Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Das erste Mal im Fußball-Tempel: Liverpool, Anfield, Reihe 1

Trent Alexander-Arnold, nur drei Armlängen von unserem Sitzplatz entfernt, beim Eckball für die „Reds“ am 7. März beim Spiel geg
Trent Alexander-Arnold, nur drei Armlängen von unserem Sitzplatz entfernt, beim Eckball für die »Reds« am 7. März beim Spiel gegen AFC Bournemouth (2:1). Ein Spiel, in dem das Coronavirus noch keine Rolle spielte.

Das erste Mal ist oft eine Grenzüberschreitung. Was für den einen ein Wagnis bedeutet, ist für den anderen eine Kleinigkeit – oder umgekehrt. Dieses Mal ist ein Fan reif für die Insel – Liverpool, Stadion, Anfield Road, mehr Fußball geht wirklich nicht.

Ob Allianz-Arena in München, Prinzenpark in Paris oder Camp Nou in Barcelona – ich war schon in zig Stadien dieser Welt, manche mit mehr, manche mit weniger Gänsehautfaktor. In den Fußballtempel schlechthin hatte ich es allerdings noch nicht geschafft. Im Nachhinein war das sogar ein Glücksfall: Denn ich habe mir den Besuch für einen besonderen Moment und einen ganz besonderen Menschen aufgehoben: einen Sportkollegen, dessen passive Phase der Altersteilzeit nach vier erfolgreichen Jahrzehnten mit Treffern, Punkten und Zeiten vor Kurzem begonnen hat. Es war insofern auch für mich ein Geschenk, dass ich ihn zu diesem Trip auf die Insel eingeladen habe. Liverpool, Anfield Road, der Inbegriff von Fußballseele, ganz großes Kino.

Ausgelassene Jahrmarktstimmung

Sicher, man kann als Fußballfan sterben, ohne dort gewesen zu sein – aber man wäre dann irgendwie unvollendet. Schon die Taxifahrt vom Hotel zum Stadion ist ein Erlebnis. Weil die Hauptverkehrsstraßen verstopft sind, schlängelt, düst und kurvt der Mann vorne rechts die Karre gekonnt durch schmale Gassen bis direkt zum Haupteingang. „That’s my job“, sagt er trocken. „Have fun!“ Eine bescheiden-freundliche Art, die uns immer wieder begegnet im Umfeld des gut 55.000 Zuschauer fassenden Anfield, das im gleichnamigen Liverpooler Stadtbezirk liegt – mitten im Wohngebiet, flankiert von Kneipen.

Welch ein Trubel, es herrscht ausgelassene Jahrmarktstimmung. Selfies vorm Vereinswappen sind Pflicht. Auf einer Bühne tritt eine Band auf, weniger Meter weiter trällert ein junger Kerl Beatles-Songs, sein Gitarrenkoffer ist voller Münzen, vorm Fanshop bildet sich eine Schlange. Keiner verlässt ihn ohne ein Trikot oder ein anderes Souvenir in der Tüte– geduldig beraten vom extrem netten Personal. Auf einem Parkplatz am Rande wird mit Großporträts Spielerikonen wie Kevin Keegan, Ian Rush oder Steven Gerrard gehuldigt. Wieder so ein Selfie-Muss.

Männer und Frauen aus halb Europa ...

„Kenny“ Dalglish ist ein anderer ehemaliger Ausnahmekicker und -coach nachdem unser Eingang benannt ist. Er führt in die „Reds Bar“. Darüber hängt ein Megaplakat von einem Mann mit Bart, Basecap und geballter Faust, der nach dem Champions-League-Sieg 2019 und dem sich abzeichnenden Premiere-League-Titel 2020 Legendenstatus genießt: Jürgen Klopp, Trainer und „The normal one“. Neben ihm ein Zitat: „The fans are our energy source.“

Wie viel Energie (und Geld) die Anhänger aus aller Welt investieren, um dem Erlebnis Anfield (und der Millionentruppe des LFC) mal ganz nahe zu sein, spürt man in besagter Bar. Aus halb Europa sind in rote Jerseys gehüllte Männer und Frauen mit rot-weißen Schals und Mützen in die 550.000-Einwohner-Stadt am Mersey-River im Nordwesten Englands gereist, um die Elf um Kapitän Virgil van Dijk vor dem Anpfiff mit der Stadion-Hymne zu elektrisieren. Ein sympathischer Einpeitscher im adretten Anzug stimmt sie bereits auf einer kleinen Bühne in der „Reds Bar“ an – und alle schmettern „You’ll never walk alone“ so inbrünstig wie bierselig mit. Wenig später wandert draußen ein von Tausenden Händen weitergereichtes Riesenbanner über die Köpfe der Zuschauer und rund um die vollen Tribünenränge. Wahnsinn. Die Atmosphäre ist traumhaft.

... und zwei Ludwigshafener in Liverpool

Wir, die beiden Ludwigshafener in Liverpool, können unser Glück kaum fassen, als wir unsere Sitzplätze erspähen: ganz vorne, erste Reihe, nur wenige Armlängen entfernt von der Eckfahne und dem Tor, in das die Stürmerstars Mo Salah und Sadio Mané nach dem frühen 0:1 (9.) zum 2:1-Endstand gegen den frechen Abstiegskandidaten AFC Bournemouth treffen. Als das Leder in der 24. und 33. Minute im Netz zappelt, explodiert die Hütte – nach 90 Minuten Fairplay auf und neben dem Platz mit Golfrasen-Qualität: Es gibt nur eine Verwarnung – und keine Pfiffe. Auch bei Auswechslungen des Gegners wird anerkennend applaudiert.

Einen Tag später wird erneut mit Sprechchören („We win the League“) gefeiert: in „Jürgen’s Bierhaus“, so etwas wie das Wohnzimmer aller Klopp-Fans, unweit der Albert Docks am Hafen. Das Manchester-Derby wird live gezeigt: Liverpools schärfster Rivale City unterliegt United 0:2. Läuft für Liverpool. Den Rückschlag am Mittwoch gegen Atletico Madrid – die Jungs, der Jürgen und ihre Fans werden ihn verkraften: „You’ll never walk alone“.

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