Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel „Agrippina“ bei den Münchner Opernfestspielen gefällt vor allem musikalisch

Farbakzent in den sonst grauen Bühnenwelten: Elsa Benoit als Poppea, Gianluca Buratto ist Claudio.  Foto: Wilfried Hösl
Farbakzent in den sonst grauen Bühnenwelten: Elsa Benoit als Poppea, Gianluca Buratto ist Claudio.

Die zweite Premiere der Münchner Opernfestspiele in diesem Sommer widmet sich einer charakterlich nicht gerade anfechtbaren Frauengestalt der Antike. Nach „Salome“ hatte „Agrippina“ im Prinzregententheater Premiere. Nach vielen Jahren kommt damit wieder eine Oper von Händels ins Programm. Musikalisch knüpft die Produktion an frühere Barock-Erfolge des Hauses an, szenisch weniger.

In der Ära von Sir Peter Jonas hat die Bayerische Staatsoper mit ihren Händel-Produktionen zu Recht Furore gemacht. Von den Ideen der Inszenierungen von David Alden hätten andere Häuser eine ganz Spielzeit bestreiten können. Das ist in der von Barrie Kosky inszenierten „Agrippina“ nicht so. Auf der leeren Bühne steht eine Art zweistöckiger Container mit mehreren Spielflächen, die variabel eingesetzt werden können (Bühnenbild: Rebecca Ringst). Das Stück spielt überall und nirgends, gestern oder heute. Bei den Kostümen (Klaus Bruns) wird zumindest quantitativ nicht gespart.

Mitunter ist die Choreografie fast schon hyperaktiv

Es geht dem Regisseur um eine differenzierte Sicht auf die Personen, besonders auf die beiden Frauen – und besonders auf Agrippina. Die plastische Darstellung der Psychologie der Figuren steht im Vordergrund. Kosky greift zu einer agilen, gelegentlich etwa zu hyperaktiven Choreografie, die dem Geschehen mächtig „Drive“ verleiht, sich aber hin und wieder zu verselbstständigen droht. Wie der Beitrag im Programmbuch zeigt, hat sich der Regisseur viele und kluge Gedanken zum Stück gemacht, von denen tendenziell zu wenig auf der Bühne zu sehen ist. Es gibt allerhand witzige Einfälle – und einen unerwartet elegischen Schluss. Am Ende bleibt Agrippina ganz allein in Gedanken versunken zurück. Dazu erklingt leise Musik aus Händels Oratorium „L'Allegro, il Pensiero e il Moderato“.

Die meisten Sänger sind im Herbst auch bei Aufführungen in London dabei

Diese „Agrippina“ ist ein gesamteuropäischen Projekt als Koproduktion von München mit Covent Garden London, der Niederländischen Nationaloper und der Hamburgischen Staatsoper. Bei den Aufführungen in London im Herbst singt Joyce DiDonato die Titelrolle. Mit ihr und einer Reihe der Sänger, die jetzt in München auftreten, wurde im Frühjahr eine Aufnahme gemacht und dazu eine Tournee mit konzertanten Aufführungen in ganz Europa.

So sang und singt Franco Fagioli nach seinem fulminanten Serse in Karlsruhe in diesem Jahr den Nerone in „Agrippina“. Den jungen Kaiser gibt er in München als schrägen Punk mit starker szenischer Präsenz und mitreißendem Ziergesang. Er wertet auch dank sonst oft gestrichener Arien die Partie, die die virtuosesten Nummern hat, erheblich auf.

Bei allen „Agrippinas“ in diesem Jahr war und ist Andrea Mastroni ein stimmschöner und herrlich komischer Pallante. Elsa Benoit, die die Poppea auch auf CD singt, bietet ein jugendliche frisches und anmutiges Rollenbild, das die sympathischen Züge der Figur betont. Zudem gefällt die Sängerin durch die Leuchtkraft und Beweglichkeit ihrer Stimme.

Iestyn Davies wird den Ottone auch in London singen. Der englische Countertenor glänzt durch seine erlesen geführte Stimme und sein empfindungsreichen Vortrag. Auch in London gibt Gianluca Buratto den Kaiser Claudio. Der Bassist zeichnet den wenig souveränen Herrscher ganz ohne Poltern mit herrlichem Belcanto. Eric Jurenas ist ein komischer Narcico, Markus Suihkonen ein vorzüglicher Lesbo. Der Diener des Kaisers ist wie fast alle Männer in dieser Rolle dem Reiz der Kaiserin Agrippina erlegen, auch zwischen Nero und seiner Mutter knistert es in dieser Inszenierung.

Alice Coote verleiht der Titelfigur nachdenkliche Züge

Alice Coote gibt ihr in München eher verhaltene und nachdenkliche Züge und erfüllt mit einer ausgeglichenen und kultiviert geführten Stimme die musikalischen Anforderungen tadellos. Den Furor und die Ausstrahlung der sagenhaften Joyce DiDonato hat sie nicht. Es kann also sein, dass in London andere Akzente gesetzt werden.

Sir Ivor Bolton ist wie in den goldenen Münchner Händel-Zeiten der Dirigent am Pult des Bayerischen Staatsorchesters – und wie ehedem sorgt er für einen dramatisch feurigen, hochgradig spannenden und zugleich sehr differenziert modellierten Händel. Es ist eine furiose Einstudierung der genialen Partie des jungen Händel auf seiner Reise in Italien.

Termine

Vorstellungen am 26., 28. und 30. Juli. Am 28. Juli wird die Aufführung auf www.staatsoper.tv ab 18 Uhr kostenlos ausgestrahlt.

Die Titelpartie interpretiert Alice Coote, Eric Jurenas gibt Narcico.  Foto: W. Hösl
Die Titelpartie interpretiert Alice Coote, Eric Jurenas gibt Narcico.
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