Gesellschaft
70 Jahre Mercedes 300: „Ham se nich wat Jrösseres?“
570.000 Menschen pilgerten damals zur 34. Internationalen Automobilausstellung, der IAA, nach Frankfurt am Main. Neben dem Typ 300 (W 186 II) stellte Mercedes hier auch den 220 (W 187) vor. Obwohl andere Hersteller wie Ford mit dem Taunus, Borgward mit dem Lloyd 300 oder Auto Union mit dem DKW F 89 ein wahres Neuheiten-Feuerwerk abbrannten, war der neue Mercedes der Star am Autohimmel und löste in der internationalen Fachpresse ein begeistertes Echo aus. „The Sensation of the Show“ oder „Auto Nummer Eins“ titelten sie. Der 300er knüpfte an die Tradition der sogenannten „Großen Mercedes“ der 1930er Jahre und den Typ 260 von 1940 an und war nun der schnellste und stärkste Serienwagen Deutschlands.
Zwei Tonnen auf der Straße
Angetrieben wurde er von einem Sechszylindermotor mit obenliegender Nockenwelle; dieser erzeugte eine Leistung von 115 PS/85 kW und ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von 160 Kilometer pro Stunde. Die eher mäßige Beschleunigung von null auf 100 in 19 Sekunden war auch dem relativ hohen Gewicht von fast zwei Tonnen geschuldet. Heute erscheinen diese Werte bescheiden, aber Anfang der 1950er-Jahre war für die meisten anderen Autohersteller schon bei Tempo 100 Schluss.
Der Mercedes-Entwurf stammte von Hermann Ahrens, dem mit seiner Karosseriegestaltung ein geschickter Kompromiss zwischen dem Vorkriegsdesign für konservativ orientierte Kunden und flüssigen Formen für eine neue Käuferschicht gelang. Die Scheinwerfer waren in die Karosserie integriert, die Trittbretter fielen weg. Die Fachzeitschrift „auto motor und sport“ attestierte dem Typ 300 internationale Extraklasse.
Ein Benz = Vier VW Käfer
1951 wurden nur 43 Fahrzeuge gebaut. Neben der Limousine, die auf Wunsch ab Dezember 1952 mit Schiebedach und ab März 1953 mit Trennwand zwischen Fahrerabteil und Passagierraum geliefert wurde, war auch ein Cabriolet erhältlich. Im April 1954 erfolgte ein Modellwechsel auf den 300 b. Die Preise bewegten sich zwischen 9000 und 11.000 Euro, allerdings kamen bei der Auslieferung noch die Kosten für Reifen nach Tagespreis hinzu.
Zum Vergleich: Sechs Jahre nach Kriegsende lag der durchschnittliche Monatsverdienst bei etwa 200 Euro, das extravagante viertürige Cabriolet war fast so teuer wie ein kleines Einfamilienhaus. Für diese Summe gab es zwei Opel Kapitän oder vier VW Käfer. Beim Nachfolger stieg die Motorleistung um 10 PS/7,4 kW, dennoch sank der Verbrauch von 17,3 auf 15,6 Liter pro 100 Kilometer.
Von 1958 bis Anfang 1962 wurde mit dem 300 d (W 189) die vierte und letzte Generation produziert. Das Fahrzeug hatte serienmäßig ein „Detroit-Gear“-Automatikgetriebe; auf Wunsch war alternativ ein Getriebe mit Schaltung erhältlich. Die „pfostenlose Vollsicht-Karosserie“ erlaubte eine vollständige Öffnung der seitlichen Fensterflächen, das hintere Eckfenster konnte herausgenommen werden. Der 160 PS/118 kW starke Einspritzmotor zeigte sich wesentlich agiler als seine Vorgänger.
Die Rolle von Adenauers Hut
Ein unerlässlicher Faktor für das bundesdeutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg war die Autoindustrie. Dabei bildete die IAA 1951 die perfekte Plattform für den Marketingstart des neuen Flaggschiffs aus dem Hause Mercedes. Die Nutzung der repräsentativen Limousine durch den ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer machte das Fahrzeug zu einem internationalen Exportschlager Made in Germany. Im Volksmund wurde das Auto deshalb gern als „Adenauer 300“ oder „Kanzlerwagen“ bezeichnet.
Der Legende nach hatte Adenauer Mercedes-Generaldirektor Wilhelm Haspel in dem für ihn typischen, rheinischen Dialekt gefragt: „Ham se eijentlich nich wat Jrösseres?“ Später soll bei der Wahl des Dienstfahrzeugs dann das sogenannte Hut-Problem den Ausschlag gegeben haben. Denn der BMW 505, modellgepflegter Nachfolger des legendären Achtzylinders 501 und wegen seiner geschwungenen Linienführung „Barockengel“ getauft, fiel wohl als Staatskarosse durch, weil Adenauer nicht einsteigen konnte, ohne den Hut abzunehmen.
Sondermodell für den Papst
In der Folge wollte „der Alte“ nur noch in seinem 300er chauffiert werden, auch bei Auslandsreisen musste er darauf nicht verzichten. Beim Moskau-Besuch im September 1955 fuhr der luxuriöse Salonwagen 10205 der Deutschen Bahn als Teil des Regierungszugs in die sowjetische Hauptstadt. Aufgeladen war auch der Mercedes 300 des Kanzlers, mit dem er zu seinen Besprechungen mit Nikolai Bulganin und Nikita Chruschtschow in den Kreml kutschiert wurde. Während seiner bis 1963 dauernden Amtszeit und selbst danach als Ruheständler nutzte er verschiedene 300er, alles in allem waren es sechs. Sein erster Dienstwagen von 1951 befindet sich heute im „Haus der Geschichte“ in Bonn.
Bald avancierte der Typ 300 zum bevorzugten Repräsentationsfahrzeug in Politik und Wirtschaft. Staatsmänner wie die amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower und John F. Kennedy, Bundespräsident Theodor Heuss und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, ließen sich im 300er chauffieren, ebenso die Staatsoberhäupter Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, König Gustav Adolph von Schweden und der Schah von Persien. Auch Prominente wie Operndiva Maria Callas und die Leinwandhelden Errol Flynn, Gary Cooper und Fernandel fuhren im großen Mercedes. Berühmtester Kunde war vermutlich Papst Johannes XXIII., der einen 300 d in einer verlängerten und mit einem erhöhten Dachaufsatz versehenen Sonderanfertigung Pullman-Landaulet geliefert bekam. Das „Papamobil“ war mit einem einzelnen Sessel im Fond ausgestattet.
Alles hat ein Ende
Insgesamt entstanden in gut elfjähriger Produktionszeit 11.436 Exemplare. Die Preise für die Neufahrzeuge waren zuletzt bis auf umgerechnet knapp 14.000 Euro geklettert. Als Oldtimer in gutem Zustand kosten die Autos heute bis zu 100.000 Euro, für die selteneren Cabriolets können es auch mehr als 250.000 Euro sein.
Schneller als der „Adenauer“-Mercedes waren die erstmals auf dem Pariser Salon im Oktober 1951 vorgestellten extravaganten, extrateuren Coupés, Cabriolets und Roadster der Modellreihe 300. Ihre Produktion begann im darauffolgenden Jahr, die Zweitürer kosteten jeweils 34.500 Mark (17.600 Euro) und galten seinerzeit als die teuersten Autos aus deutscher Produktion. Die 150 PS/110 kW starken Fahrzeuge waren im Stil der Vorkriegs-Supersportwagen gehalten und ähnlich zügig unterwegs wie ein Ferrari. Nachfolger der 300er Limousinen war ab 1963 der Mercedes-Benz 600.