Kultur Aus dem vollen Leben

Musikalische Bilder vollen, ja prallen und wilden Lebens zwischen Freude und Untergang bildeten den imaginären Rahmen des ersten Sinfoniekonzerts der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz bei der BASF im Ludwigshafener Feierabendhaus. Hubert Soudant stand am Pult für ein lebendiges und spannendes Musizieren ein – und die Pianistin Lise de la Salle reizte in Mozarts „Jeunehomme“-Konzert die Affekte des Werks voll aus.
Ein zeitgenössisches „Heldenleben“ eröffnete das Programm mit Brigitta Muntendorfs Orchesterwerk „Crack“. Die Komponistin, der in dieser Woche ein Komponistenporträt im BASF-Kulturprogramm gewidmet ist und von der ab heute bis Sonntag in drei weiteren Konzerten Stücke gespielt werden, nimmt in diesem Werk den Faden von Richard Strauss’ bekannter Tondichtung auf. Nicht hinsichtlich des Materials, sondern der Idee. Doch in ihrer wild herausfahrenden Komposition „Crack“ (Bruch) geht es nicht um Heldenverehrung oder –verklärung, sondern um Kontrollverlust, herbe Brüche und Kontraste. Die Komponistin setzt die Mittel eines großes Orchesters mit viel Schlagwerk sehr virtuos und fantasievoll in der Klangerfindung ein. Es gibt ja auch eine Droge, die Crack heißt. Etwas Rauschhaftes hat diese Musik denn auch in der Tat. Muntendorf entwirft eine klingende Orgie zwischen ungebundener Energie und schierem Entsetzen, die nur selten von Momenten des Innehaltens unterbrochen wird. Hubert Soudant und die Staatsphilharmonie boten eine packende Wiedergabe des faszinierenden Stücks. Die Sinfonie ist Ausdruck der Vielen, das gehört zu ihrer Idee. In Schuberts großer C-Dur-Sinfonie D 944 ist das offensichtlich. Natürlich gibt es in ihr kein konkretes Programm, aber dass sie ein kollektives Lebensbild zeichnet, lässt sich an ihren weiten dynamischen Bewegungen, ihrer immensen Innenspannung, aber auch ihre Breite im Ausdruck ablesen. Es gibt in ihr Momente glühender Lebensfreude, aber auch Augenblicke der Katastrophe (wie im zweiten Satz) und des Todes. Hubert Soudant stand mit flüssigen Zeitmaßen und einem rhythmisch impulsiven Musizieren für eine eindrucksvolle und vibrierende Wiedergabe dieser Sinfonie ein, die all diese Züge des Werks aufs Beste zur Wirkung brachte. Er setzte die verschiedenen Register der vorzüglich spielenden Staatsphilharmonie optimal ein. Sein Schubert hatte Feuer, innere Belebung jedes Taktes und einen zielgerichteten Zug. Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 271, das „Jeunehomme“-Konzert steht am Anfang seiner großen Klavierkonzerte, ja für den Pianisten und Musikwissenschaftler Charles Rosen markiert es den Beginn des „klassischen Stils“ in der Musik. So vollendet die Form, so vielfältig sind die Ausdruckscharaktere in diesem Konzert. Die junge französische Pianistin Lise de la Salle arbeitete sie mit exzellenter Anschlagskultur und superber Kunst der Phrasierung wunderbar heraus. Auch Mozarts Konzert erklang schillernd lebendig, in der beredten Art der Motivgestaltung zudem historisch informiert. Auch die spannenden Improvisationen der Solistin im Finale waren absolut stilgerecht. Erlesen, empfindsam und erregend zugleich: Lise de la Salle, Hubert Soudant und die Staatsphilharmonie erfreuten mit einem ausgesprochen exquisiten Mozart. Als Zugabe spielte Lise de la Salle mit Klangzauber und viel Emphase Liszts Paraphrase über Robert Schumanns Rückert-Lied „Widmung“. Heute Abend wird das Programm um 19.30 Uhr in der Festhalle Wörth gespielt. Statt „Crack“ gibt es hier aber Mozarts „Titus“-Ouvertüre.