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Ein Fantasiebild des himmlischen Jerusalem, gebaut in Bozen zwischen 1825 und 1860.
Ein Fantasiebild des himmlischen Jerusalem, gebaut in Bozen zwischen 1825 und 1860. Foto: Bayerisches Nationalmuseum

Wunderwelten der Frömmigkeit: Das Bayerische Nationalmuseum in München besitzt die bedeutendste Krippensammlung der Welt. Zu tun hat das mit dem Nachkommen einer berühmten Bierbrauer-Dynastie. Max Schmederer reiste für sein Hobby im späten 19. Jahrhundert bis nach Neapel.

Ein bisschen schaut er aus wie der Schauspieler Emil Jannings im Film „Der Blaue Engel“. Gediegener natürlich, das Haar nicht so wirr. Max Schmederer (1854-1917) war schließlich ein angesehener Bankier aus einer mindestens ebenso angesehenen Münchner Familie: Der Vater hatte zusammen mit dem Bruder die Paulaner-Brauerei geerbt. Das verschaffte dem kränkelnden Junior ein beträchtliches Polster, und so konnte er sich 1897 mit nur 43 Jahren von den Geschäften zurückziehen, um seiner großen Leidenschaft zu frönen: Krippen.

Sie dürften zu den wenigen Freuden des ernsten Einzelgängers gehört haben. Wobei Schmederer ziemlich wild, aber keineswegs ohne Plan gesammelt hat. Und die Zeit war ideal für jemanden, der Wert auf Qualität legte. Nach der Säkularisation fanden die kostbaren Klosterkrippen zwar in Bürgerhäusern Asyl – oft inkognito, denn dieser Ausdruck naiver Volksfrömmigkeit passte nicht zur staatlich verordneten Aufklärung. Doch im späten 19. Jahrhundert hatte das Interesse an der barocken Tradition auch in vielen Familien deutlich nachgelassen. Die heute hoch gehandelten Figuren gingen damals für ein paar Gulden her, und manchmal bekam Schmederer gleich noch ein, zwei Viecher obendrein.

Wettstreit um die prachtvollste Krippe

Die Münchner Schnitzer waren versierte Kunsthandwerker: Ludwigs Schafe oder die kämpfenden Stiere von Meister Niklas sind fabelhafte naturalistische Tierdarstellungen. Man übersieht das gerne zwischen den glänzenden Engeln und putzigen Jesuskindern im Souterrain des Bayerischen Nationalmuseums.

Dank Schmederer besitzt das Haus die umfangreichste, künstlerisch wertvollste Krippensammlung weltweit. Und wenn etwa die Neapolitaner ihre besten Stücke sehen wollen, müssen sie tatsächlich nach München in die Prinzregentenstraße kommen. Denn auch im italienischen Süden, wo sich der „Commerzienrath“ regelmäßig erholte, ging er auf Pirsch.

Und Neapel war ein Dorado, im 18. Jahrhundert gehörte es dort zum guten Ton, eine riesige Krippe zu präsentieren. Unter Vizekönig Karl III. wurde das Aufstellen und Arrangieren fast zum Staatsakt, der Bourbone hatte sogar einen eigenen Krippenregisseur. Und schnell begann unter den Adligen ein Wettstreit um die größte, prachtvollste, kurioseste Krippe.

Das heilige Geschehen zwischen gerupften Hühnern und Dudelsackbläsern

Die besten Künstler wurden aktiv. Und noch heute ist man fasziniert von Schweinehälften und Fischkörben, feschen Marktweibern in genau nachempfundenen Trachten – die Stoffe mit originalen Miniaturmustern kamen aus speziellen Webereien – oder ausgebufften Schankwirten und ausgelassenen Weintrinkern. Das heilige Geschehen? Ist zwischen gerupften Hühnern und Dudelsackbläsern auf einem Hausaltar versteckt. In den Palazzi der Oberen delektierte man sich lieber am „pittoresken“ einfachen Volk.

Im luxuriösesten Exponat der Sammlung thronen Maria und Joseph allerdings wie die noblen Auftraggeber im Marmorpalast: Schmederer ließ sich bei der Architektur sichtbar von Paolo Veroneses „Hochzeit zu Kana“ inspirieren. Die heilige Familie hat Giuseppe Sammartino, der Star unter den Modelleuren, geschaffen. Entsprechend erlesen ist das Gesicht der Gottesmutter.

Doch auch in dieser sogenannten Palastkrippe wird der Blick vom dramatisch inszenierten Hofstaat der drei Könige aus dem Morgenland abgelenkt. Da gibt es Orientalen in prunkvollen Gewändern, Kamele und sich aufbäumende Rösser, Sklavinnen in zartestem Tüll und dann eine fast den Rahmen sprengende Janitscharenkapelle mit exakt nachgebildeten, spielbaren Kleinst-Instrumenten. Solchen Aufwand durfte sich wahrscheinlich nur Karl III. erlauben, jedenfalls scheint das Gros der Figuren aus seinem Besitz zu kommen.

Kühn kombinierte Architekturzitate

Max Schmederer war überall auf der Suche. Auf dem Weg in den Süden erstand er etwa in Rovereto die wirklich ungewöhnliche Krippe des Bozener Gerbermeisters Karl Moser, der mit kühn kombinierten Architekturzitaten aus ganz Europa ein „himmlisches Jerusalem“ (1825-1860) gebaut hatte. Auch das ist ein Höhepunkt des Hauses. Oder die Tiroler Hirten, die in typischer Tracht mit Wadenstutzen und offenen Joppen einem herrlich scheppen, wahrscheinlich heilstrunkenen Engelstrio begegnen (Mitte 18. Jahrhundert). Und die Flucht nach Ägypten, die von exotischen Tieren und Fabelwesen begleitet wird (München, frühes 19. Jahrhundert).

Die Ausstellung zeigt aber auch, dass mit den einfachsten Materialien manchmal die tollsten Szenarien entstanden sind. An langen Winterabenden schufen die Leute aus Holzresten, Pappmaché, geschickt umwickelten Drähten und bemaltem Papier regelrechte Wunderwelten der Frömmigkeit. Überhaupt regte die Weihnachtsgeschichte mit all ihren orientalischen Zutaten die Fantasie mächtig an. Insofern kann man durchaus verstehen, dass die Krippen für den von Bilanzen gelangweilten Max Schmederer großes Kino waren. Nur „blaue Engel“ gab’s seinerzeit nicht.

Die Ausstellung

Bayerisches Nationalmuseum München, Prinzregentenstraße 3; bis Ende Januar täglich außer montag von 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr, an den Weihnachtsfeiertagen geöffnet, Heiligabend, Silvester, Neujahr und Dreikönig geschlossen. Netz: www.bayerisches-nationalmuseum.de

Luxuriöse Version: Die Anbetung der Könige in einem Marmorpalast.
Luxuriöse Version: Die Anbetung der Könige in einem Marmorpalast. .Foto: Bayerisches nationalmuseum
Vesuv und heilige s Geschehen im Hinmtergrund: Die Anbetung der Hirten und des Volkes vor dem Golf von Neapel, eine Krippe aus d
Vesuv und heilige s Geschehen im Hinmtergrund: Die Anbetung der Hirten und des Volkes vor dem Golf von Neapel, eine Krippe aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Foto: Bayerisches nationalmuseum
Sammler Max Schmederer, umgeben von seinen Krippenfiguren.
Sammler Max Schmederer, umgeben von seinen Krippenfiguren. Foto: Bayerisches nationalmuseum
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