Kultur Alle Sehnsucht zielt ins Leere
Keine andere Kunstform der klassischen Musik ist so eng mit dem deutschen Sprachraum verbunden wie das Lied. Im Englischen spricht man vom „German Lied“, wenn man beschreiben will, was Komponisten wie Schubert oder Schumann auf diesem Gebiet geleistet haben. In unserem Lieder-ABC geht es heute um den Buchstaben O– wie „O kühler Wald“ von Johannes Brahms.
Das von Brahms vertonte Gedicht stammt von einem der wichtigsten Vertreter der Frühromantik: von Clemens Brentano. Schon der Titel beschwört mit dem Wald einen mythisch, wenn nicht gar metaphysisch aufgeladenen Ort der deutschen Romantik. Der Wald war ein gleichsam behütender, schützender wie bedrohlicher Ort, nicht zuletzt im Märchen, in dem sich die Kinder im Wald verlaufen oder dem bösen Wolf begegnen. „O kühler Wald,/Wo rauschest du,/In dem mein Liebchen geht“, beginnt das aus vier Strophen bestehende Gedicht, wobei Brahms nur die erste und dritte Strophe vertont hat. Da sucht ein Liebender seine Geliebte, von der wir später erfahren werden, dass er sie „so früh“ verloren hat. Er meint, ihre Stimme zu hören, folgt ihr in den Wald, und findet doch nur sich selbst. Der Wald ist ihm mehr Seelenort als Sehnsuchtsort, er erträumt sich die Wiederbegegnung mit der geliebten Frau und verspricht, weiter zu singen, zu dichten, bis zu einem Wiedersehen in einer anderen Welt. Bei Brentano bleibt also ein Funken Hoffnung auf eine Wiedervereinigung im Jenseits. Beim Brahms fehlt diese: dadurch, dass er die Schlussstrophe in seiner Vertonung weggelassen hat. Hier steht am Ende des in As-Dur komponierten Liedes die Vergeblichkeit des Singens, damit des Hoffens – und der Liebe. „Die Lieder sind verweht“ sind die letzten Worte der Singstimme, danach klingt das langsame, von einem ruhigen Klavierpart geprägte Lied aus. Alle Sehnsucht zielt ins Leere. Kein Gesang dieser Welt kann die Geliebte wieder zurückbringen. Das mag im Orpheus-Mythos der Antike noch funktionieren, doch Brahms war gerade in Liebesdingen zu sehr Realist, als dass er an die Kraft der Musik, die Tote wieder zum Leben erwecken könnte, geglaubt hätte. Nichts bleibt von der Verstorbenen, nicht einmal die Lieder, die man ihr gewidmet hat. CD-Tipp Simon Keenlyside hat, begleitet von Malcolm Martineau, sowohl Lieder von Brahms als auch Schumanns „Dichterliebe“ eingespielt. Erschienen ist die CD bei Sony.