Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Adelsdrama in der Pfalz: Wie die Ahnherrin der Windsors nach Pfeffelbach kam

Die protestantische Kirche von Pfeffelbach unter königlicher Sonne: Hierher wurde der Sarg der 1831 verstorbenen Herzogin in ein
Die protestantische Kirche von Pfeffelbach unter königlicher Sonne: Hierher wurde der Sarg der 1831 verstorbenen Herzogin in einer Nacht- und-Nebel-Aktion gebracht – und blieb dort fast14 Jahre lang. Ihre letzte Ruhestätte fand sie erst 1860 im neuerbauten Herzoglichen Mausoleum auf dem Coburger Friedhof am Glockenberg.

Die bevorstehende Krönung von König Charles III. rückt mit seiner prunkvollen Zeremonie die sonstigen Familiendramen im englischen Königshaus in den Hintergrund. Dabei gehören auch diese zur Tradition bei den Windsors: Schon Charles’Ur-Ur-Ur-Großmutter Luise liebte unglücklich, wurde als Ehebrecherin vertrieben – und fand ihr Glück im Pfälzer Bergland.

Sie hieß Luise Pauline Charlotte Friederike Auguste von Sachsen-Gotha-Altenburg, war die Schwiegermutter der britischen Königin Victoria und verbrachte die letzten Jahre ihres kurzen Lebens im westlichsten Zipfel der Pfalz, zwischen Blies und Kuselbach, Hunsrück und Pfälzer Bergland.

Luise kam nicht freiwillig, sondern als verstoßene und verbannte Gattin des Herzogs von Coburg. Seitensprünge hatten sich durchaus beide erlauchten Hoheiten gestattet. Aber natürlich war es der gehörnte Ehemann, der die untreue Gemahlin mit fürstlicher Entrüstung aus dem Fränkischen ins Kuseler Land und in den benachbarten Kreis St. Wendel abschob.

Jung, schön, auf der Suche nach Liebe: Herzogin Luise, porträtiert von Josef Grassi um 1814.
Jung, schön, auf der Suche nach Liebe: Herzogin Luise, porträtiert von Josef Grassi um 1814.

In den Adelskalendern wird Luise als „Stammmutter des britischen Königshauses“ geführt. Ihre von strahlendem Glanz und tiefer Verzweiflung, von Staatsräson und Liebe bestimmte Biografie vermag die Leserschaft der Herz- und Krone-Blätter bis heute zu fesseln. Ihr früher Tod scheint das Schicksal der gleichfalls von Vereinsamung und Anlehnungsbedürftigkeit gepeinigten Prinzessin Diana um fast 170 Jahre vorwegzunehmen.

Am Anfang tanzt der Kongress

Ein Adelsdrama in der Pfalz also. Was aber brachte die thüringische Herzogstochter ins Bergland zwischen Glan, Nahe und Saar? Es war die Liebe. Aber eben nicht jene zu ihrem angetrauten Gatten. Die Geschichte beginnt im fernen Wien, wo 1814/15 der berühmte Kongress tanzte.

In der Donaumetropole versammelten sich die Emissäre des europäischen Regenten, um die vom gestürzten Franzosenkaiser Napoleon eroberten Gebiete unter sich neu aufzuteilen. Dem Herzog von Coburg schoben die Diplomaten auf dem Reißbrett neben Teilen des heutigen Kreises Kusel auch die beiden später saarländischen Kantone Ottweiler und Tholey zu. Der Potentat aus Oberfranken war über die aus seiner Sicht völlig entlegenen Ländereien „not amused“, musste sich aber nach verhaltenem Protest damit zufriedengeben.

Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha, Ehemann mit Mätressen seltsamen Vorlieben.
Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha, Ehemann mit Mätressen seltsamen Vorlieben.

Kurz nach der unwillkommenen Landzuteilung heiratete Herzog Ernst die Tochter des Wettinerfürsten von Sachsen-Gotha-Altenburg. Die Trauung fand im Sommer 1817 im Gothaer Schloss Friedenstein statt. Der Bräutigam war 33, Luise 16 Jahre alt und von kleiner, zierlicher Gestalt, eine „kluge und tatenvolle Dame von edlem Gemüt“, wie es in den Quellen heißt. Zwei Söhne – Ernst II. und Albert – schenkte Luise ihrem Mann.

Fürst in Frauenkleidern

„Den beiden Prinzen aber war es nicht vergönnt, unter den Augen ihrer Mutter heranzuwachsen“, schreibt der St. Wendeler Heimatforscher Max Müller. „Das häusliche Glück, das am Coburger Hofe unvergänglich zu sein schien, trübte sich rasch.“ Der Kuseler Regionalhistoriker Daniel Hinkelmann formuliert es nüchterner und vermerkt knapp, die Liebe des Fürstenpaars habe sich „merklich abgekühlt“.

FSitz der Coburger Herzöge: Schloss Ehrenberg.
FSitz der Coburger Herzöge: Schloss Ehrenberg.

Ernst, dem ausgeprägte Eitelkeit und darüber hinaus eine Vorliebe für Frauenkleider nachgesagt wird, nahm sich mehrere Mätressen. Die unglückliche Herzogin Luise war gerade 23 Jahre alt und erfüllt von Sehnsucht nach Zuneigung, die sie zunächst bei einem noch jüngeren Kammerjunker namens Gottfried von Bülow fand. Er gab jedenfalls später zu, es sei „zu Vertraulichkeiten gekommen, zu denen nur die Ehe berechtigt“.

Schließlich trat Freiherr Alexander von Hanstein in ihr Leben, fürstlicher Stallmeister, Spross eines alten Thüringer Adelsgeschlechts, nach Worten Müllers „bei Paraden und auf den Hofbällen ein vornehmes Schaustück“. Er war gerade 20, also dreieinhalb Jahre jünger als Luise und wurde die große Liebe ihres Lebens.

 Der Geliebte und zweite Ehemann: Stallmeister Freiherr Alexander von Hanstein.
Der Geliebte und zweite Ehemann: Stallmeister Freiherr Alexander von Hanstein.

Verbannung im Westrich

Es kam, wie es kommen musste. Der weiblichen Reizen so aufgeschlossene, aber nunmehr seinerseits gehörnte Herzog Ernst erfuhr von den Schäferstündchen seiner Frau. Deren fortgesetzter Ehebruch wurde zum Politikum. Obwohl sie sich in der Bevölkerung breiter Beliebtheit erfreute und die Trennung zu Unruhen führte, wurde die junge Herzogin verstoßen.

Von nun an spielt das blaublütige Melodram im Westrich, denn Ernst schickte seine untreue Gemahlin in jenes entlegene Ländchen, das ihm erst seit kurzer Zeit gehörte: ins Fürstentum Lichtenberg rund um die gleichnamige Burg zwischen Kusel und St. Wendel. Noch während die Scheidung sowie die Verhandlungen ums Erbe ihrer beiden verstorbenen Brüder liefen, wurde der jungen Landesmutter die Stadt des Heiligen Wendelin als Exil-Residenz zugewiesen. Die sechs und fünf Jahre alten Söhnchen hatten in Coburg zu bleiben.

Gemeinsam mit Alexander von Hanstein bezog Luise das Stadtschlösschen in St. Wendel. Sie verbrachten dem Vernehmen nach gemeinsam „einige glückliche Jahre“, obwohl der Herzogin jeglicher Kontakt zu ihren Kindern verboten war. Gegen ihren Willen wurde am 31. März 1826 die Scheidung ausgesprochen. Sie nannte sich jetzt Luise Herzogin zu Sachsen. Alexander wurde von Luises Altenburger Verwandten rasch zum Grafen ernannt, so dass er sich im Oktober 1826 standesgemäß in St. Wendel mit Luise vermählen konnte.

Der Pfarrer von Pfeffelbach

Dort, am Fuß des Bosenbergs, fand das junge Prinzenpaar laut Geschichtsbuch „vielfache Gelegenheit zu engen Kontakten mit der Bevölkerung“ und „nahm großen Anteil am gesellschaftlichen Leben“. Die aufrichtig verehrte Landesmutter des Fürstentums Lichtenberg verkehrte in den gehobenen Bürgerhäusern.

Eine Art Freundschaft verband sie mit dem protestantischen Pfarrer und Schulinspektor Jakob Hepp, der 1820 von Kusel ins benachbarte Pfeffelbach versetzt worden war. Weitere Vertraute fand sie in der Frau des St. Wendeler Posthalters Carl Cetto sowie ihrem Nachbarn und Arzt Gustav Schwalb. Er war es, der bei ihr spätestens im Sommer 1831 eine fortgeschrittene Krebserkrankung diagnostizierte und zur Konsultation eines Spezialisten drängte. Luise begab sich daraufhin mit ihrem Mann nach Paris, wo sie während eines Opernbesuchs einen Blutsturz erlitt. Ende August 1831 starb die 30-Jährige.

Man brachte den Leichnam zunächst nach St. Wendel, von wo aus eine Delegation dem Trauerzug bis Saarlouis entgegen kam. Als die herzoglich-coburgische Regierung den toten Körper beschlagnahmen wollte, wurde er von einigen Getreuen versteckt. Über ein Jahr schlief der Notariatssekretär Josef Linxweiler mit der Verstorbenen in einem Zimmer. Während die Advokaten der beiden Witwer um die weitere Vorgehensweise stritten, schaffte Pfarrer Hepp auf Bitten Alexander von Hansteins den Bleibehälter samt Holzsarg bei Nacht und Nebel in die Kirche nach Pfeffelbach.

Eine Bronzetafel erinnert an den Ort, an dem Herzogin Luises sterbliche Reste 14 Jahre ruhten.
Eine Bronzetafel erinnert an den Ort, an dem Herzogin Luises sterbliche Reste 14 Jahre ruhten.

Auf ihrer Internetseite wirbt die heute knapp 900 Einwohner zählende Gemeinde bei Kusel mit der „Totenrast der coburgischen Herzogin“. Dort heißt es: „Der einbalsamierte Leichnam (…) trat infolge böser Intrigen innerhalb des Hauses Sachsen-Coburg, eine Irrfahrt an. Der Sarg (…) wurde 1833 in der Kirche von Pfeffelbach in einer einfachen Gruft unter der Kanzel beigesetzt und geriet später fast in Vergessenheit.“ Das stimmt nicht ganz. Einerseits waren die Pfeffelbacher sehr stolz auf den prominenten Leichnam, andererseits setzte hinter den Kulissen ein zähes Ringen um Luises endgültige Ruhestätte ein. Der Hickhack wurde durch die Stellung der zerstrittenen Hinterbliebenen noch komplizierter.

Luises erster Mann, der gehörnte Herzog Ernst, heiratete eine württembergische Prinzessin, mit der er keine Kinder hatte. Das Fürstentum Lichtenberg verkaufte er anno 1834 gegen eine jährliche Leibrente von 80.000 Talern, die später in einen Gesamtbetrag von zwei Millionen umgewandelt wurde. Als er 1844 starb, trat sein und Luises Sohn Ernst II. die Nachfolge an.

Luises jüngster Sohn Albert, mit seiner Gemahlin, der englischen Königin Victoria.
Luises jüngster Sohn Albert, mit seiner Gemahlin, der englischen Königin Victoria.

Dessen jüngerer Bruder Albert wurde 1840 mit seiner Cousine Victoria vermählt, der 21-jährigen Herrscherin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland und späteren Kaiserin von Indien. Die Ehe war aus politisch-dynastischen Gründen eingefädelt worden, doch nach anfänglichem Fremdeln entstand zwischen Albert und Queen Victoria offenbar eine tiefe Liebe.

Papierkrieg um die tote Luise

Albert – vom britischen Adel verspottet wegen seines steifen Auftretens und ausgeprägten deutschen Akzents – war jetzt der Prinzgemahl einer der mächtigsten Frauen der Welt. Obwohl sie ihn anfangs von allen Regierungsgeschäften fernhalten wollte, wurde er bald ihr unverzichtbarer Ratgeber, der wachsenden Einfluss auf die Politik nahm. Das Königspaar hatte neun Kinder, über die ihr Biograf Herbert Tingsten schreibt: „Victoria war so eng mit ihrem Mann verbunden, dass ihr die Kinder zu seinen Lebzeiten ziemlich gleichgültig waren.“

Bereits vor der Verbannung ihrer Mutter waren Albert und sein älterer Bruder vom „herzoglichen Prinzen-Instructor“ Johann Christoph Florschütz erzogen worden. Ebenso wie ihr Onkel Leopold, der spätere König von Belgien, war er auf eine umfassende Bildung seiner Schützlinge bedacht. Zu Luises Lebzeiten hatten die beiden Buben keinerlei Verbindung nach St. Wendel. Dennoch entwickelten die Söhne ein ausgeprägtes Interesse für eine standesgemäße Ruhestätte ihrer Mutter, die von den Höflingen nur als „Schand-Luise“ geschmäht wurde.

Zwischen den Regierungskanzleien von Coburg, Preußen und Großbritannien brach ein bizarrer Papierkrieg um die tote Herzogin aus, in den außerdem die Pfeffelbacher Bürger und ihr Pfarrer Hepp eingriffen. Die eigentlichen Verhandlungsführer waren der St. Wendeler Justizrat Georg Knauer und Coburgs Geheimer Oberfinanzrat Albert Friedrich Schnür. In ihrer Korrespondenz findet sich eine wenig vorteilhafte Beschreibung von Luises Ruhestätte.

„Dieses Pfeffelbach liegt im Kanton Baumholder“, meldete Schnür. „Der Ort ist von einer frequentierten Straße ziemlich abgelegen. Ein sehr geringer Verkehr herrscht daselbst. (Das) Pfarrdorf liegt in einem kleinen Nebenthale des Glan-Stromes und hat etliche hübsche Häuser. Die Kirche ist klein und unansehnlich.“

Heimkehr nach Coburg

Schließlich wurde die Tote am 9. Juni 1846 in aller Heimlichkeit umgebettet. Man setzte sie zunächst in der Coburger St.-Moriz-Kirche bei, ehe sie 1860 ihre letzte Ruhestätte im herzoglichen Mausoleum auf dem dortigen Friedhof am Glockenberg fand – neben ihrem ungeliebten ersten Mann Ernst. Der andere, Alexander von Hanstein, hatte längst eine thüringische Prinzessin geheiratet. Mit ihr bekam er drei Kinder und residierte auf seinem Schloss in Thüringen.

Luises Sohn Albert, 1857 zum „King Consort“ ernannt, starb 1861. Königin Victoria überlebte ihn um 40 Jahre, die sie komplett in Trauer verbrachte. Ihr gemeinsamer Sohn und Thronfolger Edward VII. war der erste britische Herrscher aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha,

Schloss Windsor, nach dem die Coburger sich 1917 nannten.
Schloss Windsor, nach dem die Coburger sich 1917 nannten.

das während des Ersten Weltkriegs in Windsor umbenannt wurde. Heute erinnern sowohl St. Wendel als auch Pfeffelbach mit Bronzetafeln daran, dass die Orte einmal eine Rolle spielten im Leben und im Tod der Windsor-Ahnherrin. König Charles III. ist der Ur-Ur-Ur-Enkel der unglücklichen Luise.

Auch sie wurde nicht glücklich mit einem Windsor: Sarah Ferguson 2019 in Pfeffelbach.
Auch sie wurde nicht glücklich mit einem Windsor: Sarah Ferguson 2019 in Pfeffelbach.
x