Festival
Alte Hasen und junge Avantgardisten bei Enjoy Jazz
Wer den zeitgenössischen Jazz in seiner Vielfalt, auch Widersprüchlichkeit kennenlernen möchte, der ist bei diesem Festival genau richtig. Kein stimmig kuratiertes Programm fürs verlängerte Wochenende gibt es hier, sondern sechs Wochen lang täglich wechselnde Ensembles und Solisten. Zusammenpassen muss das nicht unbedingt, die Besucher suchen sich ohnehin ihren individuellen Parcours durchs fast 60 Veranstaltungen umfassende Programmdickicht. Die Stilgrenzen bleiben dabei offen. Und manchmal begegnet man spannender Musik und fragt sich, ob das überhaupt Jazz ist.
Rituelles von Nik Bärtsch
Bei Nik Bärtsch fühlte man sich jedenfalls erst mal wie bei einem Meditationsworkshop. Fünf Männer in Schwarz schreiten durch die vollbesetzte Alte Feuerwache in Mannheim auf die Bühne, Nebel wabert, die Scheinwerfer lassen die Musiker wie Geister durch den Raum schweben. Mit kleinen Shakern schaffen sie ein filigranes Gewebe aus endlos wiederholten Rhythmusschleifen. Wie Priester bei einem religiösen Ritual stehen die Fünf schließlich im engen Halbkreis, vom grellweißen Lichtkegel erstrahlt wie Heilige auf einem Barockgemälde.
„Ritual Groove Music“ nennt Nik Bärtsch sein Projekt, das er wöchentlich in seinem Zürcher Club und inzwischen weltweit präsentiert. Seit 20 Jahren tut er dies mit seinem Zenfunk-Quartett Ronin, das der Schweizer Japanfan nach den herrenlosen Samurai benannt hat. Groovige Beats und eingängige Melodieschnipsel werden minimalistisch wiederholt, variiert und zu großen Spannungsbögen verdichtet. Der meditative Effekt entsteht durch den suggestiven Flow dieser Musik. Konzerte können schon mal 36 Stunden dauern.
Wasserschüssel inklusive
In Mannheim dauerte es diesmal nur eine Stunde, und Bärtsch hatte statt der Band Ronin vier Mitglieder des auf zeitgenössische E-Musik spezialisierten Ensembles Les Percussions de Strasbourg dabei. Diese Schlagwerker spielen ansonsten Kompositionen von Stockhausen, Xenakis oder Varese, da war der Weg zu den minimalistischen Rhythmusschichtungen des Nik Bärtsch nicht weit. Congas, Vibraphon und ein normales Drumset kamen genauso zum Einsatz wie elektronische Drumpads oder eine Wasserschüssel.
Auch der präparierte Flügel des Bandleaders klang mit seinen abgedämpften Saiten zeitweise wie ein Perkussionsinstrument. Improvisiert wurde eher wenig, aber das Intensitätslevel eindrucksvoll von einer einsamen Triangel zu dröhnendem Fortissimo gesteigert. Der groovige Flow begeisterte am Ende auch alle Ronin-Fans.
Amirtha Kidambi klagt an
Nik Bärtsch hat seit vielen Jahren seinen festen Platz im Festivalprogramm, diesmal ist er Artist in Residence und stellt sich mit weiteren Projekten vor. Zum ersten Mal dabei ist die indischstämmige New Yorkerin Amirtha Kidambi. Bei ihr ist die Musik nicht nur ästhetisches Programm, sondern auch politischer Protest. Angeklagt wird der Rassismus in den USA oder das Gebahren faschistischer Autokraten in Indien. Die klassisch ausgebildete Sängerin zermalmt den Folklorewohlklang ihrer Lieder dazu bald in wütendem Stakkato, schrillen Schreien und tosendem Free Jazz. Und ihr hausmusiktaugliches Tischharmonium produziert unheilvolle Drones.
Die schneidenden Vokalisen und halsbrecherischen Intervallsprünge der Gesangsstimme vermengen sich mit dem kraftstrotzenden Kontrabass von Lester St. Louis, den Schlagzeug-Eruptionen von Jason Nazary und den glühendem Sopransaxophon-Kaskaden von Alfredo Colon. Amirtha Kidambi und ihre Band Elder Ones sind ein Ereignis und einer der Höhepunkte des Festivals.
Szenetreffpunkt Berlin
Was für die Jazzavantgarde in den USA New York ist, das ist hierzulande Berlin. Hier strömen junge Musiker nicht nur aus Deutschland zusammen und entwickeln eine kaum noch überblickbare Zahl von Projekten. Mitten drin findet sich der norwegische Kontrabassist Petter Eldh, dem in Ludwigshafen im Rahmen von Enjoy Jazz sehr zu Recht der SWR-Jazzpreis verliehen wurde und der sich anschließend mit einemrder aktuell rund 20 Unternehmungen, an denen er beteiligt ist, vorstellte.
Mit den beiden Briten Kit Downes und James Maddren bildet er Enemy, ein akustisches Klaviertrio, das diese klassische Besetzung allerdings neu interpretiert. Im Mittelpunkt steht der Mann am Kontrabass, der zerrt bedrohlich an den Saiten, verschärft unentwegt das Tempo oder tritt unvermittelt auf die Bremse. Maddens flirrendes Schlagzeugspiel verströmt abgeklärte Coolness, Downes gibt den sparsamen Analytiker, der zur Not auch swingen kann.
Nordwind mit Jan Garbarek
Auch Jan Garbarek war mal Avantgarde. So Mitte der 1970er-Jahre. Da bewies er mit nordisch heruntergekühltem Sound und weltmusikalischer Offenheit, dass auch Europäer einen Beitrag zur Jazzgeschichte beizusteuern vermögen. Wenn er nun mit seiner vor über 30 Jahren gegründeten und seither nur am Bass umbesetzten Group in Ludwigshafen gastierte, dann erwartete hier niemand ernsthaft irgendeine Art von Neuerung. Ganz im Gegenteil wollten die vielen treuen Fans des 75-jährigen Norwegers die vertrauten Sounds hören, das klagende, melancholisch verhangene Saxophon, dazu die folkloristisch-schönen Stücke, die immer irgendwie nach Fjord und Nordwind klingen.
Politisches Statement ist das natürlich nicht. War es auch noch nie. Als Garbarek in seiner Frühzeit den wirklich anrührend schönen Song „Hasta Siempre“ in sein Repertoire nahm und damit bei einem Auftritt im damals sehr linken Italien einen begeisterten Aufruhr auslöste, konnte er sich solcherart Wirkung überhaupt nicht erklären. Dass „Hasta Siempre“ ein kubanisches Revolutionslied ist, war ihm glatt entgangen.
Das Festival
Enjoy Jazz dauert noch bis 12. November