Kultur Brudermord: Die schwierige Dichterfreundschaft eines Pfälzer Professors mit Thomas Kling
Der Germersheimer Übersetzungswissenschaftler Andreas F. Kelletat und der berühmte Dichter Thomas Kling waren beste Freunde. Vor Klings Tod entzweiten sich die beiden eklatant. Jetzt hat Kelletat noch einmal darüber geschrieben. Und wie.
Ein junger Schamane schaut uns an: Auf seinem Kopf trägt er ein entvölkertes Wespennest, dazu passend einen schwarz-gelb gestreiften Wespenpullover. Es ist die mythenbildende Fotografie, die der Schweizer Maler, Fotograf und Kunstsammler Andreas Züst im Mai 1985 von dem jungen Dichter Thomas Kling (1957-2005) gemacht hat, einem bis heute wirkmächtigen Fixstern am Himmel der Gegenwartsdichtung. Es ist zugleich das ikonische Zeichen für das Bildprogramm des Dichters, der schon früh die Wespe zu seinem poetischen Wappentier erwählt hatte. So darf man es auch als besondere Pointe verstehen, wenn nun die aktuelle Ausgabe der österreichischen Literaturzeitschrift Wespennest (Nr. 176, Rembrandtstr. 31/4, A-1020 Wien. 104 Seiten, 12 Euro) eine hochambivalente Erinnerung an den Sprachekstatiker Thomas Kling veröffentlicht. Autor ist einer der frühesten Freunde Klings, der Übersetzungswissenschaftler Andreas F. Kelletat, der den Dichter Ende der 1970er Jahre an der Kölner Universität kennengelernt und sich umgehend mit ihm angefreundet hatte. Seit 1993 arbeitet Kelletat als Germanist in Germersheim, und zwar im dortigen Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Universität Mainz. Seine Dichterfreundschaft mit Thomas Kling war – wie fast alle Dichterfreundschaften - krisenanfällig und endete schließlich in einem Zerwürfnis.
„Bruder Flint“ nennt der Dichter seinen Freund Kelletat
Als „Bruder Flint“ hat der junge Thomas Kling seinen Freund einst bezeichnet; bereits in den 1980er Jahren zeigten sich indes Risse in dieser brüderlichen Verbundenheit. Bei der Veröffentlichung des Klingschen Privatdrucks amptate = stattplan, der 1983 in Köln erschien und heute ein begehrtes Sammlerobjekt ist, fungierte Kelletat noch als Mitherausgeber; neun Gedichte aus amptate fanden später Eingang in Klings offizielles Debüt, den Band erprobung herzstärkender mittel von 1986.
Was ist nun aus der brüderlichen Verbundenheit von Thomas Kling und Andreas Kelletat geworden? Die Erzählung „Amptat, Ach je“ verzeichnet die Erschütterungen, die das poetische Trutzbündnis bald unterhöhlten. Kelletat wählt nicht etwa eine Ich-Perspektive, sondern lässt ein Alter Ego agieren, Martin bzw. „Sotter“ Sottkowski, der auch als Erzähler zweier autobiografischer Romane firmiert, die Kelletat in den vergangenen Jahren vorgelegt hat. Unterstellt man eine weitgehende Identität zwischen dem Autor und seiner Kunstfigur Sottkowski, so bröckelt die schwierige Freundschaft zwischen Kelletat und Kling bereits in Finnland, wo beide in den frühen 1980er Jahren Pläne schmiedeten für eine deutsch-finnisch-schwedisch-russische Literaturzeitschrift. Zum endgültigen Bruch kommt es aber erst, als der bereits todkranke Kling im Dezember 2004 für die ZEIT eine Rezension des finnischen Nationalepos Kalevala verfasste, das damals in einer Neuübersetzung von Gisbert Jänicke erschienen war. „Sottkowski“, heißt es nun, war über das Postskriptum dieses Artikels „außer sich geraten vor Wut“ und „hatte seinem aufflammenden Hass gegen seinen gewesenen Freund freien Lauf gelassen in einem Brief“.
„Thomas war nicht schwul, jedenfalls nicht richtig…“
Der besagte Brief wird im Wespennest in voller Länge zitiert. Der „aufflammende Hass“ von „Bruder Flint“ wurde damals durch eine der Kalevala-Rezension angefügte Bemerkung Klings zu einer von dem Dichter Manfred Peter Hein edierten Anthologie zur finnischen Lyrik ausgelöst. Das Schwanken zwischen Brüderlichkeitsempfindung und blanker Wut ist in Kelletats sorgfältig komponiertem Erinnerungstext deutlich zu spüren. Da ist einerseits die wehmütige Erinnerung an den verlorenen Bruder, andererseits aber auch eine Lust an entblößenden Indiskretionen, etwa in einer Sentenz wie: „Thomas war nicht schwul, jedenfalls nicht richtig…“. Der Text endet mit einer Mutmaßung, die über das Thomas Kling-Porträt hinausweist und auf die Beziehung des Erzählers zu seinem leiblichen Bruder deutet, ein Aspekt, der nur durch die Lektüre der Erinnerungsromane von Andreas Kelletat zu erkunden wäre: „Ein Brudermord erneut? War es das?“