Architektur RHEINPFALZ Plus Artikel Der Bau zum Film: Das Mannheimer Parkhaus N2

Meilenstein: Parkhaus N2 1969 auf Robert Häussers Foto.
Meilenstein: Parkhaus N2 1969 auf Robert Häussers Foto.

Brady Corbets Epos „Der Brutalist“ zählt zu den großen Oscarfavoriten. Das wuchtige Mannheimer Parkhaus N2 ist jetzt Kulturdenkmal. Passt. Brutalismus boomt.

Ein Architektenfilm, es geht um Lászlo Tóth, eine wahrhaft erfundene Figur, einen Juden aus Ungarn mit Dessauer Bauhaus-Hintergrund, gespielt von Adrien Brody. Tóth ist Holocaust-Überlebender, nach Buchenwald deportiert von den Nazis. Jetzt sucht er in der Neuen Welt sein Glück. Am Ende hat er einen Auftritt im Rollstuhl bei der ersten Architektur-Biennale 1980 in Venedig. „Der Brutalist“, Brady Corbets Cannes- und Golden-Globe-prämiertes, bildgewaltiges Epos, gilt bei den anstehenden Oscars als einer der Favoriten. Harter Schnitt zum Parkhaus N2 in Mannheim – so etwas wie der Bau zum Film.

Baumeister-Filmheld Adrien Brody als „Der Brutalist“.
Baumeister-Filmheld Adrien Brody als »Der Brutalist«.

Corbets dreieinhalbstündiges Monumentalwerk ist mit elegischen Aufnahmen von wuchtigen Wunderarchitekturen bebildert, Trutzburgen aus massiven Kuben, Schächten, durch die übernatürliches Licht fällt, Insignien des titelgebenden Baustils, dem Lázlo Tóth augenscheinlich anhängt, dem Brutalismus, zu dem auch die Mannheimer Architektur des einheimischen Architekten Emil Serini (1899 bis 1997) zählt. Zufällige Koinzidenz, aber neuerdings ist das heftige Bauwerk, das einen Platz mit der Statue des ersten Nationaltheater-Intendanten Wolfgang Heribert von Dalberg für sich vereinnahmt, Kulturdenkmal; vom baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege dazu erhoben.

„Saved“ jubilierte die Initiative #SOSBrutalism auf Instagram, gerettet, die Schrift auf dem kühl neusachlichen Architektur-Foto von Großmeister Robert Häusser (1924 bis 2013). Noch nicht so lange ist es her, dass Pläne bestanden, den markanten Block abzureißen, der jetzt als „exemplarisch“ gilt und als „Meilenstein in der architektonischen Entwicklung der Nachkriegsmoderne“ firmiert. Aber auch abseits der Expertenmeinung lässt sich die „Rettung“ der Architektur gutbegründet feiern: als ökologisch sinnvoller Bestandsschutz und Bewahrung von darin gespeicherter „grauer Energie“.

Trutzburg mit Sägezähnen

Als ein – auf den ersten Blick – Klotz von einem Stahlbetonbau steht das 1967 eröffnete Monument des ruhenden Verkehrs in der Stadtlandschaft. Einschüchternd, wie wehrhaft. Rechteckige Grundfläche, viereinhalb oberirdische Etagen. „Brutalistisch im besten Sinn“, wie es in der Begründung der Denkmalpfleger heißt. Die Fassade zick-zackt bis zum nicht vorhandenen Dach, eine verzahnte Reihung tragender Sägezähne, Faltwände, die im 45-Grad-Winkel zu den Fluchten der Mittellängsachse und den äußeren Längsseiten stehen. An den Schmalseiten beleben schräg und auf Lücke gestellte Lamellenwände das Bild, die die Blendwirkung auf die Nachbarschaft vermeiden und für frische Luft sorgen. Im Innern der – bautypologisch heißt das so – Rampengeschossgarage gehen die Parkflächen links und rechts von den gegenläufig gesetzten Rampen ab, die Bodenplatten der Schrägebenen kragen in die Fassade. Kassettendecken oben. Kein Stützpfeiler nirgends, was in Parkhäusern äußert selten ist. Nahezu alle Elemente sind aus charakteristischem Sichtbeton.

Brutalismus, der Begriff, kommt von brut, nicht von brutal, wie einen manches Bauwerk der Richtung glauben lässt. Brut wie trockener Sekt, wie herb, ungeschönt. Als Erfinder der von nacktem Beton beherrschten Drama-Architektur kann Le Corbusier (1887 bis 1965) gelten, Charles-Édouard Jenneret-Gris, wie er in seiner Geburtsurkunde heißt.

Der schweizerisch-französische Baugroßmeister ließ bei seiner ersten betonernen Wohnmaschine, der zwischen 1947 und 1952 entstandenen Cité Radieuse in Marseille, die Außenhaut einfach unverputzt. Das 18-geschossige Gebäude, meist zu Maisonettewohnungen ausgebaut, die die Morgen- und Abendsonne bescheint, ist längst ein erster brutalistischer Klassiker.

Ein Denkmal aus der Pfalz

Der Baumeister Marcel Breuer (1902 bis 1981) hat einen Anteil daran, dass die Bauhaus-Moderne, deren Vertreter er selbst war, in eine Nachmoderne transformiert worden ist. Dazu etwa das englische Paar Alison und Peter Smithson, die das theoretische Fundament dazu lieferten. Ab den Sechzigern bis in die Achtziger fanden die teils schwindelerregenden Bauten weltweit Verbreitung: in Frankreich, England, Brasilien, Ex-Jugoslawien, Afrika, Japan, Tunesien, Israel und Papua-Neuguinea.

Das Habitat 67 in Montreal zählt dazu, das Paradero Hotel in Todos Santos oast selbstbewusst in der Wüste von Baja California. Dramatische Schluchten, massive Höhen, Erker, Türme, Bauten wie der an einen Betonfelsen gemahnende Mariendom von Gottfried Böhm (1920 bis 2021) scheinen metaphysische Kräfte zu entfesseln. Eine Überwindung des bloßen Funktionalismus, Bauten wie widerständige Haltepunkte mitten im rasenden Fortschritt. In Wörth, Pfalz, ist seit 2020 das Europa-Gymnasium des Ludwigshafener Architekten Egon Seidel mit seinen klar gegliederten Kuben, der markanten Treppenhalle und samt eines Betonreliefs des Bildhauers und Pfalzpreisträgers Karl-Heinz Deutsch unter Denkmalschutz. Der oft geschmähte Brutalismus und seine unter Abrissvorbehalt stehenden Bauten erleben gerade eine Renaissance.

Rettet die Betonmonster

Ende 2017 eröffnete im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt die Ausstellung „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!“, deren Titel das verbreitete Kritikmuster transportiert. Inzwischen listet die aus der Schau entwickelte Datenbank www.SOSBrutalism.org mehr als 1000 Gebäude. Architekturen wie der Trellick Tower in North Kensington, London, früher als „Tower of Terror“ geschmäht, gilt mittlerweile als Luxusimmobilie. Dito das Sirius Building in Sydney, in den 1970er-Jahren als sozialer Wohnungsbau errichtet, inzwischen als Sirius Sydney Harbour Building ein Sehnsuchtsort für die besseren Kreise. Auch das Mannheimer Parkhaus N2, jetzt die einzige Hochgarage in ganz Baden-Württemberg, deren Denkmalwert „auf ihren bautypologischen Rang und ihre funktionale Qualität zurückzuführen ist“, sollte zwischendurch einer neuen Stadtbibliothek weichen.

Plötzlich grüne Lunge: Das Parkhaus N2 im Sommer.
Plötzlich grüne Lunge: Das Parkhaus N2 im Sommer.

Die brutalistische Kühle ist im Laufe der Jahre durch einen Verputz etwas verwässert worden, bunte Bilder sind in die Zick-Zack-Fassade eingestellt. Derweil hat, dass – im Sommer – Grün das Bauwerk wallend überwuchert, letztlich genutzt. 2021 jedenfalls begann ausgerechnet die Mannheimer Initiative SOS Stadtbaum für den Erhalt des Gebäudes zu streiten, unterstützt von Geschäftsleuten und Anwohnern der Innenstadt. Plötzlich grüne Lunge, auf einmal erschien der „Bunker“ in neuem Licht. Und jetzt auch noch die denkmalschützerische Nobilitierung.

Das Parkhaus ist immer gut besetzt. Den allermeisten, die über die Rampen einfahren, dürfte der historische Status des Abstellorts, den sie nutzen, gar nicht bewusst sein. Dabei bietet sich Kinogängern die Gelegenheit, eine Kombi-Erfahrung zu machen und den Filmbesuch um eine Anschauung in der Realität zu erweitern: „Der Brutalist“ läuft im Atlantis in K2, das Parkhaus N2 steht nur 800 Meter entfernt, im Netz ist der Weg dorthin als „meist flach“ angegeben.

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