Literatur
Als Einwandererkind sieht man besser: Adam Soboczynskis Buch über das „Paradies“ Deutschland
September 1981, Hitlers Architekt, Minister und Männertraum Albert Speer stirbt, Simon & Garfunkel („Bridge Over Troubled Water“) haben sich wieder lieb, eine gewisse Diana Frances Spencer wird Lady Di. Der Schauspieler Ronald Reagan regiert die USA. Leonid Breschnew führt als versteinerter Generalsekretär der KPdSU das Sowjetreich. Polen steht kurz vor der Verkündung des Kriegsrechts durch Präsident Wojciech Jaruzelski. Und der sechsjährige Adam Soboczynski steigt mit seinen Eltern und dem Bruder in ein weißes Taxi der Marke Mercedes-Benz, um ins „Paradies“ auszureisen: vom Plattenbau in Torun bei Warschau nach Koblenz, alsbald passieren wundersame Dinge am rheinland-pfälzischen Rand.
Die Müllabfuhr kommt, am Rhein fließt immer Strom, Tiefkühlpizza liegt im Kühlregal, es gibt Chio Chips Paprika im Trommelpack. Abends, wenn man auf dem Rücksitz eines zur Familienkutsche erklärten, gebrauchten Ford Capri sitzt und von der A 61 in die Stadt einbiegt, empfängt einen ein Lichtermeer aus Leuchtreklamen. Der kleine Adam ist perplex. Es ist, wie wenn ein Schwarz-Weiß-Film plötzlich in Farbe läuft. Ganz anders als in Polen, wo die Zeit bleiern und nur Tristesse im Überfluss vorhanden ist. In Westdeutschland ist das Dasein von Freiheitsversprechen und den Verheißungen der Warenwelt illuminiert.
Die andere „Generation Golf“
An der Weichsel Frust, am Rhein beste Aussichten und Toast Hawaii. Kein Wunder, dass Adam Soboczynski in seinem neuen Buch von Lady Di, Reagan und Breschnew und sich in einem Atemzug spricht. Für den Literaturchef der Wochenzeitung „Die Zeit“ und Autor war die Ausreise aus dem grauen Ostblock in den Westen schließlich historisch und weltbewegend. Außerdem haben zumindest Jaruzelski und Breschnew maßgeblich dazu beigetragen.
„Traumland. Der Westen, der Osten und ich“, nennt Soboczynski seine schlaue, heitere, ironische, exemplarische Herkunfts-, Coming-of Age- und Aufsteiger-Geschichte, in der er zauberhaft und analytisch zugleich seinen prägenden Orts- und Systemwechsel rekapituliert. Es ist ein Werk, das „Generation Golf“, das Epoche machende Buch des gebürtigen Hessen Florian Illies, erhellend kontrastiert. Soboczynski, Jahrgang 1975, hat es aus dem Innern seines migrantischem Erfahrungshintergrunds geschrieben.
Der Blazer der Geschichte
Seine Eltern sind ursprünglich elenden Dörfern am Rand der masurischen Seenplatte entflohen. Einem rauen Dasein, in dem man im Winter nachts in Eimer „pisst“, um nicht auf dem Weg zur Außentoilette zu erfrieren. Erst einmal in Deutschland angelangt, reisen sie als glücklich entfremdeter Westbesuch zurück in die alte Heimat. Auch Soboczynski selbst fühlt sich, erwachsen geworden, der elterlichen „Palmolive-Miracoli-Welt“ zwar emotional verbunden, betrachtet sie aber jetzt als Berlin-Hamburger Intellektueller, der im „Literarischen Quartett“ auftritt, mit soziologisch scharf gestellter Distanz.
Er legt sich in London einen maßgefertigten Blazer zu, auch wenn er ihm sehr schnell peinlich wird. Die Mutter ist Schneiderin von Beruf und hat deutsche Wurzeln, deshalb ist die legale Flucht aus Polen möglich gewesen. Der Vater hat dort als Maschinenbautechniker der Chemiefabrik Elana malocht. Mit 21 gehört er zu den ersten Demonstranten, zur Avantgarde von Solidarnosc. Elf Jahre später, die Ausreise ins gelobte Deutschland, wo er bald auf Montage in Atomkraftwerken und beim Bau von Pipelines für das billige russische Gas schuftet, haben er und seine Familie nie bereut – im Gegenteil, immer als Glücksfall empfunden. Als Soboczynski etwa seinen Vater einmal danach fragt, ob er Rassismus erfahren habe, meint er „nein“ – auf Polnisch. „Als Migrant ist er eine Produktenttäuschung“, bemerkt dann sarkastisch sein Sohn.
Als „kleinbürgerlich“ beschreibt er seine Eltern, bildungshungrig, materialistisch und rechtschaffen, alles im allerbesten Sinn. Bis in die Neunziger baumelt ein Foto des polnischen Papstes Johannes Paul II. am Rückspiegel des Familienautos. Ein nostalgischer Reflex. Vor allem aber wollen sie von Anfang an in Deutschland ankommen, das heißt: stolz sein auf die Einbauküche und den hart erarbeitenden, wachsenden Wohlstand. Immer intus dabei, diese selige Erleichterung, einem repressiven System und der ständigen Bedrohung durch das Sowjetreich entkommen zu sein, die jetzt auch in Soboczynskis autobiografischem Epochenbuch mitschwingt, eine Verteidigung seiner westdeutschen Kindheit.
Es geht darin um die Ära, in der man glaubte, die Systemkonkurrenz sei endgültig entschieden – und der Ostblock werde jetzt einfach genau wie der Westen werden. Francis Fukuyamas „Das Ende der Geschichte“ sei oft kritisiert worden, aber „zu Unrecht“, heißt es in Soboczynskis erzähllaunigen, hochreflektierten „Traumland“-Buch, denn der US-amerikanische Politologe spiegele „ziemlich exakt“ das Lebensgefühl, das eine Zeit lang geherrscht habe.
Ende der Gemütlichkeit
Am 24. Februar 2022, als der Putin-Krieg gegen die Ukraine beginnt, ist damit horrend Schluss. Die Epoche endet. Für Soboczynski fühlt es sich an, als ob sich ein biografischer Kreis für ihn schließt: vom Freiheitskampf der Polen bis zum ungleich blutigeren der Ukrainer. Der Horror seiner Eltern und der polnischen Familie, im Einflussbereich eines brutalen, wirtschaftlich wie kulturell hinfälligen Imperiums zu leben, so sein bitteres Fazit, wird von den Ukrainern, Belarussen und Georgiern jetzt wieder erfahren.
Soboczynski erzählt, wie es für ihn war im bundesrepublikanischen Biedermeier der Achtzigerjahre, dessen Ende, die Wende, er wie aus den Augenwinkeln wahrnimmt. Als Schüler in einem Koblenzer Gymnasium hat er andere Sorgen. Auch die Erwachsenen, eingerichtet in einer „satten Volks- und Raiffeisengemütlichkeit“, schreibt er, hätten „Besseres zu tun“ gehabt, als sich mit dem Weltereignis zu beschäftigen. „Sie taten schlicht so, als sei nichts Besonderes passiert“.
„Friendly Fire“
Im Nachwendeberlin, es regiert Kohl, ein „besonders unattraktiver und besonders dicker Kanzler“, beschaut er dann als randständig an das Milieu assimilierter Student leicht amüsiert die Selbstverleugnungsversuche von Provinzlern, die aus Schwaben, Bayern oder dem Rheinland die Hauptstadt fluten. Aber alles immer mit der Drift, der aus seinen zwei Herkunftswelten herrührt. So erscheint ihm auch als Karriere machender Journalist, „vor dem Hintergrund meiner Familiengeschichte“, die mehr und mehr um sich greifende Kapitalismuskritik wie eine „deutsche Mode, die man nicht weiter ernst nehmen muss“. Seine Herkunft, ein Wahrnehmungssurplus. Sie gibt auch die Folie seiner Verachtung ab, die er von Anfang an für den Aufstieg Putins und der AfD, Orbans und Trumps empfindet. Es scheint ihm, als habe sein Heimatland Polen alles vorweggenommen, was im Westen schieflaufend passiert. Zunehmend grimmig indes verfolgt er, wie dieser sich und seine Grundwerte in einer Art Radikalkritik der Aufklärung demontiert.
„Friendly Fire“, nennt er das, wenn Gleichheit nun als Herrschaftselement der Privilegierten denunziert wird, das Einklagen von Menschenrechten als Strategie der Ausbeutung des Südens erscheint – und Freiheit als rechter Kampfbegriff. Friendly Fire, ein militärischer Begriff, nennt man, wenn sich die eigenen Truppen versehentlich selbst beschießen.
Bei einer Rede Putins am 22. September 2022 platzt Soboczynski dann der Kragen, vielleicht auch der Knoten, dieses Buch zu schreiben. Für ihn hört sich der Angriffskrieger genau an wie ein Redner, der auf einem der „besonders fortschrittlichen“ Podien des Westens mit seinen Thesen hausieren geht. Putin schwadroniert von einem „neokolonialen System“, das im „Namen des Dollars und des technologischen Diktats“ die Welt ausbeute. Der Westen zerstöre ganze Länder, sei verantwortlich für humanitäre Katastrophen, Armut, Ruinen, Millionen vernichteter Existenzen. Die westlichen Eliten würden immer von Demokratie sprechen, aber sie beförderten doch nur Despotismus und Apartheid, referiert Soboczynski die perfide Generalkritik des russischen Diktators. „Er hat sehr genau eine Schwachstelle des Westens erkannt, die gleichzeitig zu seinen größten Stärken zählt: die Fähigkeit zur Selbstkritik, die sich manchmal ins Selbstzerstörerische ausweiten kann“, stellt Soboczynski mit systemisch geschulten Blick fest.
Wie man diese Freiheit nicht schätzen kann, zum Beispiel wider besseres Wissen behaupten zu dürfen, man liege in Fesseln, kann er nicht begreifen. Der Maßlos-Mäkelei hält er sein erfahrungsbasiertes Credo entgegen, dass wir hier „in der besten aller möglichen Welten“ leben – in einem „Traumschloss’“ sogar. Gut, dass es einmal jemand sagt – und noch dazu: wie sinnfällig schön.
Lesezeichen
Adam Soboczynski: „Traumland. Der Westen, der Osten und ich“; Klett-Cotta, Stuttgart; 170 Seiten; 20 Euro.