Mode und Politik
Das Sakko bin ich: In Frankreichs Parlament gibt es jetzt eine Kleiderordnung
Sagen wir es so, selbst, um aus dem Epizentrum der Formlosigkeit, einer Zeitungsredaktion, zu berichten, herrschte hier viel früher einmal eine andere Ordnung. Und wer die Gnade der neolithischen Geburt besitzt, erinnert die Geschichte, dass dereinst ein Volontär vom damaligen Chefredakteur nach Hause geschickt wurde, sich anständig anzuziehen, weil er Jeans trug. Inzwischen müssten in diesen Kategorien gedacht nahezu alle zu Hause bleiben. Im Homeoffice, 24/7, die Kameras der Laptops abgeklebt. Also inklusive großer Teile der jetzigen Chefredaktion selbst, selbstverständlich. Allerdings herrscht in Kleiderfragen sowieso und allgemein jetzt ein anderes, na ja, comme il faut.
Heißt, dass im Büro – Ausnahme vielleicht auf gewinnendes Scheinen angewiesene Banken und Versicherungen – alle anziehen, was sie wollen, bis in die höheren Etagen. Trekkingsandalen, Shorts, Tennissocken bis zum Knie. Jogginghosen, laut Modezampano Karl Lagerfeld selig, Indiz eines allgemeinen Lebenskontrollverlusts, sind schon längst zum Ausweis einer sportiven Allzeitbereitschaft auch im Arbeitsleben avanciert. Und der Kapuzenpulli, dessen Genese zur Mönchskutte reicht, ist zum Erkennungszeichen mächtiger Nerds verklärt worden.
Die Unsitte Hoodie
Inthronisiert in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts von Männern wie Mark Zuckerberg (Metaverse) oder Larry Page (Google), die eingehüllt wie Bankdrücker eines Basketballspiels die Welt durch Informationsabschöpfung dominieren.
Eine weitere Zeitenwende brach vor Kurzem an, als der „Tagesschausprecher“ André Schünke, verschämt zwar, aber doch, zur nächtlichen Stunde um 1 Uhr 40 ohne die seit 1952 für Nachrichtensprecher obligatorische Krawatte auftrat. Blank, mit – dank eines Klebstreifens – eineinhalb Knöpfe weit geöffnetem Hemdkragen. Sowieso kann das Gebinde, das auf die Erfindung kroatischer Soldaten zurückgeht (à la cravate: nach kroatischer Art), als Teil eines Ganzen gelten.
Eng im Schritt
Immerwährend, ewig, ein Jahrhundert lang und länger verwies es pfeilartig auf die Männlichkeit und Seriosität seines Trägers. Nun trägt der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck den Halsschmuck (und Blickschutz, nicht vergessen!) wie einen der Fallstricke, die sein Amt identitätseinschneidend begleiten. Und immer öfter sieht man auch Kanzler Scholz, wenn nicht gleich – wie im Regierungsflieger – im Schlabberpulli, dann doch, wie er im offenen Hemd amtiert.
International ist das als Ausdruck von Kampfbereitschaft wie eine zweite Haut getragene, ewige, Nato-olivfarbene T-Shirt von Wolodomir Selenskyj das modische Utensil der Stunde. Kaum jemand sonst beherrscht wie der ukrainische Präsident die Kommunikation mit textilen Zeichen. Vielleicht abgesehen von Regierungschef Emmanuel Macron, der sich – weil er es für hilfreich hielt – im jüngsten Wahlkampf fläzend auf dem Sofa und mit frei wallendem Brusthaar ablichten ließ. Womit wir bei Frankreich wären. Dem Nachbarland und Geburtsort eines gewissen Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon (1707 bis 1788), dem die Nachwelt die nachdenkenswerte Einschätzung verdankt: „Le style est l’homme même“ – der Stil ist der Mensch selbst.
Bessere Politik?
Das Bonmot erinnert uns an eine Literaturdebatte, bei der der Berliner Peter Schneider seinem südlich von Paris, in Chaville lebenden Schriftstellerkollegen Peter Handke verkürzt gesagt vorwarf, Leinenhosenliteratur zu schreiben. Während er seine Texte natürlich in im Schritt eng anliegenden Jeans und mit nacktem Oberkörper verfasse. Was das heißt, kann Mann sich ungefähr vorstellen.
Währenddessen ist unklar, was die jetzt im französischen Parlament eingeführte Kleiderordnung, die Ortsangemessenheit und Sakkopflicht einfordert, praktisch-politisch genau bedeutet. Also außer, dass einige französisch-polynesische Abgeordnete der linken Nupes Wickelrock und Kurzarmhemd mit Blumenmotiv zu Hause lassen müssen. Bessere Politik? Dagegen spricht, dass die Fraktionsvorsitzende der Rechtspopulisten, Marine Le Pen, ihren immer folgsamen männlichen Abgeordneten schon vor der ersten Sitzung nahegelegt hat, krawattiert zu erscheinen.
P.S. Dieser Text wurde in Pullover und Jeans verfasst. Das Sakko hing derweil am Kleiderhaken.