Black Lives Matter RHEINPFALZ Plus Artikel Chadwick Bosemans früher Tod könnte ihn zur Überfigur der Antirassismus-Bewegung machen

„Wakanda Forever“, ruft dieser Aktivist in Los Angeles, in Anlehnung an Chadwick Bosemans Rolle als „Black Panther“ und Herrsche
»Wakanda Forever«, ruft dieser Aktivist in Los Angeles, in Anlehnung an Chadwick Bosemans Rolle als »Black Panther« und Herrscher über das Reich Wakanda: Najee Ali ist Direktor des »Project Islamic Hope« und sieht Boseman als Vorbild auch für die Bewegung »Black Lives Matter«.

Der frühe Tod von „Black Panther“-Star Chadwick Boseman, der mit 43 Jahren an Darmkrebs starb, bewegt unglaublich viele Menschen. Den Tweet, mit dem seine Familie den Tod des ersten erfolgreichen schwarzen Superhelden-Darstellers vermeldete, würdigten über sieben Millionen. Keine andere Botschaft auf Twitter wurde öfter kommentiert. Schließlich galt Boseman auch als Hoffnungsträger der Anti-Rassismusbewegung der USA.

Die Nachricht vom Tod des US-Filmdarstellers Chadwick Boseman erhält durch die aktuelle Rassismus-Debatte einen besonderen Stellenwert. Denn der Afroamerikaner, der mit nur 43 Jahren einem Krebsleiden erlag, war dominierender Star und Identifikationsfigur einer völlig neuen Untergattung des publikumswirksamen Kommerzkinos: des Schwarzen Actionfilms.

Auf der Internet-Plattform Twitter zeigten bis gestern über 7,2 Millionen Menschen per Klick ihre Trauer an. Der Beitrag erreicht damit die meisten Twitter-„Herzen“ aller Zeiten und löst einen Beitrag des damaligen US-Präsidenten Barack Obama aus dem Jahr 2017 ab. Hinzu kamen gestern mehr als 2,2 Millionen Kommentare. Diese Betroffenheit reflektiert nicht nur die Trauer um einen populären Filmschauspieler, sondern auch die gesellschaftspolitische und soziologische Dimension eines kollektiven Umdenkens in der US-amerikanischen „Rassen“-Frage.

Klassiker auf dem Prüfstand

Die Diskussion um rassistische Tendenzen (nicht nur) in der (Pop-) Kultur ist keineswegs neu. Die Parole „Black Lives Matter“ – zu Deutsch: „Schwarze Leben zählen“ – bringt Klassiker der Filmgeschichte ebenso auf den Prüfstand wie die seit Jahrzehnten manifeste Rollenfestlegung für schwarze Darsteller, die sich keineswegs auf US-Filme beschränkt, aber durch die Massenproduktion Hollywood’scher Prägung fest etabliert schien.

Die diskriminierende Regel wird von den wenigen Ausnahmen eher bestätigt denn widerlegt. Weder die Schauspielerin Hattie McDaniel, die als korpulent-kordiales Kindermädchen in „Vom Winde verweht“ (1939) einen Oscar gewann, noch gefeierte Charakterdarsteller von Paul Robeson und John Kitzmiller („Onkel Toms Hütte“, 1965) über Sidney Poitier und Harry Belafonte bis Morgan Freeman und Denzel Washington drangen je in die erste Reihe der Superstars vor. Sie alle konnten in den Geschäftsbilanzen der Traumfabrik einen gewissen Stellenwert erringen, aber nie die millionenschwere Zugkraft und mythische Überhöhung klassischer Film-„Ikonen“.

Lange im Abseits

Dasselbe gilt für afroamerikanische Musicalfilme („Ein Häuschen im Himmel“, 1943) und Komikerstars wie Richard Pryor und Bill Cosby, die immerhin eine Abkehr vom Archetypen des begriffsstutzigen „Negers“ in dienender Funktion bewirkten. Die Begeisterung fürs „Blaxploitation“-Kino, das in den 1970er Jahren eine Reihe von Genrefilmen explizit afroamerikanischer Prägung mit neuen Stars wie Pam Grier oder dem „schwarzen James Bond“ Richard Roundtree („Shaft“, 1971) hervorbrachte, führte ebenso wenig zu einer Änderung der Stoffauswahl wie das „New Black Cinema“.

In dieser unabhängigen Bewegung der 1990er Jahre versuchten Regisseure wie Spike Lee, John Singleton und Mario van Peebles gegen Hollywoods etablierte Besetzungs- und Prämierungspolitik anzugehen. Sie förderten die Karriere ihrer bevorzugten Akteure Angela Basset, Samuel L. Jackson und Wesley Snipes, doch ihre (bis heute andauernden) Bemühungen sind im Massenausstoß der Produktionsfabrik Hollywood bestenfalls eine Fußnote – wie übrigens auch das jiddische und das feministische Kino. Einen genuin indigenen oder „indianischen“ Film – wie immer er sich definieren ließe – hat es in Hollywood ohnehin nie gegeben.

Marvels Vordenker

Folglich blieben „People of Colour“ („Menschen von Farbe“, so die derzeit offizielle Bezeichnung in den USA) in den Massenströmungen der US-Unterhaltungsindustrie mehr oder weniger pittoreskes Beiwerk. Erst als sich in den ausgehenden 1960er Jahren die Bürgerrechtsbewegung formierte, tauchte in den Actionhelden-Comics des Marvel-Verlags die Figur des „Black Panther“ auf.

Die beiden hellhäutig-jüdischen Zeichner Stan Lee und Jack Kirby wollten damit den martialischen Superhelden-Kosmos des Hauses Marvel um eine popkulturelle Identifikationsfigur speziell für schwarze Leser bereichern. Der „Black Panther“ ist König eines nur scheinbar unbedeutenden, technisch wie wirtschaftlich hochentwickelten Staats, der ausschließlich von Schwarzen bevölkert ist – in einer Zeitepoche, die antike Strukturen und zugleich hypertechnisierte Versatzstücke des Science-Fiction aufweist.

Die Medientheorie hat dieses Gemenge mit dem ästhetischen Etikett „Afrofuturismus“ versehen, wobei neben Elementen aus historisierender Heldenmythologie, Magischem Realismus, Fantasy und eben Science Fiction speziell die geschichtliche und gesellschaftliche Stellung der Schwarzen thematisiert wird.

„Black Panther II“ geplant

Chadwick Boseman spielte T’Challa, den jungen König von Wakanda, erstmals 2016 in der Marvel-Verfilmung „The First Avenger“. Hier wie in den beiden Fortsetzungen „Avengers – Infinity War“ (2018) und „Avengers – Endgame“ (2019) reihte sich der dunkelhäutige Heros in eine Schar überlebensgroßer Superhelden ein, die sich alle durch enorme Körperkraft und Geschwindigkeit auszeichnen. Anfang 2018 stand T’Challa aber im Mittelpunkt des Solofilms „Black Panther“, der nicht nur eine Oscar-Nominierung als bester Film des Jahres einheimste, sondern zum internationalen Millionen-Hit geriet.

Technisch ist „Black Panther“ nicht mehr als brillant gemachtes Popcorn-Kino mit atemberaubenden Spezialeffekten, gestalterisch eine aktionsreiche Superhelden-Geschichte nach Schema F. Indes mögen Sozialphilosophen in der Mär vom schwarzen König ein Indiz dafür finden, dass sich das tief gespaltene Amerika zumindest im Kino zur gemeinschaftlichen Begeisterung hinreißen lässt. Angesichts der bestürzenden Ereignisse der vergangenen Wochen knüpfen sich an den für 2022 angekündigten „Black Panther II“ mancherlei Hoffnungen.

Chadwick Boseman wird ihn nicht mehr spielen. Aber er könnte einen Nimbus erreichen, wie er „Menschen von Farbe“ in der Massenunterhaltung à la Hollywood bislang nicht vergönnt war.

Chadwick Boseman wurde nur 43 Jahre alt.
Chadwick Boseman wurde nur 43 Jahre alt.
Bei den MTV Music Video Awards wurde in der Nacht zu Montag an den Schauspieler erinnert.
Bei den MTV Music Video Awards wurde in der Nacht zu Montag an den Schauspieler erinnert.
x