Kultur Das Vermächtnis des Jugendstil-Stars

Franz von Stucks Amazone steht normalerweise vor der Villa. Zum Jubiläum ist sie ins Neue Atelier des Künstlergebäudes gezogen.
Franz von Stucks Amazone steht normalerweise vor der Villa. Zum Jubiläum ist sie ins Neue Atelier des Künstlergebäudes gezogen.

Der berühmte Maler und Bildhauer Franz von Stuck (1863-1928) errichtete 1897/98 nach eigenen Entwürfen auf der Münchner Isaranhöhe seine Künstlervilla mit Wohn- und Repräsentationsräumen sowie Künstleratelier. Vor 50 Jahren wurde die Villa Stuck als Museum eröffnet – nach einem regelrechten Drama. Das Jubiläum feiern jetzt zwei Ausstellungen.

Unglaublich, diese Dynamik. Endlich kann man die Amazone in ihrer ganzen Pracht erfassen, um sie herumgehen und bis ins Detail studieren, wie sie auf ihrem Ross kraftvoll ausholt, um gleich einen tödlichen Speer los zu schleudern: Zum großen Jubiläum reitet die wilde Kriegerin nicht mehr vor der Münchner Stuckvilla, sondern im derzeit lichtdurchfluteten Neuen Atelier, das sich der Meister 1914 just für solche Riesenprojekte hat bauen lassen. Man ahnt es schon: Aus den grandiosen Aufträgen ist nichts mehr geworden. Der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Die deutschen Stadtoberen und ihre Baumeister plagten andere Sorgen, als öffentliche Plätze mit monumentalen Skulpturen zu versehen. Die Amazone, die noch im Gigantensaal der Kunstakademie modelliert worden war, blieb jedenfalls die erste und letzte Großplastik Franz von Stucks – 1912 von der Stadt Köln geordert. Stuck, der es in einer rasanten Karriere zum allseits hofierten Star der Münchner Secession und der Jugendstil-Szene gebracht hatte, wohnte seit 1898 nicht nur in einem aufsehenerregenden Gesamtkunstwerk, das er bis in die kleinste Ornamentwindung selbst konzipiert hatte. Das 1863 im niederbayerischen Tettenweis geborene Allroundtalent besaß nun auch das größte Atelier seiner Zeit. Und das war im Grunde bereits der heute so angesagte „White Cube“, in dem nichts vom Objekt ablenkt. Dass hier jetzt ganz im Sinne Stucks mit einer Präsentation seiner Skulpturen und auf Staffeleien platzierten Malereien gefeiert werden kann, ist nichts weniger als ein Wunder. Denn als die Villa 1968 vom damaligen Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel als Museum eröffnet wurde, hatte sie elende Zeiten hinter sich. Nach dem Tod des Künstlerfürsten im Jahr 1928 und einer spektakulären Versteigerung – auch Hollywoods erster Oscar-Preisträger Emil Jannings meldete Interesse an – kam das Anwesen zwar in den Besitz von Stucks unehelicher Tochter. Doch die schöne Mary hielt es hier nicht lange mit ihren kleinen Kindern, und damit begann das Dahindümpeln der einst so noblen Villa. Richtig genutzt wurde sie erst wieder nach dem Krieg: Zunächst ziehen die Amerikaner ein und bedienen sich großzügig beim Mobiliar. Dann eröffnet Günther Franke im Erdgeschoss seine Galerie für die Klassische Moderne. Und 1946 füllen sich die übrigen Etagen mit den Studenten der Musikakademie. Auch Wolfgang Sawallisch, der spätere Staatsopernchef, übt hier noch Klavier. Für die kunstvoll ausgestatteten Räume hat sich leider niemand interessiert. Und in den frühen 1960er Jahren ist das Gebäude schließlich so heruntergewirtschaftet, dass bereits über einen Abriss nachgedacht wird. Auch für einen massiven Umbau mit der Errichtung von Bürokomplexen an Stelle des Neuen Ateliers gibt es Pläne, und erst langsam dämmert den Münchnern, was auf dem Spiel steht. Es ist das Architektenpaar Hans-Joachim und Amélie Ziersch, das dem Drama 1965 ein Ende bereitet und die Villa mit allem Drum und Dran für 1,1 Millionen Mark von Stucks Enkel kauft. Mit der Generalsanierung geht es endlich aufwärts, und seit 1968 dreht sich wieder alles um die Kunst. Übrigens mit Nachdruck. Denn als wollte man die Versäumnisse der Vergangenheit ausgleichen, jagt nun eine Vernissage die nächste. Große Namen sind vertreten wie Pablo Picasso, Otto Dix und Josef Albers, man gönnt sich aber auch Älteres wie Goya oder Gauguin – das ist alles im zweiten Teil der Jubiläumsschau aufgefächert. Und nachdem das Museum 1992 durch eine Schenkung an die Landeshauptstadt ging, kam mit der durchaus Jugendstil-affinen Direktorin Jo-Anne Birnie Danzker ein bis heute verfolgtes neues Konzept ins Haus: Sie ließ Künstler wie Donald Judd, Sol LeWitt oder Robert Wilson die Räume erkunden – von Letzterem trabt derzeit ein übrig gebliebener Centaur die Wände hoch. Und sie hat viel beachtete Großausstellungen angezettelt wie 2001 „The Short Century“ mit der aktuellen Kunst Afrikas; kuratiert von Okwui Enwezor, der seit acht Jahren das Haus der Kunst leitet. Richtig kleben bleibt man allerdings an den unzähligen Fotos prominenter Gäste der Villa. Gunter Sachs gehört dazu, weil er hier ab 1967 sein legendäres Modern Art Museum betrieb, Schmollmund Brigitte Bardot tänzelt an seiner Seite. Karl Lagerfeld überrascht durch einen „Faust“-Fotografiezyklus mit Muse Claudia Schiffer. Die nie wirklich gut gelaunte Yoko Ono spielt 1996 mit den Besuchern ihrer Ausstellung Schach, und Marina Abramovic putzt Knochenabfälle vom Schlachthof. Den bestialischen Gestank, der damals durchs Treppenhaus zog, gibt das Polaroid glücklicherweise nicht wieder. Aber man sieht schon, dass seit der Wiedereröffnung vor 50 Jahren nicht nur viel frische, sondern genauso irritierende Kunst in die Stadt gekommen ist. Die Ausstellungen „50 Jahre Museum Villa Stuck“ und „Schicksal Villa Stuck – Das Neue Atelier Franz von Stucks“, bis 6. Mai, dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60, München. Ein Katalog zum Neuen Atelier erscheint im Herbst.

Robert Wilson durfte 1997 die Räume der Villa Stuck erkunden. Er hinterließ einen Centaur, der eine Wand hochtrabt.
Robert Wilson durfte 1997 die Räume der Villa Stuck erkunden. Er hinterließ einen Centaur, der eine Wand hochtrabt.
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