Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Das etwas andere Sinfonieorchester: Chineke! bei der BASF in Ludwigshafen

Musiker des Chineke-Ensembles.
Musiker des Chineke-Ensembles.

Das 2015 von der international renommierten Kontrabassistin Chi-Chi Nwanoku in London gegründete Chineke! Orchestra ist etwas Besonderes. Ziel ist es, jungen Musikern mit nicht-weißer Hautfarbe den Weg in eine Zukunft als Berufsmusiker zu ebnen.

Im BASF-Feierabendhaus konnte man sich jetzt vom Leistungsstand des bunt gemischten Ensembles überzeugen. Am Dirigentenpult stand Fawzi Haimor, derzeit Generalmusikdirektor der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Gespielt wurden eine Suite von Samuel Coleridge-Taylor, die Siebte von Beethoven und das erste Violinkonzert g-Moll von Max Bruch; Solistin war Tai Murray.

Ein Orchester nur für ethnische Minderheiten

Chineke! (soviel wie: „Geist der Schöpfung“) besetzt eine Lücke, die im 21. Jahrhundert eigentlich schon längst hätte geschlossen sein müssen. Schwarze oder Angehörige ethnischer Minderheiten in Sinfonieorchestern? Weitgehend Fehlanzeige. Auch bei den Solisten mit internationaler Reichweite muss man lange suchen. Der Pianist André Watts fällt einem ein, aber der ist aus Nürnberg, was bei African Americans (so die aktuelle Sprachregelung) angeblich nicht zählt. So gesehen ist die in Chicago geborene und an der Juilliard School in New York ausgebildete Geigerin Tai Murray (38) immer noch eine Ausnahmeerscheinung.

Das Bruch-Konzert spielt sie mit geradezu unromantischer Finesse und tadelloser, vor allem im Finalsatz überschäumender Spielfreude, dabei immer schlank, mit exzellentem, also kaum „hörbaren“ Vibrato. Das Adagio: Fast zu behutsam. Bewegungslos, wie eine Statue steht sie auf dem Podium – allein mit ihrer Musik „spricht“ die Virtuosin mit dem Publikum. Ein bemerkenswerter, unbedingt moderner Auftritt,

Die Musiker sitzen auf der Stuhlkante

Für ihren Begleitpart sitzen die Musiker des Chineke! Orchestra gerne auf der Stuhlkante. Das gleiche tun sie für die „Othello-Suite“ des englischen Komponisten Samuel Coleridge-Taylor, der von 1875 bis 1912 lebte, einen Arzt aus Sierra Leone zum Vater hatte, „trotzdem“ als Komponist berühmt und geschätzt – und nach seinem frühen Tod schnell vergessen wurde. Ihn wieder zu entdecken und als Großen der Zunft zu rehabilitieren, ist eine Herzensangelegenheit der Gäste. Mit fast missionarischem Eifer stürzen sie sich auf die Musik, die geschickt gemacht ist und sich beim ersten Hören irgendwo zwischen später Romantik und kommender Filmmusik verorten lässt.

Beethoven, der Revolutionär

Beethoven ist da trotz des zeitlichen Abstands schon ein ganz anderes Kaliber. Nun gar die gerne als „Apotheose des Tanzes“ apostrophierte Siebte, was Dirigent und Orchester zu einer ebenso zügigen wie rabiaten Lesart animiert. Beethoven, der Revolutionär. Dass das Scherzo durch metrische Instabilitäten leidet, sei freilich ebenso wenig verschwiegen wie die Tatsache, dass bei Zusammenspiel und Klangregie immer noch etwas Luft nach oben ist – bei einem so jungen Orchester kein Beinbruch. Die Sache hatte ihren Schwung, war sympathisch und voll auf der Linie der im Jubiläumsjahr favorisierten Beethoven-Interpretation. Ganz zu Recht war der mir Zugaben belohnte Applaus für Fawzi Haimor und seine Musiker mehr als nur herzlich.

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