Literatur und Film RHEINPFALZ Plus Artikel Der Einzigartige! Alexander Kluge zum 90. Geburtstag

„Ich bin allein, aber ich bin nicht wirklich allein“: Alexander Kluge.
»Ich bin allein, aber ich bin nicht wirklich allein«: Alexander Kluge.

Er verkörpert das Trotzdem, den vitalen Einspruch, der inmitten der Auflösung der Öffentlichkeit ins Kleinteilige noch immer Breitenwirkung erzielt: Alexander Kluge, Tausendsassa und Detailliebhaber, Romancier und Essayist, ist mithin einer der letzten Universalgelehrten vom Schlage eines Humboldts, ein begnadeter Filmemacher auch. Heute wird er 90 Jahre alt.

Nachdem Alexander Kluge in den 50er Jahren Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik studierte, zog es den unsteten Denker schon früh zum Kino. Seine kinematografische Sozialisation erfuhr der 1932 geborene Regisseur mitunter noch bei dem großen Fritz Lang, bei dem er volontierte. Dass Kluge infolgedessen eine beachtliche Karriere hinlegen konnte, verdankt sich entgegen so mancher TV-Sternchen-Laufbahn nicht der Anpassung an dem Mainstream, sondern dem Gegenteil: Der Filmemacher blieb sich treu, als eigensinniger und unentwegt das Weltenganze vermessendes Genie.

Diese Haltung darf jedoch nicht mit einem Elfenbeinturmdasein verwechselt werden. Denn anders als so manch, kulturpessimistischer Zeitgenosse wählte die Kamerakoryphäe, deren 90. Geburtstag sich heute jährt, gerade den Weg zur Fernseh-Agora. Mit seiner Produktionsfirma dctp (Development gelang es ihm bald schon kluge Reportagen abseits der gängigen Talkshow-Themen zu platzieren. Bis heute gelten seine sowohl durch sezierende Frageweise als auch angenehme Zurückhaltung geprägten Interviewformate – bisweilen über Gott, Sinn, Krieg oder auch zu rechnenden Tieren – auf den nächtlichen Sendeplätzen von RTL, Sat 1 & Co. als legendär. Ansichtig werden wir eines neugierigen Journalisten, der zugleich in der Rolle des Intellektuellen, Gesellschaftskritikers und Provokateurs aufgeht.

Dieser Künstler hat also viel gelesen und nicht weniger geschrieben. Neben einem Weiter- und Fortdenken der Kritischen Theorie in seiner epochalen Schrift „Geschichte und Eigensinn“ (1981) tut sich Kluge immer wieder auch als Prosaautor hervor. Mal eröffnet er den LeserInnen Einblicke in sehr persönliche Bereiche und erzählt wie in „Kongs große Stunde - Chronik des Zusammenhangs“ (2015) eindrucksvoll von den Biografien seiner Eltern, mal taucht er in Form von Miniaturprosa in die Tiefen der Geschichte des 20. Jahrhunderts ein, wenn er beispielsweise in „Die Lücke, die der Teufel läßt: Im Umfeld des neuen Jahrhunderts“ (2005) Zäsuren wie den Holocaust, Tschernobyl oder die Anschläge von 09/11 vor unserem inneren Auge vorüberziehen lässt.

Abkehr vom Alten, immer

Sein 1962 auf den 8. Westdeutschen Filmtagen mitinitiiertes „Oberhausener Manifest“ galt ihm in seinem kinematografischen wie gleichsam schriftstellerischen Schaffen dabei immer als Leitschnur. Die Botschaft: Abkehr vom Alten und die Erneuerung von Denken und Kunst. Während sich damals noch viele in der Wohlfühlecke von Heimatfilmen und Alpenseligkeit flüchteten, suchte Kluge den radikalen Bruch. Nicht zuletzt seine Mitgliedschaft in der berühmten, für eine Repolitisierung von Kultur und Gesellschaft eintretenden „Gruppe 47“ dokumentiert Kluges vehementen Aufbruchswillen.

Zukunftsnärrisch, nie

Zukunftsnärrisch, gar blind oder naiv alles Kommende feiernd war er allerdings nie, zumal ihn die einschneidenden Kindheitserfahrungen während Zweiten Weltkriegs Zeit seines Lebens begleiteten. Geschichte trieb ihn daher stets an und trug dazu bei, dass der auch als Professor lehrende und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Filmemacher zu einem der wichtigsten Chronisten des 20. Jahrhunderts avancierte. Er schreibt bis heute nicht für eine abgekapselte Elite. Wie einige Sätze aus seiner Rede anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises 2003 belegen, geht es ihm um den unmittelbaren Dialog, einen, der verbindet: „Einen Leser stelle ich mir bildlich in der Dämmerung unter einer Lampe sitzend vor, allein lesend. Zwei Intimitäten, die des Autors, die des Lesers, korrespondieren miteinander. Ihr Thema heißt: gemeinsame Erfahrung. So bilden sie (mit vielen anderen) die Öffentlichkeit der Bücher: Ich bin allein, aber ich bin nicht wirklich allein.“

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