tondichtung „Amériques“ ein immens großbesetztes Werk vorstellen wird. Außerdem gibt es noch Ballettmusik von Erik Satie („Parade“) und Igor Strawinsky („Pulcinella“). Die Mannheimer Künstlergruppe „Re:Soulution“ wird dazu eine Choreographie entwickeln.
Infos
Weitere Informationen zum Programm sowie Karten unter www.staatsphilharmonie.de