Pfalzbuch RHEINPFALZ Plus Artikel Besatzungszeit und Autonomiebewegungen in der Pfalz 1918-1930

Ausschnitt aus dem Buchcover: Sepp Semas „Befreiungspostkarte“ von 1930, US-Präsenz schon 1918, Autonomiebewegungen.
Ausschnitt aus dem Buchcover: Sepp Semas »Befreiungspostkarte« von 1930, US-Präsenz schon 1918, Autonomiebewegungen.

Hinter dem nüchternen Titel verbirgt sich eine Vielzahl spannender Geschichtslektionen – aus einer Zeit, die von der historischen Forschung lange zu wenig beachtet wurde.

So manches Mal bedingt der chronologische Ablauf von Geschichte, dass jüngere Ereignisse zuvor Geschehenes in den Schatten rücken. Mitunter helfen Chronisten auch tatkräftig mit, Dinge unter den Teppich zu kehren oder gar zu verfälschen. Beispiele bietet das 20. Jahrhundert zur Genüge. Während der erste seiner beiden Weltkriege sowohl in Frankreich als auch im Britischen Empire als der „große“ in die Geschichte einging, wurde er im deutschen Sprachraum vom darauffolgenden und dem von hier ausgehenden Völkermord an Millionen europäischer Juden verdrängt – und die Jahre zwischen den beiden Kriegen gleich mit dazu.

Angesichts der Monstrosität der Ereignisse ist dies durchaus verständlich. Als weniger erfreuliche Begleiterscheinung muss jedoch gewertet werden, dass damit sich auch so manche von deutsch-national Gesinnten und erst recht von den nationalsozialistischen Machthabern und deren Ideologen beförderte historische „Erzählung“ festigte und zäh im historischen Gedächtnis der Allgemeinheit hielt – und vielleicht noch immer hält. Wie sonst wäre es möglich, dass bei der Beurteilung der Pfälzer Autonomiebewegung 1919 bis 1924 – mit der Ermordung von Franz Joseph Heinz, genannt Orbis, in Speyer und em spektakulären Brand des Pirmasenser Bezirksamts – über Jahre hinweg nie die Herkunft der Quellen mit einbezogen wurde? Die Bezeichnung Separatist hat bis heute einen solch negativen Beigeschmack – irgendwo zwischen verlorener Gestalt oder vaterlandslosem Gesellen und Verbrecher –, dass er von der aktuellen Historikerriege nur noch mit Anführungszeichen gebraucht wird. Jedenfalls von denen, die sich speziell diesem Aspekt in dem jüngst veröffentlichten Band über die „Besatzungszeit und die Autonomiebewegungen im Gebiet von Rheinland-Pfalz 1918-1930“ gewidmet haben.

Der Band enthält die Beiträge der Tagung mit dem gleichlautenden Titel, die im November 2022, organisiert von der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, dem Institut für Geschichtliche Landeskunde und der Bezirksgruppe Speyer des Historischen Vereins der Pfalz, in Speyer stattgefunden hat. Armin Schlechter etwa hat sich intensiv mit „Besatzung und ,Separatismus’ im Spiegel zeitgenössischer Publizistik “ auseinandergesetzt – als Leiter der Sammlungen im Landesbibliothekszentrum Speyer kann er zeigen, wie sich Spannung aber auch Entspannung auf die Erwerbungspolitik einer Institution wie der Pfälzischen Landesbibliothek auswirkten.

Julia Wambach vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam wiederum legt abschließend dar, dass „Separatisten“ oder jene, die man dafür hielt, keineswegs immer von Frankreich gesteuert waren – wo man sich nach dem Zweiten Weltkrieg hütete, Autonomiebewegungen im Besatzungsgebiet zu unterstützen.

Beide Beiträge gehören zum Komplex „Wirkungen und Nachwirkungen“. Hier wie schon zuvor in den unter dem Titel „Autonomiebewegungen“ zusammengefassten Beiträgen werden auch französische Quellen berücksichtigt. Und so manche historisch interessierte Laien werden dabei erstaunt von der „Birkenfelder Republik“ erfahren – oder den Pazifisten (!) und „Separatisten“ Adolf Bley, Stellvertreter des Heinz-Orbis, kennenlernen, der in Kirchheimbolanden unter anderem Kinderbücher und Sammelalben vertrieb.

Der Wille, Perspektiven von außen einzubeziehen, zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Tagungsband, dessen Autorinnen und Autoren dabei auch manche Herleitung und Begründung früherer Historikergenerationen hinterfragen und bislang unbekannte oder ungenutzte Quellen bearbeiteten. Das erste Wort geben die beiden Herausgeber Ute Engelen vom Institut für Geschichtliche Landeskunde und Walter Rummel, langjähriger Leiter des Landesarchivs Speyer, der französischen Historikerin Elise Julien. Sie schildert den Ersten Weltkrieg und die Besatzungszeit aus französischer Sicht – aus den dem Erdboden gleichgemachten Städten der Picardie und von den als Mondlandschaften zurückgebliebenen Schlachtfeldern. Das trifft 1918 auf „Dolchstoßlegende“, Not und Desillusion auf deutscher Seite: Die Zeichen sind gesetzt für Jahre des Nicht-Verstehens und des Revanchismus. „Der gescheiterte Frieden“ hieß die Wanderausstellung mit Begleitkatalog, die Ute Engelen und Walter Rummel 2021 konzipierten. Dieser von der ersten bis zur letzten Seite lesenswerte Tagungsband schließt gewissermaßen daran an. An ein Thema, das, so Lenelotte Möller, die Präsidentin der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft, „weit davon entfernt ist, ausgeforscht zu sein“.

Lesezeichen

Ute Engelen, Walter Rummel (Hrsg.): Besatzungszeit und Autonomiebewegung im Gebiet von Rheinland-Pfalz 1918-1930; Veröffentlichung der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften Band 123, Verlag Regionalkultur; 360 Seiten; 34,80 Euro.

Erinnerungskultur: hier das 23er- Denkmal in Kaiserslautern.
Erinnerungskultur: hier das 23er- Denkmal in Kaiserslautern.
Kirche in der Besatzungszeit: der Speyerer Bischof Ludwig Sebastian bei einem Pfarrbesuch 1919.
Kirche in der Besatzungszeit: der Speyerer Bischof Ludwig Sebastian bei einem Pfarrbesuch 1919.
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