Kultur Der Beginn eines neuen Zeitalters
Kann alles Mythos werden? „Ich glaube ja, denn das Universum ist unendlich suggestiv“, schrieb Roland Barthes in seinem Werk „Mythen des Alltags“, das etwa einen Citroën DS als „Kathedrale der Neuzeit“ würdigt. Das war 1957. Durchaus denkbar, dass die Jetztzeit ähnlich geheimnisvoll ist. In loser Folge begeben wir uns auf Spurensuche. Heute: das Fahrrad. Mit seiner Erfindung vor 200 Jahren hat Karl Drais einen Prozess der Beschleunigung und der individuellen Bewegungsfreiheit angestoßen.
„I don`t like Star Wars“, sang Queens Freddie Mercury in dem Song „Bicycle“. Raumfahrt gegen Fahrrad, ist dieser Gegensatz – die Ironie in dem Queen-Song einmal beiseite – eigentlich in seiner Rigorosität zutreffend? Ist dieser Weltanschauungskrieg zwischen Befürwortern technischen Fortschritts und Verherrlichern einer „guten alten Zeit“ bei näherer Betrachtung aufrechtzuerhalten? Die Frage anders gestellt: Ist das Fahrrad, dessen Erfindung vor 200 Jahren derzeit gefeiert wird, wirklich dieses unschuldige Fortbewegungsmittel, als das es einer von Klimakatastrophen bedrohten Gegenwart erscheint? Oder reiht sich selbst das Fahrrad, für das die Erfindung des Laufrads durch Freiherr von Drais das Modell abgegeben hat, in eine Geschichte technischer Innovationen ein, dessen Weiterentwicklung zum Automobil und schließlich gar zum Flugzeug und zur Rakete geführt hat? Heute gilt das Fahrrad als ein im Unterschied zu anderen Verkehrsmitteln umweltfreundliches Gefährt. Es ist im absoluten Vergleich zwar langsamer als etwa ein Auto, wird aber im infarktgefährdeten Verkehr der Großstädte durch seine Kleinheit und Wendigkeit als das relativ schnellere Transportmittel entdeckt. Dieser Sicht auf das Fahrrad steht eine ältere entgegen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts, als Fahrräder für jeden erschwinglich geworden waren und ein Fahrradfieber England ergriffen hatte, widmete H. G. Wells dem neuen Vehikel seinen Roman „The Wheels of Chance“ („Die Räder des Schicksals“), in dem er von einer Fahrt durch den Süden der Insel erzählt. Auch die Zeitmaschine in Wells’ gleichnamigem, und ein Jahr vorher erschienenen utopischen Roman ist mit Sattel und Metallgestänge nach dem Vorbild des Fahrrads entworfen. Das Fahrrad, dessen Entwicklung seit etwa 1880 abgeschlossen war, wurde also von den Zeitgenossen als eine kuriose, wenngleich zukunftsweisende technische Neuerung angesehen. Das Dreispeichenrad, wie wir es noch heute kennen, bildete die Vollendung einer Erfindung, die vom Laufrad des Freiherrn von Drais ihren Ausgang genommen hatte. Und dieses Gefährt, so absonderlich es den Zeitgenossen des Erfinders auch erscheinen mochte, wies bereits alle Kennzeichen der technisierten Moderne auf: Emanzipation von der Natur, hohe Geschwindigkeit und individuelle Selbstbestimmung, also Freiheit des Einzelnen. Mannheim beansprucht für sich, nicht nur die Stadt der Erfindung des Automobils, sondern auch die Keimzelle des Fahrrads zu sein. Dabei war ein Umstand, der die Erfindung des Laufrads begleitete, der Verbreitung förderlich: 1816 wird Europa von einer Klimakatastrophe heimgesucht, hervorgerufen durch eine gewaltige Staubexplosion beim Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Im Sommer ist es winterlich kalt, im Juli schneit es. Die Getreideernte ist vernichtet, Hafer- und Brotpreise steigen ins Unermessliche, die Menschen hungern und schlachten die Pferde, um sich zu ernähren und Getreide zu sparen. Infolgedessen droht das Transportwesen zusammenzubrechen. In diese Situation bringt der Freiherr von Drais in Mannheim sein Laufrad ein, an dem er schon seit ein paar Jahren bastelt. Die hölzerne Laufmaschine, die Draisine, ist geboren. Drais` Laufrad steht am Beginn des mechanisierten Individualverkehrs. Es ist das erste Transportmittel, mit dem der Mensch nicht mehr auf die Kraft eines anderen Lebewesens, das er sich dienstbar gemacht hat, angewiesen ist, sondern das er mit seiner eigenen Muskelkraft antreibt. Das Laufrad ist „ohne Vorbild in der Natur“, wie der Fahrradhistoriker Hans-Erhard Lessing zu Recht betont hat. Es bedeutet einen gewaltigen Schritt in der Emanzipation des Menschen von der Natur. Indem der Fahrer eines Laufrades zugleich Fahrender und Gefahrener ist, wird er zum anschaulichen Beispiel einer Subjekt-Objekt-Identität. Er ist Steuermann und Passagier zugleich – und obendrein auch noch der Motor. Anfangs wurden Drais und sein Laufrad belächelt. Nur spinnerte Adlige zeigten Interesse an seinem nutzlosen Spielzeug. Es sollte noch gut ein Jahrhundert dauern, bis das Fahrrad und endgültig dann das Auto das Pferd verdrängte. Die launigen Ausdrücke „Pedalritter“ für den Fahrradfahrer und „Drahtesel“ für sein Gefährt lassen etwas davon ahnen, was da historisch überholt worden ist. An die Stelle eines Reiters, eines Chevalier, tritt der Mensch in der Masse, an die Stelle eines lebendigen Wesens als Transportmittel kaltes Metall. Der tierische Begleiter des Menschen durch die Jahrtausende wird nun zum bloßen Hobby, zur Zirkusattraktion, zum Sportartikel. Der Fortschritt ist janusköpfig: Einerseits dürfte es in der technisierten Moderne weniger Tierquälerei geben als in vergangenen Zeiten; andererseits sind alle Tiere, die dem Menschen keinen Nutzen mehr bringen, vom Aussterben bedroht. Schon das Draissche Laufrad, so primitiv es gewesen sein mag, war dem Pferd an Geschwindigkeit überlegen. Als sein Erfinder am 12. Juni 1817 die erste Ausfahrt vom Mannheimer Schloss nach Schwetzingen unternahm, legte er die 12,8 Kilometern in weniger als einer Stunde zurück. Eine Postkutsche hätte in derselben Zeit nur drei Kilometer geschafft. Mit zehn bis 15 Kilometern pro Stunde, je nach Muskelkraft, war die Laufmaschine viermal so schnell wie die Pferdepost. Das Fahrrad steht somit am Beginn eines neuen Zeitalters, des Zeitalters der Beschleunigung, von dem der erste Geschwindigkeitstheoretiker und Begründer der Wissenschaft der Dromologie, der Franzose Paul Virilio, sagt: „Die Gewalt der Geschwindigkeit ist nichts als Auslöschung“, sie ist „ein reitender Tod“. Der mittels Maschinen zur Herrschaft über die Natur gekommene Mensch muss aufpassen, dass er von dem Rausch der Geschwindigkeit nicht so gepackt wird, dass er ihr untertan und selbst von ihr verschlungen wird. Das Ideal der Schwerelosigkeit, das mit der Rakete und der Eroberung des Weltraums erreicht wird, ist im Fahrrad schon angelegt. Der Fahrer muss balancieren wie ein Seiltänzer, sich mit seinem Gefährt in einem dynamischen Gleichgewicht halten. Von Drais’ primitivem Laufrad erhält sich noch im entwickelten Speichenrad der Lenker als Balancierstange. Die ersten Radfahrer sind auch mit Schlittschuhläufern verglichen worden. Die Kehrseite der mit den Automobilen, diesen „Selbst-Bewegern“, gewonnenen Selbstbestimmung freilich ist die Selbstbeherrschung, Kehrseite der Freiheit die Dressur seiner selbst, die Abrichtung des eigenen Körpers zu einer Maschine. Aus dieser Selbstdisziplinierung ergibt sich eine Nähe zum Militärischen. Eine Karikatur vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigt einen Soldaten in Uniform, der kerzengerade, den Blick weit in die Ferne gerichtet über die Weltkugel radelt, während strahlend die Sonne aufgeht. Dazu der Text: „Ueber den Erdball mit stolzer Lust,/ Beglänzt von der Sonne Strahl,/ Radelt der Lieutenant siegesbewusst,/ Stilvoll, schneidig, pyramidal!“ Freiheit und Selbstbestimmung, die mit dem Fahrradfahren einhergehen, machen es verständlich, warum radfahrende Frauen anfangs in Europa scheel angesehen wurden und warum Frauen in manchen patriarchalischen Ländern noch heute das Radfahren verboten ist. Der anrührende Film „Das Mädchen Wajdja“ aus Saudi-Arabien erzählt von diesem Kampf um Gleichberechtigung. Die Begründung islamischer Religionsgelehrter, Mädchen könnten durch das Radfahren an ihrer jungfräulichen Unversehrtheit Schaden nehmen, dürfte vorgeschoben sein. Die sexuelle Note dieses Arguments lenkt den Blick jedoch auf eine uralte Herrschaftsbeziehung zwischen den Geschlechtern, auf die Paul Virilio aufmerksam gemacht hat. Ihm zufolge diente die Frau dem Mann in der Menschheitsgeschichte als das erste Transportmittel, noch vor der Dressur von Reittieren und Sklaven. Und jetzt also soll es diesem ersten Objekt der Unterwerfung erlaubt sein, zu einem selbstbestimmten Subjekt zu werden? Wenn wir also heute einen Radfahrer sehen, sollten wir nicht nur an die Umweltverträglichkeit seines Gefährts denken, sondern auch an die Revolution der Transportmittel, die mit ihm anbricht: an Technisierung, Beschleunigung und Freiheit und an die mit ihnen verbundenen Gefahren und Chancen.