Pop RHEINPFALZ Plus Artikel Auf Sinnsuche: Neues von Justin Bieber

Spaß mit dem Nachwuchs? So posiert Justin Bieber für sein neues Album.
Spaß mit dem Nachwuchs? So posiert Justin Bieber für sein neues Album.

Einst Kinderstar, heute ein künstlerisch mit sich hadernder Jungvater: Justin Biebers Album „SWAG“ ist das gar nicht mal üble Dokument eines Selbstfindungsversuchs.

Es schien längst schon wieder vorbei zu sein, das Zeitalter der überfallartig veröffentlichten Überraschungsalben – etwa von Beyoncé, Eminem oder Miley Cyrus –, die mitten in der Nacht quasi aus dem Nichts in den Streamingportalen auftauchten. Oder doch nicht? Justin Bieber, mittlerweile 31 Jahre alt und ziemlich genau die Hälfte seines Lebens schon Pop-Superstar, hat sein am Freitag erschienenes neues, insgesamt siebtes, Album namens „SWAG“ wirklich sehr, sehr kurzfristig angekündigt, und zwar, dann doch recht altmodisch analog, mit einer Handvoll Plakaten in Städten wie New York, Atlanta und Reykjavik. Darauf zu sehen: Familie Bieber in Schwarzweiß. Der oberkörpernackte Justin, seine Frau Hailey Bieber, geborene Baldwin, das im August 2024 zur Welt gekommene Söhnchen Jack Blues, von dem freilich das Gesicht verborgen bleibt.

Ein paar Stunden später ist es dann da: „SWAG“. In Großbuchstaben. Jugendsprache für eine lässige, coole, positiv-charismatische Ausstrahlung. Auf dem Albumcover sieht man den stark tätowierten Justin auf einem Sofa sitzend, das ähnlich blümchengemustert ist wie der Bieber’sche Körper als solcher, kopfüber hält er sein Baby, man sieht die Beinchen und die Windel. Ganz drollig eigentlich, ein irgendwie privat wirkender Schnappschuss, ein inniger Augenblick im Leben eines jungen Familienvaters.

Manche Songs richten sich an seine Frau, Hailey Bieber.
Manche Songs richten sich an seine Frau, Hailey Bieber.

„SWAG“ ist das erste Album des Kanadiers seit dem etwas pandemieverschluckten „Justice“ 2021. Und seine letzten richtigen Hits, auch wenn Bieber-Fans jetzt bestimmt mosern, liegen noch länger zurück. 2015 warf sein Album „Purpose“ gleich drei US-Nummer-eins-Songs ab, „Love Yourself“, „Sorry“ und „What Do You Mean?“, man mag sie heute noch gern hören.

Seit Jahren hinkt das männliche Geschlecht jedoch in puncto Aufmerksamkeitserregung und Charterfolge den hochintelligenten jungen Popfrauen wie Billie Eilish, Taylor Swift oder Charli xcx merklich hinterher, wirklich mitzuhalten wissen nur Ed Sheeran und neuerdings Freddie-Mercury-Wiedergänger Benson Boone. Von Bieber selbst war vor „SWAG“ jahrelang nichts zu hören, zumindest nichts Musikalisches.

Bieber fühlte sich „wie eine Fälschung“

In den Medien fand Bieber natürlich schon statt. Seine Gattin Hailey ist selbst superberühmt, sie verdient ihr Geld als Model, Influencerin und Unternehmerin, auch die Geburt des Söhnchens hat natürlich Schlagzeilen generiert, und dann ist es immer wieder auch Justin Bieber selbst mit seinen Verhaltensauffälligkeiten, der für Alarm sorgt. Der frühe Ruhm, das viele Geld, du kannst halt nirgendwo hingehen, ohne erkannt und (oft genug dumm) angelabert zu werden, das nervt natürlich. Bieber verbringt, wie man so hört, eine ungesunde Menge an Zeit online, er fühle sich „wie eine Fälschung“, bekannte er kürzlich und fragte sich, ob er sein Leben überhaupt „verdiene“, schließlich hasse er es, „unauthentisch“ zu sein. Was man halt so denkt, wenn man sich dauernd selbst googelt und die ganze Welt eine Meinung von einem hat.

Justin Bieber 2026 auf einem Konzert in Krakau.
Justin Bieber 2026 auf einem Konzert in Krakau.

Zuletzt sah er auf Fotos auch ganz schön abgehärmt aus, es kamen Spekulationen über Drogenkonsum auf (die Bieber dementierte), die Clickbait-Rubrik „Sorge um Justin Bieber“ boomt jedenfalls wie seit seiner Hustensaftsucht vor über zehn Jahren nicht mehr. Er selbst facht die Glut mit freimütigen Internetbeiträgen über seine Wutanfälle noch an, auch zu seiner Frau war er online nicht immer so richtig nett, was wiederum zu Mutmaßungen über den Stand des Eheglücks führte. Und als ihm neulich gegenüber Paparazzi-Fotografen in aller Öffentlichkeit die Hutschnur riss, sprengte sein geradezu poetisch formulierter Ausbruch beinahe das Internet. „Ich bin ein Vater, ich bin ein Ehemann“, schimpfte er und ergänzte: „It’s not clocking to you. I’m standing on business.“ Sätze, die eigentlich kein richtiges Englisch sind, aber trotzdem irgendwie klar: „Lasst mich in Ruhe. Ich bin beschäftigt.“

Auf „SWAG“, und das macht die mit 21 Songs und einer Stunde Spielzeit selbstverständlich viel zu lange Platte interessant, greift er das alles auf. Sein Leben, seine Liebste, sein Kind, seine Traumata, seinen christlichen Glauben, seine Bemühungen, irgendwie bei sich zu bleiben, auch wenn alle nur Käse über ihn erzählen. „SWAG“ ist kein großartiges Album, keine künstlerische Offenbarung, die Songs keine künftigen Klassiker und wahrscheinlich auch keine Riesenhits.

Das Leben vor dem Auseinanderfliegen bewahren

Aber das mit vielen musikalischen Gästen (etwa Gunna, Cash Cobain, 2 Chainz) garnierte „SWAG“ lebt von dem Charme, Justin Bieber dabei zuzuhören, wie er versucht, sein Leben vor dem Auseinanderfliegen zu bewahren. Es gibt ein paar Stücke, die keine Songs sind, sondern kurze Mental-Health-Gespräche mit dem US-Comedian Druski, sie heißen „Therapy Session“ und, ja wirklich, „Standing On Business“. Im zupackend poppigen „Go Baby“ fleht er seine Liebste an, bei ihm zu bleiben und feuert sie zugleich an, ihr Ding zu machen (was Hailey auch tut, sie verkaufte jüngst ihre Kosmetikfirma für eine Milliarde Dollar).

Auf „Devotion“, einer Kollaboration mit Alternative-R&B-Sänger Dijon, klingt Biebers Stimme warm und sanft und liebevoll, der Song selbst ist leise und intim, die Atmosphäre einnehmend. Für „Daisies“ gilt dasselbe. Ein zartes Lied, persönlich und nah, dazu eine sympathisch-unperfekte Gitarre, die Nummer geht fast schon als Indie-Pop durch. Deutlich fetter produziert ist das an den Boybandpop der Jahrtausendwende erinnernde „All I Can Take“, das eher Bieber-typische R&B-Lied „Way It Is“ oder „Walking Away“, das hymnische Versprechen an Frau Bieber zu bleiben, ganz gleich, was auch passiert: Justin Bieber ist immer noch Justin Bieber. Man macht nichts falsch, wenn man dem gebeutelten und an sich zweifelnden Künstler eine Stunde seiner Zeit schenkt. Justin Bieber hat es verdient.

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