Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Das Dreigestirn Slevogt, Liebermann, Corinth in der Kunsthalle

Dramatischer Realismus, irdisch-fleischlich: Lovis Corinths Tuschzeichnung „Joseph und Potiphars Weib“, eine Vorstudie zum Gemäl
Dramatischer Realismus, irdisch-fleischlich: Lovis Corinths Tuschzeichnung »Joseph und Potiphars Weib«, eine Vorstudie zum Gemälde.

Sommerliche kleine Fluchten in der Kunsthalle Mannheim: Die Grafische Sammlung hat in ihre Bestände gegriffen und eine extraschöne Ausstellung von Zeichnungen und Druckgrafik des Impressionisten-Dreigestirns Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth zusammengestellt.

Liebermann, Slevogt, Corinth? Kennen wir doch? Wohl doch nicht so ganz. Zum Beispiel dieses Blatt: Ein schemenhaft umrissenes Figürchen, es ist eine Frau, steht auf einem Felsen am Meer. Sie scheint zu taumeln. Will sie stürzen? Wurde sie gestoßen? Könnte von einem Symbolisten sein, ist aber von Max Slevogt, dem man das nicht zugetraut hätte.

Und so geht das weiter. Immer wieder neue Entdeckungen und kleine Sensationen. Altbekanntes gibt es natürlich auch unter den fast 150 Blättern, die der für die Grafik zuständige Kurator Thomas Köllhofer mit gewohnt sicherer Hand ausgesucht hat. Alle stammen aus Ankäufen des legendären ersten Kunsthallen-Direktors Fritz Wichert, der das, was heute bare Selbstverständlichkeit ist, in seinen von 1909 bis 1923 währenden Mannheimer Jahren gegen erbitterte Widerstände durchgesetzt hat (mit den Expressionisten ging es ihm übrigens ebenso).

Kaiser Wilhelms Unwillen

Viel Schwarzweiß ist zu sehen, die farbigen Blätter wirken (fast) wie bewusst gesetzte Ausrufezeichen. Die Vermutung, dass die Ausstellung so grau daherkommt wie die Katzen in der Nacht, ist allerdings völlig daneben. Je mehr man hinschaut, desto deutlicher werden die Unterschiede der Temperamente, der Handschriften, Herangehensweisen und der bevorzugten Sujets.

Liebermann, den Berliner Großbürger vom Pariser Platz, sehen wir in einem „Selbstbildnis im Freien zeichnend“ in weiter, sparsam umrissener, minimalistisch karger Strandlandschaft. Er ist der große Realist unter den drei sogenannten deutschen Impressionisten. Man kannte sich und schätzte sich und arbeitete in der Berliner Sezession zusammen. Schwierige Anfänge hatten alle drei. Bis der Ruhm sie ereilte. Sehr zum Unwillen Kaisers Wilhelms II. war das Liebermann'sche Palais „gleich links vom Brandenburger Tor“ damals die Anlaufstelle für die künstlerische und geistige Elite des Reiches, die auf den Köder kaiserlicher Abendrunden gerne verzichtete.

Der Großstadt- und der Genussmensch

Von wegen „Rinnsteinkunst“, wie es gerne mal hieß: Max Liebermann zeichnet wo immer es geht im Freien. Es sind keine mondänen Szenen. Sein Blick auf die Welt ist nüchtern. Seine bei aller Sparsamkeit atmosphärisch dichten und von exquisiten Lichtwirkungen erfüllten Zeichnungen sind sensible Momentaufnahmen von Landschaften, Menschen und Tieren: Bauern bei der Arbeit, Kinder bei einer Armenspeisung, der Blick auf das quirlige Leben in der Amsterdamer Judengasse – einfach wie das tägliche Leben und gerade deshalb umso wahrhaftiger.

Der andere Max, Slevogt, der – spätestens seit er ab 1918 auf seinem Sommersitz Neukastel festsaß – als „Pfälzer“ zwangseingemeindete Bayer (er malte das wohl beste Porträt Max Liebermanns, heute im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern), ist da aus ganz anderem Holz: Genussmensch, großer Sänger, Theaterfreund und begnadeter Illustrator. Seine Illustrationen zu Coopers „Lederstrumpf“ liegen in einer aufgeschlagenen Prachtausgabe aus, die kaum für Kinderhände bestimmt war.

Die innere Unruhe des Jüngsten

Ebenfalls vom großen Kunsthändler Cassirer herausgegeben ist das Prunkstück der Schau, nämlich Slevogts Randzeichnungen zu Mozarts „Zauberflöte“, für die er die fotomechanische Wiedergabe der autographen Partitur nutzen konnte, die bei aller Flüchtigkeit wiederum ein kalligraphisches Meisterwerk für sich ist. Wie immer kümmert Slevogt sich nicht um Vorgaben; sein Eigensinn interpretiert Text und Musik bildgewaltig und überraschend neu, grandios in den glücklicherweise der Kunsthalle gehörenden „Zauberflöten“-Aquarellen. Von innerer Dynamik schier berstende Blätter zu mythologische Themen zeigen den Dramatiker, der er in seiner Malerei nie war.

Lovis Corinth, der jüngste im Trio, hält in etwa eine Mittelposition. Er ist ebenso Realist wie Dramatiker und beides auf eine recht irdisch-fleischliche Weise. Akte von einer Derbheit wie er sie malte und zeichnete, wären einem Liebermann und einem Slevogt nie eingefallen. Die aquarellierte und lavierte Tuschzeichnung „Joseph und Potiphars Weib“ (eine Studie zum Gemälde) führt das auf drastische Weise vor. Mit sichtbarer Anstrengung versucht die lüsterne Dame den erschreckt die Flucht ergreifenden Jüngling am Rockzipfel zu sich herunterzuziehen. Und Simson wird von Judith vor blutrotem Hintergrund mit fachmännischer Präzision der Kopf abgeschnitten.

Freilich holt auch ein Corinth nicht immer das große Besteck heraus, doch scheinen selbst bescheidenere Blätter von einer inneren Unruhe erfüllt. Zeigt der finstere Blick des „Lesenden Mannes“ von 1882 etwas eine schlechte Nachricht an? Und wie haben wir uns das ungewöhnlich distanzierte Gegenüber eines seiner Selbstporträts zu erklären?

Die Ausstellung

Liebermann, Slevogt, Corinth: Druckgrafik und Zeichnung, Kunsthalle Mannheim bis 20. November. www.kuma.art

Mehr zum Thema
x