Berlinale
Andreas Dresen blickt in die NS-Zeit, Matthias Glasner auf eine kaputte Familie
Das größte Verdienst von Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieber ist es, dass die Zuschauer sich bald fragen, was sie wohl gemacht hätten, wären sie 1942 jung gewesen. Denn „In Liebe, Eure Hilde“ erzählt nicht überhöhend von großen Helden und Schurken, sondern nah am Mensch. Im Grunde ist der Film gar eine Liebesgeschichte. Und der hier porträtierte Widerstand ein Reflex, ein Gebot von Anstand, Mitgefühl und Gemeinschaftssinn. Hakenkreuze und polternde Nazis braucht Dresen nicht, um die Gefahr aufzuzeigen, in denen die Freundesclique schwebt, die unter dem von der Gestapo geprägten Begriff „Rote Kapelle“ verfolgt wurde.
Im Mittelpunkt steht eine eher stille, leise Figur, die nach ihrer Verhaftung große Stärke zeigt: Hilde Coppi (1909-1943). Im Buch von Laila Stieber ist sie vor allem eine junge Frau mit großem Herz. 1941 lernt sie Hans Coppi kennen, einen Dreher und Tucholsky-Fan, der gemeinsam mit Freunden wie dem Offizier Harro Schulze-Boysen und desen Frau Libertas versucht, militärische Vorhaben nach Moskau zu funken. Auch Flugblätter gegen den Krieg, die wachrütteln sollen, verfasst der Freundeskreis. Und Hilde schreibt Briefe an Mütter von Soldaten, die in der Sowjetunion gefangen genommen wurden und über Radio Moskau Grüße senden konnten an all jene, die daheim den verbotenen Sender hören.
Politische Diskussionen aber blendet der Film aus. Stieber und Dresen zeigen die jungen Widerständler vielmehr aus Hildes Augen, die Entscheidungen aus dem Bauch heraus trifft: Sie hilft, wo es Not tut, möchte ihren Hans beeindrucken und ihren Ruf als prüde „Gouvernante“ loswerden. Der von Judith Kaufmann fotografierte Film setzt dabei auf sonnige Bilder mit Baden am See, Eis-Essen und Sex – auch betont als Kontrast zu den Szenen, die sich ganz auf Hildes entbehrungsreiche Monate im Gefängnis konzentrieren.
Gedreht wurde chronologisch, doch die Erzählung springt umher, beginnt bei Hildes Verhaftung und führt zu ihrer Hinrichtung, während in Rückblenden Schlaglichter auf die zwei Jahre davor geworfen werden. Ganz am Ende steht der erste verliebte Tanz von Hans und Hilde. Und es erklingen Worte ihres tatsächlichen, heute über 80-jährigen gemeinsamen Sohnes Hans junior – spätestens hier sind Taschentücher notwendig: Im Gefängnis hat Hilde einen Sohn geboren, der überlebte.
Durch ihre Fürsorge für ihn kann sie auch das harte Herz der Wärterin erweichen: Diese Anneliese Kühn – auch sie gab es – spielt eindrücklich die in Kaiserslautern geborene Lisa Wagner als zunächst verkniffene Befehlsempfängerin, die nach und nach Gefühle zulässt und gar in gewissen Rahmen hilft: Sie ist die wohl spannendste Figur, entwickelt aus Recherchen zu zwei verschiedenen Wärterinnen.
Wie stark der Film aber einen Zuschauer berührt, hängt vor allem davon ab, als wie glaubwürdig das doch eher heutig anmutende Setting und Liv Lisa Fries’ Darbietung empfunden wird. Die aus „Babylon Berlin“ bekannte Berlinerin spielt zwar leiser und weicher als sonst, wodurch tatsächlich eine schöne Liebesgeschichte entsteht. Doch die Szenen des Leidens fallen überdeutlich aus.
Nicht vollends überzeugt auch der Ansatz, das Politische auszublenden. Man hätte doch gern gewusst, wie Hilde und gerade auch Hans, der kaum greifbar wird trotz des tadellosen Spiels von Johannes Hegemann, zu solch engagierten jungen Menschen wurden: Wie sind sie aufgewachsen, was hat ihren moralischen Kompass geprägt? Doch dazu hätte es wohl mehr als zwei Stunden Filmerzählung gebraucht.
Drei Stunden Zeit lässt sich Matthias Glasner („Der freie Wille“) mit seiner Familienaufstellung „Sterben“, seinem ersten Kinofilm seit zwölf Jahren. Serien hat er zuletzt gedreht und verlangt nun auch seinem Kinopublikum Sitzfleisch ab. Autobiografisch sei der Film, dessen Drehbuch er nach dem Tod seiner Eltern schrieb. Lars Eidinger spielt sein Alter Ego, den Dirigenten Tom Lunies, Corinna Harfouch dessen Mutter Lissy. Ihr gehört das erste Kapitel, das das stärkste ist.
Glasner porträtiert ein alterndes Paar: Gerd Lunies(Hans-Uwe Bauer) hat Parkinson und ist durch die Medikamente dement geworden, Lissy schämt sich vor der Nachbarin, dass er immer wieder davonläuft, oft gar ohne Unterhose. Sie selbst wird auch bald sterben, wie sich aber erst langsam herausstellt, will aber noch an einem Rest Würde festhalten. Doch wie erklärt es sich, dass sie ihren Mann, der schließlich ins Heim kommt, kaum besucht? Kalt sei sie, wirft ihr Tom später vor, und diesen Charakterzug habe er von ihr geerbt.
Tom bearbeitet gerade die Uraufführung einer Komposition seines alten Freundes Gerard – Robert Gwisdek in einer Klischeerolle als übergriffiger, sich teils selbst verachtender Künstler – und reist ungern zu seinen Eltern aufs platte Land. Schließlich versucht er sich selbst gerade als eine Art Vater: Er hilft seiner Ex, die ungewollte schwanger wurde, durch die Geburt und kümmert sich auch weiter um das Baby, in Konkurrenz mit dem biologischen Vater des Kindes. Und dann ist da noch Toms Schwester. Ellen (Lilith Stangenberg) ist Alkoholikerin und die wohl schlechteste Zahnarzthelferin Hamburgs.
„Sterben“ will fragen, warum ein Mensch so gewordee ist, wie er ist – nicht gerade ein neues Thema. Doch der für radikale Filme bekannte Glasner belässt es nicht bei einer realistischen Figurenzeichnung. Mit jeder Minute entwickelt sich der Film mehr Richtung Groteske, er überzeichnet voller Lust, so dass das Publikum entweder ungläubig losprustet – oder kopfschüttelnd den Saal verlässt, zumal Glasners Personal im Grunde durch die Bank unsympathisch und egoistisch wirkt. Der Familienname – Lunies klingt wie „Loonies“, englisch für: „Verrückte“ – spricht jedenfalls Bände. Wobei es Lars Eidinger schafft, tatsächlich glaubwürdig zu wirken. Dennoch: ein zwiespältiger Film, dessen Menschenbild irritiert.
Ein goldener Bär dürfte jedenfalls nicht nach Deutschland gehen.