Kultur Der Blechtrommel-Mann
Um 9.30 Uhr kommt ein Typ vor die Leinwand. Er sieht aus wie ein Autonomer: schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Wollmütze. Er kommt vom Joggen. Es ist Volker Schlöndorff. Der Oscar-Preisträger steht im Berlinale-Kino. „Morgens nach dem Frühstück geht man wieder ins Kino, das ist fast, als ob man die Nacht verlängert“, sagt er. Da war er 77. Heute wird er 80 Jahre alt, und die Nacht nach dem Feiern wird wieder lang werden.
Das Schöne an Schlöndorff ist, dass er so nett und normal geblieben ist. Und manchmal auch ein bisschen anarchistisch. Wie alle Großen. 40 Jahre ist es her, dass er den Oscar bekam für seine geniale Literaturverfilmung „Die Blechtrommel“ nach Günter Grass. Die durchaus radikal war. Da werden Aale mit Pferdeköpfen geangelt, und David Bennent schreit so hell und schrill, dass man sich die Ohren zuhält. Ein wichtiger Film, der erste Oscar für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Seitdem haftet dem 1939 in Wiesbaden geborenen Regisseur das Blechtrommel-Etikett an. „Lieber lebe ich damit als ohne“, meinte er. Und: „Der Oscar ist eine Lotterie, auf den kann man nicht hinarbeiten.“ Was er wollte, war die Goldene Palme von Cannes, den Cinéasten-Preis. Die hatte er kurz vorher bekommen. Da hatte er schon viel erlebt, denn gleich sein erster Spielfilm lief 1966 in Cannes: „Der junge Törless“ nach Robert Musil. Es kam zum Skandal, da der deutsche Kulturattachée unter Protest das Kino verließ. Die Geschichte vom Bösen, das in uns allen schlummert und geweckt werden kann, war dem Attachée zu emotional packend und zu politisch. Dabei war das nicht Schlöndorffs radikalster Film. Der kam 1969, als er mit dem Pfälzer Peter Fleischmann (beide sind heute noch befreundet) in München eine Produktionsfirma gründete. Ihr erster Film war „Baal“ (1970) nach Bertolt Brecht. Schlöndorff schrieb das Buch, führte Regie und hatte diesen 23-jährigen Wilden in schwarzer Lederjacke mit Zigarette im Mund besetzt, den er in den Kammerspielen gesehen hatte: Rainer Werner Fassbinder spielte lässig und sprach typisches Bühnen-Deutsch, locker und doch gekünstelt. Brecht-Witwe Helene Weigel war so entsetzt, dass sie nach der damals autorisierten Fernsehaufführung jede weitere Vorführung verbot. Ihre Tochter auch, bis sie es 2014 doch erlaubte. „Was Besseres hat du nie wieder gedreht“, sagten Bekannte zu Schlöndorff nach der späten Berlinale-Kinopremiere. Im Sinn von „so radikal bist du nie wieder gewesen“. Sie haben Recht. Fortan konzentrierte sich Schlöndorff auf Literaturverfilmungen, die weniger radikal waren, und nicht er, sondern Fassbinder wurde der wichtigste deutsche Nachkriegsregisseur. Es war ein bisschen so, als wollte sich Schlöndorff als Person ganz bescheiden hinter der Literatur verstecken. Dabei sind seine Romanverfilmungen extrem vielfältig, mal wie ein frühes Doku-Drama („Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, 1975), dann spannend („Die Fälschung“, 1981 mit Bruno Ganz), historisch-episch („Eine Liebe von Swann“, 1984 mit Nastassja Kinski) oder amerikanisch-kühl („Homo Faber“, 1991), aber nie langweilig. Erst in den vergangenen 20 Jahren fand Schlöndorff zu den politischen Themen seiner Anfangsjahre zurück, mit dem Nazi-Drama „Der neunte Tag“ (2004), „Strajik“ (über Lech Walesa, 2006), „Das Meer am Morgen“ über das besetzte Frankreich (2012) und das wunderbare Kammerspiel „Diplomatie“ (2014) über die Rettung von Paris vor Hitler. Dazwischen hatte Schlöndorff mal so eben (wieder zusammen mit Fleischmann) die Filmstudios von Babelsberg nach dem Zusammenbruch der DDR wieder flott gemacht (1992-1995) und für das Land Rheinpfalz-Pfalz (seit 1999) in seinem afrikanischen Kooperationspartnerland Ruanda eine Filmausbildung nach dem System der dualen Handwerksausbildung ins Gang gebracht. Ausruhen ist für ihn ein Fremdwort. Und er ist ein wunderbar humorvoller und selbstironischer Erzähler, vor allem in seiner Autobiografie „Licht, Schatten und Bewegung“ (2008), der perfekt auch in Französisch und Englisch parliert und zu jedem Filmthema spontan und klug antwortet. 44 Filme hat er bis heute gedreht, ans Aufhören denkt er nicht: „Ich interessiere mich nur begrenzt für das Alte, solange ich Neues machen kann.“ Termine/Zum Weitersehen Deutschlandradio Kultur sendet heute ab 23 Uhr eine lange Schlöndorff-Nacht, auf deutsches-filminstitut.de gibt es eine virtuelle Schlöndorff-Ausstellung, auf rheinpfalz.de ein Kurzinterview zu seinem Besuch in Kaiserslautern 2018.