Konzert
Bernstein, Weill und Jazz: „America“ im Mannheimer Rosengarten
Leonard Bernstein, einer der fraglos prominentesten amerikanischen Komponisten, hielt die Vielzahl unterschiedlichster stilistischer Einflüsse und den daraus resultierenden Stil-Mix für das wesentliche Merkmal der Musik seines Heimatlandes. Natürlich durfte an einem Abend mit diesem Thema Bernsteins Musik nicht fehlen: Es erklang, gespielt von einem hervorragend disponierten Zürcher Kammerorchester, die „West Side Story Suite“, eigens arrangiert für Violine und Streichorchester.
Es ist ganz offensichtlich, dass zwischen amerikanischer und europäischer Musik fundamentale Unterschiede bestehen. Da ist zum Beispiel das völlig unterschiedliche Verständnis von neuer Musik: Die Komponistenschule Arnold Schönbergs, die die Debatte in Europa jahrzehntelang prägte, spielte in Amerika weder vor noch nach dem Zweiten Weltkrieg eine wesentliche Rolle. Dafür sind in den USA – ganz im Gegensatz zu Europa – die verschiedenen Formen der Volksmusik von enormer Bedeutung, wie etwa zu hören in Aaron Coplands „At the River“ aus seinen „Old American Songs“.
Weill hat plötzlich mehr Swing
Vielleicht das überzeugendste Beispiel für die unterschiedlichen kompositorischen Herangehensweisen diesseits und jenseits des Atlantiks ist der Komponist Kurt Weill. Zunächst mit seinem einprägsamen Songstil in Deutschland durchaus erfolgreich, weisen seine Werke nach der Emigration in die USA deutliche Swing-Elemente auf.
Das Programmheft zu diesem Konzert listete einige Musikernamen, die erst im zweiten Konzertteil in Erscheinung traten, dann aber zunehmend wichtig wurden: den Pianisten Johannes von Ballestrem, den Gitarristen Joscho Stephan und den Schlagzeuger Dimitri Monstein, ergänzt durch den fabelhaften Kontrabassisten des Orchesters – allesamt hervorragende Jazzmusiker, die diesem Konzert mehr und mehr ihren Stempel aufdrückten. Das war Jazz auf allerhöchstem spieltechnischen Niveau. Damit wurde ein Ton in dieses Konzert eingebracht, den es so in Europa kaum gab – es sei denn als Import aus Amerika.
Ein Ruck geht durch das Publikum
Damit änderte sich auch das Verhalten des Publikums: Was bis dahin ein seriöses Konzertpublikum war, verwandelte sich nun mehr und mehr in eine Jazzkeller-Atmosphäre – einschließlich Zwischenrufen und Applaus nach besonders gelungenen Soli.
So ungewöhnlich wie das gesamte Konzert war auch sein Ende: Nach dem Schlussapplaus verließen die Musiker des Zürcher Kammerorchesters die Bühne und überließen sie den Jazzmusikern. Und wieder gab es einen kräftigen Applaus – aber zu Ende war das Konzert immer noch nicht. Plötzlich war das Zürcher Kammerorchester wieder da, diesmal mit einem Werk eines Komponisten, der nun gerade gar nichts mit Amerika zu tun haben wollte: einem Satz aus Edvard Griegs Holberg-Suite. Es sei doch so schön hier in Norwegen, ließ er 1903 seine Bittsteller wissen – was solle er in Amerika, und die lange Schiffsreise sei ebenfalls nichts für ihn. Auch das Angebot von 25.000 Dollar, damals ein beträchtliches Vermögen, konnte ihn nicht umstimmen.