Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Comic-Archäologie im Dschungel

Peter Kronhagel mit Pedrazza-Originalen.
Peter Kronhagel mit Pedrazza-Originalen.

Gut zehn Jahre lang hat Peter Kronhagel aus Böhl-Iggelheim an seinem Buch über die Schöpfer von Akim, einer italienischen Comicfigur der 1950er, gearbeitet. Entstanden ist ein beeindruckendes Werk nicht nur für Nostalgiker.

Zwei Zufallsfunde stehen am Anfang eines ambitionierten Liebhaberprojekts. Beim Urlaub am Lago Maggiore stieß Peter Kronhagel an einem Bahnhofskiosk auf alte Streifenhefte – schmale Büchlein mit Geschichten um den Comic-Helden Akim. So konnte er endlich die italienischen Originale seiner Lieblingsserie erwerben. Die Akim-Sammlung in seinem Haus im vorderpfälzischen Böhl-Iggelheim umfasst inzwischen einige tausend Ausgaben der millionenfach in mehreren europäischen Ländern verkauften Reihe, sorgfältig sortiert in Schuhkartons.

Für 20 Pfennig am Kiosk

Schon als Bub verschlang der heute 74-Jährige, wie so viele Jungen seiner Generation, die gezeichneten Abenteuergeschichten im Querformat über Ritter, Raumfahrer und andere Helden. Am Kiosk gab es sie für 20 Pfennige zu kaufen. Untrennbar sind die Piccolo genannten Hefte in Deutschland mit Verleger Walter Lehning und Zeichner Hansrudi Wäscher („Sigurd“) verbunden. Die ersten dieser Bilderzählungen kamen allerdings als Lizenzware aus Italien. Das kümmerte die damaligen Lesern natürlich herzlich wenig. Erst als die alten Serien Jahrzehnte später vom Odenwälder Verleger Norbert Hethke wiederaufgelegt wurden, entwickelte sich eine Nostalgie-Szene, man interessierte sich auch mehr für die Hintergründe der deutschen Comic-Frühzeit. Peter Kronhagel wurde zum Akim-Experten.

Heute ist der 73-jährige Kronhagel ein ausgewiesener Akim-Experte. Die Urwaldsaga wurde getextet von dem Journalisten Roberto Renzi (1923-2018) und gezeichnet von Augusto Pedrazza (1923-1994). Ab 1950 entstanden für den Mailänder Verleger Marino Tomasina Hunderte Folgen um den „Sohn des Dschungels“. Angelehnt war die Figur an Tarzan, aber auch an Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ und „Kim“. „Pedrazzas Zeichnungen entströmt ein eigentümlicher Reiz“, versucht Peter Kronhagel heute seine anhaltende Begeisterung zu beschreiben.

Produktiver Vielzeichner

Auf einem Comic-Festival 2007 in der Toskana bot ein Händler ihm dann Originalzeichnungen von Pedrazza an. „Das konnte ich nicht für mich behalten“, sagt der Böhl-Iggelheimer. Vor allem störte ihn, dass der produktive Italiener eher als Vielzeichner angesehen und künstlerisch nicht sonderlich geschätzt war. Dem wollte sein großer Fan etwas entgegensetzen. Die Buchidee war geboren. Und ein steiniger Weg begann.

Das Projekt machte unter anderem aufgrund der Materialfülle mehr Arbeit, als der Autor – er hatte zuvor schon einige Fachartikel geschrieben – und der für die Gestaltung zuständige Gerhard Förster vom Magazin „Die Sprechblase“ sich vorgestellt hatten. Aber das Ergebnis ihrer Mühen kann sich sehen lassen: Auf den 300 Seiten im DIN-A4-Format finden sich 1300 Abbildungen – zig Originalseiten aus den Streifenheften, Cover, Skizzen, Pedrazza-Grafiken, rare Fotografien. Der Sammler schöpfte hier nicht nur aus seiner persönlichen Comic-Schatztruhe, sondern konnte mit detektivischem Spürsinn weitere interessante Quellen auftun.

Reisen nach Italien

Beachtlich ist die umfangreiche Recherche. Peter Kronhagel hat zusammen mit seiner Frau Gabriele viele Reisen nach Italien unternommen und Gespräche mit Angehörigen der beiden Väter von Akim geführt. Die Familien begrüßten die Veröffentlichung, denn in Italien hat sich noch niemand des Themas angenommen.

Peter Kronhagel behandelt Leben und Werk des Duos Pedrazza/Renzi nicht in einem durchgängigen Text, sondern beleuchtet schlaglichtartig verschiedene Aspekte. Anschauliche Schilderungen von Orten des Geschehens – er besucht etwa das Grab von Verleger Tomasina oder das frühere Haus von Augusto Pedrazza – stehen neben Interviews und erläuternden Texten. Die vielen Bildbeispiele und die aufgelockerte Magazinoptik laden zum Blättern und Staunen ein. Hinzu kommt eine umfassende Bibliografie. Das Akim-Buch ist so ein wichtiger Beitrag zur Comicforschung und bringt ein Stück Trivialkultur zurück. „Wichtig ist, dass die Spuren nicht ganz verwehen“, sagt Peter Kronhagel, der sich selbst als Comic-Archäologe sieht.

Lesezeichen

Peter Kronhagel: „Akim und seine Väter – Leben und Werk von Augusto Pedrazza und Roberto Renzi“, Bildschriftenverlag Hannover, 300 Seiten, 59,80 Euro.

Norbert Hethke brachte die alten Helden neu heraus. Für eine Albenreihe zeichnete Pedrazza neue Titelbilder.
Norbert Hethke brachte die alten Helden neu heraus. Für eine Albenreihe zeichnete Pedrazza neue Titelbilder.
 Zeichner Pedrazza bei der Arbeit.
Zeichner Pedrazza bei der Arbeit.
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