Festspiele Ludwigshafen
Aufstand der Körper: Kirill Serebrennikovs „Machine Müller“ zu Gast
Zwei Stunden lang wird diesen nackten, ungeschützten Körpern viel zugemutet. Sie werden ausgestellt, begutachtet, betatscht, müssen laufen, marschieren, sich demütig hinknien und sich gewaltsam zu Boden werfen. Klaglos haben sie all dies in choreografischer Perfektion erfüllt. Aber ganz zum Schluss begehren sie auf, sträuben sich, schreien ihre Angst und ihre Wut heraus.
Aber alles Zappeln hilft nichts, die nackten Körper werden in schwarze Kleidung gesteckt, die Provokation ihrer unverhüllten Schönheit gewaltsam beendet. Die Gruppe von Individuen, die trotz einheitlicher Masken gerade wegen ihrer so selbstverständlich präsentierten Nacktheit unterscheidbar war, wird zur uniformen Trauergesellschaft. Der Aufstand der Körper ist vorbei.
Das Ende des Aufbruchs
Der Regisseur und Filmemacher Kirill Serebrennikov, der sich dies ausgedacht hat, ist eines der prominentesten Opfer der Willkürmaßnahmen gegen Oppositionelle in Putins Obrigkeitsstaat. Während der liberaleren Präsidentschaft Medwedevs war der künstlerische Selfmademan zum Star der jungen Theaterszene aufgestiegen. Seine Inszenierungen wurden in Russland an den großen Häusern gespielt, auch im Westen wurde man auf ihn aufmerksam. 2012 wurde er mit der Leitung des neu gegründeten Gogol Centers in Moskau betraut, eine Ära der Modernisierung sollte hier gestartet werden. Aber dann verschaffte sich Putin eine dritte Amtszeit, und der Aufbruch wurde abrupt gestoppt. Als die Korruptionsvorwürfe des Oppositionspolitikers Nawalny die Machthaber unter Druck setzten, war Serebrennikov, der bei Kirche und Konservativen verhasste Avantgardist und bekennende Schwule, das perfekte Opfer für den Gegenschlag.
Es gab absurde Vorwürfe wegen angeblicher Veruntreuung von Fördergeldern, im August 2017 wurde Serebrennikov verhaftet, im Gerichtssaal wie ein Terrorist in einen Käfig gesperrt und unter strengen Hausarrest ohne Telefon und Internet gestellt. Internationale Proteste blieben erfolglos. 2020 wurde er schließlich zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Der Reisepass ist ihm bis heute entzogen. Der 52-Jährige hat trotzdem weitergearbeitet, hat in Zürich, Wien und zuletzt in München Opern inszeniert, während des Hausarrests mit von seinen Anwälten übermittelten Anweisungen und Videobotschaften, danach per Zoomkonferenz.
Frontalangriff auf ein autoritäres Staatswesen
Das nun im Pfalzbau gezeigte Performancetheater „Machine Müller“ ist 2016 entstanden, also noch vor seiner Verhaftung. Das Stück mit seiner verstörenden Bildhaftigkeit ist ein Frontalangriff auf ein autoritäres Staatswesen, das keinerlei individuelle Abweichung duldet. Serebrennikov benutzt Texte des ostdeutschen Dramatikers Heiner Müller, der sich selbst als kritischer Intellektueller am ideologisch tumben DDR-Staat abarbeitete.
Sati Spivakova und Philipp Grigorian spielen das zynische Horrorpaar aus „Quartett“, zwei französische Aristokraten, die ein Intrigenspiel aus kalter Erotik und messerscharfer Rhetorik betreiben. Aleksandr Gorchilin spricht die um Totalitarismus, Endzeit und Tod kreisenden Texte aus „Hamletmaschine“.
Ein Gesamtkunstwerk
Aber viel wichtiger sind hier die Bilder, die Serebrennikov zu all dem einfallen. Mit seinem Team, zu dem ein Choreograf, Video-, Sound- und Lichtdesigner und ein Komponist gehören, hat der Regisseur ein überwältigendes Gesamtkunstwerk aus Bewegung, Videobildern und Musik geschaffen. Während die 17 nackten Tänzerinnen und Tänzer im Bühnenzentrum agieren, sind sie umstellt von riesigen Projektionen, auf denen Filmbilder wüten: von Aufmärschen, niedergeknüppelten Demonstrationen, Raketenstarts oder einstürzenden Gebäuden.
Einmal werden die Tänzer auch mittels Absperrgittern in einem engen Karree zusammengetrieben. Wie ein musikalisches Gegengift wirken da der anrührende Gesang des Countertenors Artur Vasilev und die spröde-schönen Klänge des auch auf der Bühne agierenden Kammerensembles.
Momente der Stille
Anfang und Ende dieser intensiven Performance bilden stille Szenen der Trauer und des Todes. Zu Beginn ein Szenarium des Sterbens: Im Ohrensessel eine betagte Frau, der eine Pflegerin aus einem Buch vorliest, in einem Klinikbett ein von Apparaten und Ärzten überwachter Patient, drumherum geschäftiger Leerlauf.
Am Ende wird ein Gedicht Heiner Müllers zitiert, in dem dieser sein eigenes Sterben nach einer Krebsoperation thematisiert: „Der Tod ist das einfache. Sterben kann ein Idiot“, heißt es da. Müller glaubte nicht an ein ewiges Leben, aber an den Fortbestand der großen Menschheitskonflikte, überliefert in den Worten der Toten. Kirill Serebrennikov hat daraus einen Theaterabend gemacht, der trotz allem die Schönheit des Lebens feiert.