Kultur Das Leuchten in der Nacht

Sebnitzer Weihnachtsstern der Firma Wirker, um 1965.
Sebnitzer Weihnachtsstern der Firma Wirker, um 1965.

Als Kind will man nach ihnen greifen. Sie funkeln in der Nacht, als wäre der Himmel eine löchrige Kuppel, hinter der ein Feuer lodert: Sterne sind ein Wunder für alle, die anfangen, die Welt zu begreifen. Das Lexikon erklärt, Sterne seien „selbstleuchtende Himmelskörper aus sehr heißem Gas und Plasma“. Das ist die nüchterne Wahrheit, gleichwohl ziehen uns die Sterne in klaren Nächten immer noch magisch an. Sterne sind unerreichbar und doch seltsam nah.

Schon früh erkannte man die segensreiche Wirkung der Sterne. Den Seefahrern gaben sie Orientierung, den Astronomen lehrten die weit entfernten Sonnen, Zeit und Raum einzuschätzen, und den Gläubigen sind sie seit Christi Geburt ein Zeichen. „Als Jesus geboren war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ Diese Stelle im Matthäus-Evangelium ist die einzige Quelle zum berühmten Stern von Bethlehem. Im gleichnamigen Lied singen die Christen: „Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg. Führ uns zur Krippe hin, zeig wo sie steht. Leuchte du uns voran, bis wir dort sind. Stern über Bethlehem, führ uns zum Kind.“ Bis heute ziert ein Stern jede Krippe, ein Stern prangt an der Spitze des Christbaums, und die Sternsinger tragen ihn bei sich – als Symbol der Freude und Hoffnung. Die Kirchen sind jetzt voller Sterne, bei manchen ist das sogar das ganze Jahr so, wie etwa in der Peterskirche in Sausenheim bei Grünstadt, deren blaues Gewölbe einem Sternenhimmel gleicht. Sterne faszinieren Menschen seit Jahrtausenden. In allen Kulturen gilt der Stern als ein Symbol für etwas Besonderes, etwas Herausragendes. Wo immer Qualität und Güte hervorgehoben werden sollen, prangen Sterne. Sie machen aus einem begabten Küchenchef einen Sterne-Koch oder aus einem gehobenen Hotel eine Nobel-Herberge. Bis heute ist ein sechseckiger Brauerstern auf den Gebäuden der Karlsberg Brauerei in Homburg zu sehen. Die beiden verbundenen Dreiecke stehen einerseits für die Verbindung von Feuer, Wasser und Luft beim Brauprozess und symbolisieren andererseits die Brauzutaten Hopfen, Malz und Wasser. Ebenfalls sechseckig ist der Davidstern des Judentums, der nach dem König David des Alten Testaments benannt ist. Er steht für die Verbundenheit des Menschen mit Gott. Als Glaubenssymbol und Kennzeichen jüdischer Gemeinden gewann er ab dem ausgehenden Mittalalter an Bedeutung. Die Nationalsozialisten machten ihn als „Judenstern“ zum furchtbaren Zeichen des Antisemitismus und der Ausgrenzung. Heute wird der Davidstern als Ausdruck jüdischer Identität und auch als politisches Symbol verwendet. Das Museum europäischer Kulturen in Berlin-Dahlem hat sich dieses Phänomens angenommen. In einer Sonderausstellung über die Sehnsucht nach dem Leuchten in dunkler Nacht wird deutlich, in welchem Maße uns Sterne durch das Leben begleiten. Die hohe Zeit der Sterne ist in unseren Breiten eindeutig die Advents- und Weihnachtszeit. Viele Fenster sind geschmückt mit Leuchtsternen, die in Fernost preisgünstig gefertigt wurden und nur noch auseinandergefaltet werden müssen. Ihre Vorbilder stammen aus Sachsen und sind dagegen ausgeklügelte dreidimensionale Konstruktionen. Der älteste Stern dieser Art ist der seit 1820 belegte Herrnhuter Stern, ein geometrisches Kunstwerk der Mathematiklehrer der evangelischen Herrnhuter Brüdergemeinde aus der Oberlausitz. Seit Ende des 19. Jahrhunderts werden sie maschinell hergestellt und in alle Welt verschickt. Die DDR ließ die Sterne fast ausschließlich für den Export in mehr als 20 Länder produzieren. In der als Herrnhuter-Siedlung gegründeten nordamerikanischen Stadt Bethlehem (Pennsylvania) und in ihrer Umgebung ist der Stern als „Moravian Star“ mit zwei verlängerten Spitzen bekannt und heute sogar das offizielle Zeichen der Stadt. In der Ausstellung bilden 22 Leuchtsterne den beschaulichen Mittelpunkt. Sie stammen vorwiegend aus dem Erzgebirge, wo die Herstellung von Weihnachtsschmuck als handwerkliche Tradition bis heute gepflegt wird. Das ausgeklügelte Gefüge dieser papiernen Lichtquellen fasziniert seit Generationen. Bis heute werden immer wieder neue, faltbare Modelle entwickelt. Ältestes Objekt der Ausstellung ist ein Himmelsglobus um 1700 mit Sternbildern aus der niederländischen Werkstatt Valck. Der Himmelsglobus bildet bei maßgenauer Anfertigung ein unverzerrtes, spiegelverkehrtes Bild der Sternen-Positionen am Nachthimmel ab. Allerdings muss sich der Betrachter in den Globus hineinversetzen, um den Nachthimmel richtig zu sehen. Das wohldurchdachte hölzerne Modell bot schon vor über 300 Jahren einen Himmelsführer, der sich weiterentwickelt heutzutage in jeder „Sky-Guide“-App auf dem Smartphone wiederfindet. Schließlich sind Sterne auch markante politische Symbole. Weltweit tragen mehr als 40 Länder einen Stern in ihrer Nationalflagge, etwa die USA, die Türkei oder Kroatien. Die erste amtliche Flagge der Sowjetunion von 1922 wies ebenfalls einen Stern auf. Seine Zacken sollten die fünf Kontinente symbolisieren und die rote Farbe den Kommunismus, der dort einmal herrschen würde. Ein verrosteter Sowjetstern, 2005 in den Überresten einer Kaserne in Potsdam gefunden, erinnert in der Ausstellung daran. Markant sind die zwölf goldenen Sterne der Europa- Flagge. Sie stehen dabei nicht für die Anzahl der Mitgliedsstaaten, sondern für die Hoffnung auf Vollkommenheit und Einheit aller Nationen Europas. Hoffnung ist auch der Grund, warum sich der Stern häufig in den Texten alter Volksweisen und Schlager wiederfindet. Diesen wohlbekannten Aspekt verschweigt die Ausstellung aus unerfindlichen Gründen, weshalb an dieser Stelle nicht nur an „La Paloma“ erinnert werden soll („Mich trägt die Sehnsucht fort in die blaue Ferne. Unter mir Meer und über mir Nacht und Sterne“), sondern auch an einen zeitgenössischen Hit: „Einen Stern, der deinen Namen trägt, hoch am Himmelszelt. Den schenk ich Dir heut` Nacht…“ Die Ausstellung „Sterne – nicht nur zu Weihnachtszeit“, Sonderausstellung des Museums Europäischer Kulturen Berlin-Dahlem, bis 3. Februar 2019, Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr.

x