Pfalzgeschichte(N)
Das Ende der Legende vom pfälzischen Lederstrumpf
Mit seinen fünf „Lederstrumpf“-Romanen, erschienen zwischen 1823 und 1841, hat James Fenimore Cooper der US-amerikanischen Literatur Weltgeltung verschafft. Bis heute verführt der literarische Ruhm des Protagonisten „Lederstrumpf“ alias Natty Bumppo, Enthusiasten dazu, an diesem Ruhm teilhaben zu wollen. Es gibt mehrere Spuren, die zum angeblich realen Vorbild der Romanfigur führen sollen.
Peter Baumann, ein deutscher Reiseschriftsteller und Filmautor, recherchierte etwa 1989 „Auf den Spuren von Coopers Lederstrumpf“ und glaubte, in Coopers Natty Bumppo den legendären Pionier und Jäger Daniel Boone (1734-1820) zu erkennen. Dass dieser amerikanische Volksheld Cooper nicht unbekannt sein konnte, belegt eine Fußnote in seinem Roman „Die Prärie“. Dort begegnet der alte Natty Bumppo Auswanderern, die im noch unbesiedelten Westen eine Zukunft suchen. Cooper kommentiert, Oberst Boone, dieser ehrwürdige und kühne Pionier, wandere in seinem 92. Jahre nach einer Wildnis aus, die 300 Meilen westlich des Mississippi liege, weil er eine Bevölkerung von zehn Personen auf die Quadratmeile zu gedrängt und zu unbequem finde. So wie Coopers Natty Bumppo im Roman von 1827. Da war Boone schon längst tot, und es ist auch das einzige Mal, dass Cooper sich auf ihn bezieht. Andere Parallelen, die Baumann zwischen ihm und Natty Bumppo herstellen will, sind eher spekulativ.
Der Edenkobener Hartmann und die Trommeln am Mohawk
In der Pfalz besonders beliebt und verbreitet ist die Geschichte, für Coopers Romanfigur hätte der Pfälzer Auswanderer Johann Adam Hartmann aus Edenkoben (1748-1836) Pate gestanden: ein Fallensteller und Jäger am Mohawk River im heutigen Bundesstaat New York, der auch im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte. Bis in jüngste Zeit werden dabei als Beweise angeführt: ein Trivialabenteuerroman von Max Felde mit dem Titel „Addi, der Rifleman“ (um 1920), der Name Hartmann in James F. Coopers Roman „Die Ansiedler“ (1823); der Name Adam Hartmann in John Fords Hollywood-Western „Trommeln am Mohawk“ von 1939. Drei jedoch wenig überzeugende Belege.
Schauplatz jedes Mal: das Mohawk-Tal, weswegen wir kurz einen Blick dorthin werfen. Anfang des 18. Jahrhunderts überließen die Völker der Mohawk und Oneida vor allem pfälzischen Siedlern dort Land zur Bewirtschaftung. Aus Mitleid, wegen deren Armut, sagen sie selbst. In der Folge entwickelten sich vielfältige Handelsbeziehungen und enge soziale Kontakte. Für die Mohawk war es eine Welt, in der man gemeinsam aufwuchs, um lebenslang wie Brüder zusammen zu leben. Eine aktuelle Untersuchung über die Nachbarschaft von Irokesen und deutschen Siedlern um 1757 formuliert aber auch die Erwartung, dass letztere Pacht zahlen sollten, sobald sie dazu in der Lage wären.
Königstreue wie Rebellen, alle wollen das Land der Indianer
Der deutschstämmige George Klock, mit Wurzeln in Meisenheim und Obermoschel, später auf Seiten der Unabhängigkeitskämpfer agierend, und Sir William Johnson auf Seiten der Engländer avancierten, obwohl politische Gegner, beide zu den größten Landspekulanten. Beide am Mohawk ansässig und eng mit Mohawk und Oneida verbandelt, sprachen sie deren irokesische Idiome. Mit Einsatz von Alkohol eigneten sie sich Land an. Es ging hier nicht um ein paar Äcker und Felder, sondern um riesige Gebiete, im Fall Klock um etwa 48 Quadratkilometer, bei Johnson gar um 400 Quadratkilometer.
Der Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges zwischen amerikanischen Kolonisten und Briten im Jahr 1775 machte die Lage auch wegen wechselseitiger Loyalitäten kompliziert. Es kam 1777 zur Schlacht von Oriskany, die eigentlich in einem Patt endete. Doch mussten die einheimischen Milizen den höchsten Blutzoll von 200 Toten und 50 Verletzten zahlen, auf englischer Seite waren es etwa 25 Soldaten, aber drei Dutzend Seneca-Krieger. Milizenführer General Herkimer wurde tödlich verwundet, sein Bruder indessen kämpfte auf englischer Seite.
Wahre Freundschaften und literarische Plagiate
Dieses Drama am Mohawk-River überlagert allerdings die wahren Absichten sowohl von Rebellen als auch Engländern. Beiden ging es letztlich um die Ländereien der irokesischen Völker. Dies belegt die Tatsache, dass sowohl Oneida als auch Mohawk alle Ländereien verloren und jeweils umgesiedelt wurden, die einen nach Kanada, die anderen nach Wisconsin.
Und dann steht da bei Max Felde alias Johann Kaltenboeck, dem Autor von „Addi, der Rifleman“, der Satz: „Die Indianer kannten zur zu gut die Wohlhabenheit der Bewohner des Mohawktales; dies reizte ihre Beutegier, und in der Folge musste mehr als einer der Deutschen nicht nur seine Kühe, sondern auch seine Kopfhaut lassen.“ Mit der realen und komplizierten Gemengelage im Mohawk-Tal hat das nichts zu tun. Zudem ignoriert der Abenteuer-Schriftsteller, dass seine Bösewichte, die Huronen, auch Wyandot genannt, damals wie heute in Kanada leben. Flugs wird da Mohawk-Anführer Joseph Brant alias Tayendanegeas zum bösen Huronen. Der wahre Joseph Brant jedoch war einer der wenigen mit indigener wie englischer Erziehung und übersetzte sogar das Matthäus-Evangelium ins Irokesische. Auch er ein enger Nachbar deutscher Siedler.
Nicht nur als historische Quelle ungeeignet, ist das Werk auch literarisch ein Plagiat. Es imitiert neben Coopers ureigener Erfindung, der Freundschaft zwischen dem Indianer und dem Waldläufer, auch jene von Karl May mit dem berühmten, gleichwohl dem Reich der Fantasie angehörenden Paar Winnetou und Old Shatterhand.
Alte Rivalen und ein neuer Grabstein im US-Staat New York
Felde erfindet mit „Flinker Biber“ einen jungen Oneida-Häuptling, der Freund des Titelhelden Addi. Und er stilisiert den Jäger Hartmann zur heldenhaften Hauptfigur in der Schlacht von Oriskany. Der edle Indianer „Flinker Biber“, muss, wie einst Winnetou, am Ende sterben. Auch er als christlich Bekehrter. Sogar eine silberbeschlagene Büchse ist im Spiel.
Alle Versuche, den Auswanderer Johann Adam Hartmann als Vorbild des Cooperschen „Lederstrumpfs“ zu sehen, konnten in Edenkoben nur gefallen. Aber da gibt es im Nachlass der Cooper-Familie auch ein Dokument, das aussagt, Major Hartmann aus dem Roman „Der Ansiedler“ sei einem gewissen Hendrick Frey nachgebildet: ein Freund der Familie. Im Roman „Drums along the Mohawk“ des Autors Walter D. Edmonds von 1936, der als Vorlage für John Fords Western von 1939 diente, wiederum kommt der Name Adam Hartmann nur einmal vor.
Fern von Edenkoben und Hartmann gibt es auch noch andere Thesen. So verbreitete erst im vergangenen Jahr eine Internet-Nachricht aus der 3500-Seelen-Gemeinde Hoosick Falls im Bundesstaat New York die Kunde, Historiker hätten dem aus dem Ort stammenden Nathaniel Shipman eine Gedenktafel errichtet, weil er James Fenimore Cooper zu seinem Romanhelden Natty Bumppo inspiriert hätte:
NATTY BUMPPO
In this burial ground lies
Nathaniel Shipman,
the inspiration for James
Fenimore Cooper’s famous
character „Natty Bumppo“.
Die ersten Publikationen, die auf Nathaniel Shipman als „Lederstrumpf“-Vorbild hinweisen, stammen indes bereits von 1897. Und 1917 erzählt Levi Chandler Ball, Geschäftsmann und immerhin 36 Jahre Gemeindevorsteher von Hoosick Falls, eine Version, die durchaus glaubwürdig klingt.
Familie Cooper und der alte Mann am See
Danach war Nathaniel Shipman ein bekannter Trapper in der Gegend um Hoosick und Freund der Delaware-Mohikaner. Mit ihnen kämpfte er auf britischer Seite um 1760 gegen die Franzosen und ihre indigenen Verbündete. Weil er sich geweigert haben soll, im Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten zu kämpfen, sei er von Nachbarn angegriffen, geteert und gefedert worden und danach für Jahrzehnte aus Hoosick Falls verschwunden.
Shipmans Tochter Patience nun heiratete einen gewissen John Ryan, der als Politiker mit Richter Cooper, dem Vater von James Cooper, bekannt wurde. Judge Cooper erzählte Ryan von einem älteren weißen Mann, der mit einem Mohikaner in einer Hütte oder Höhle am Otsego-See lebe. Es sei ein berühmter Jäger und Kämpfer aus dem französisch-indianischen Krieg, ein Mann mit ungewöhnlicher Ausdrucksweise und ebensolchem Verhalten und wie sein indianischer Freund ein echter Sohn der Wälder. Es stellte sich heraus, dass es sich um den lange vermissten Nathaniel Shipman handelte.
James Fenimore Cooper hat nicht nur von diesem Nathaniel Shipman gewusst, er muss ihm auch persönlich begegnet sein. Wie sonst konnte er 1838 in seiner „Chronik von Cooperstown“ (der von seinem Vater begründeten Siedlung) über den Otsego-See schreiben: „Der See, von köstlichen Fischen wimmelnd, und Shipman, der Lederstrumpf der Region, konnten jederzeit die Tafel mit ganzen Ladungen an Wildbret versorgen.“
Für James Cooper als Autor lag es da wohl nahe, seinem literarischen Lederstrumpf den Namen Natty zu verleihen. Und folgt man dem Bericht von Cooper senior, so ähneln Lebensumstände und Verhaltensweisen des Natty Shipman in vielerlei Hinsicht denen seines wohl wahrscheinlichen literarischen Doubles.
Jedoch hält man in Cooperstown einen anderen Shipman für das Vorbild des Natty Bumppo der „Leatherstocking Tales“: Es kursiert auch der Vorname David.
„Im moralischen Sinn eine reine Erfindung“
Immer wieder wurde James Fenimore Cooper zu Lebzeiten nach dem wahren „Lederstrumpf“ gefragt. Seine Antworten blieben literarisch, wie im Roman „Home as Found“. Da erinnert er an seinen Helden als einen „Mann von der Einfachheit eines Waldbewohners, dem Heroismus eines Wilden, dem Glauben eines Christen und den Gefühlen eines Dichters“. An anderer Stelle formuliert er noch eindeutiger: „Lederstrumpf“ sei im moralischen Sinne eine reine Erfindung.
Epilog: Der Autor Erich Renner, Ethnopädagoge und Biographieforscher, der an den Universitäten Koblenz-Landau und Erfurt lehrte, hält den Lederstrumpfbrunnen in Edenkoben für die bemerkenswerte Manifestation einer literarischen Fiktion. Begründet in den berühmten „Lederstrumpf“-Illustrationen von Max Slevogt, dessen künstlerische Heimat die Pfalz wurde. Deshalb hat er 1992 seinen indigenen Informanten, den Navajo Joe Atene, am Brunnen posieren lassen.