Fernseh-geschichte(n)
40 Jahre MTV: „Internet killed the video star“
Obwohl zum Sendestart nur ein paar Tausend Zuschauer vor den Fernsehern saßen, mauserte sich MTV innerhalb kurzer Zeit zum Vorreiter einer ganzen Seh-Kultur und entwickelte sich zu einem globalen Phänomen. Weltweit gab es mehr als 60 regionale Ableger, damit wurden laut der New Yorker Firmenzentrale rund 480 Millionen Haushalte in 179 Ländern erreicht. 1987 ging MTV Europe erstmals auf Sendung, ab 1997 konnten Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein deutschsprachiges Programm empfangen.
Die Idee zu einem eigenen Kanal, der ausschließlich Musikvideos zeigt, stammte von Mike Nesmith, in den 1960er Jahren Mitglied der Band The Monkees. Auf Tournee in Australien bemerkte er in einer Chartshow die Vorteile einer zeitversetzten Ausstrahlung von Musikauftritten. Im Gegensatz zu den Live-Gigs konnten die Interpreten beim Dreh für die Konserve wesentlich professioneller in Szene gesetzt werden, mit besserer Ausleuchtung, punktgenaueren Schnitten und erstklassiger Choreografie.
Karrieren ermöglicht
Nach Rückkehr in die Staaten produzierte er eine 30-minütige Testsendung seiner „Popclips“ und präsentierte einen Ausschnitt John Lack, damals Manager bei einem gemeinsamen Musikunternehmen von American Express und Warner Brothers. Lack war begeistert und gab knapp 50 Episoden der Sendung in Auftrag. Schließlich kaufte er das Konzept auf und zeigte einige Folgen auf Nickelodeon, dem Kinder- und Jugendsender von Warner Cable. Als Ende der 1970er das aufkommende Satellitenfernsehen immer neue Kanäle benötigte, sollte auch ein eigener Musikkanal ins Programm: die Geburtsstunde von MTV.
Da war Nesmith von der Musiksender-Idee bereits abgesprungen. Er empfand die kommerzielle Umsetzung mit Moderatoren und Werbeblöcken als nicht gelungen. Denn nach seinen Vorstellungen waren die Videos nur als Ergänzung der Musik gedacht, sozusagen als „höhere Kunstform“. Die Plattenindustrie aber schätzte die verkaufsfördernde Visualisierung, weil sie die Karriere vieler Musiker wie Madonna oder Nirvana beförderte. Auch die jungen Regisseure Michel Gondry, David Fincher und Spike Jonze, die später Kinoerfolge feierten, sammelten erste Erfahrungen bei der Produktion von Videoclips.
Wo bleibt die Rebellion?
Kritiker der Popkultur wie der Journalist der „Chicago Sun-Times“, Jim DeRogatis, waren in der Minderheit. Für ihn wurde die ehemals intime Beziehung zwischen der Musik und dem Publikum zerstört: „Rockmusik hat etwas mit Rebellion, Individualität und wilder Energie zu tun. MTV ging es von Anfang an aber um Pop für den ,Mainstream’ – um Geschäfte für den Massengeschmack.“
Über Jahre war der Kanal fester Bestandteil der Jugendkultur, hinzu kamen Preisverleihungen wie die „MTV Video Music Awards“ und mit der „Unplugged-Reihe“ völlig neue Trends in der Wahrnehmung von Musik. Es entstand die Berufsgattung des Video-Jockeys. Moderatoren wie Ray Cokes, Christiana Backer und Steve Blame wurden zu Medienstars.
„I want my MTV“
Zum Sendestart von MTV Europe ging der Song „Money for Nothing“ von den Dire Straits über den Äther, darin heißt es noch „I want my MTV“. Aber bereits in den 1990ern gab es immer häufiger Programme, die nur am Rande mit Musik zu tun hatten. Anfänglich durchaus innovativ, schafften es Cartoons wie „Beavis and Butthead“, Comedy-Sendungen wie „Jackass“ und Realitysoap wie „The Real World“ ins Programm. Später kam eine ganze Flut günstig hergestellter Formate wie „16 & Pregnant“, „Next“ und „Tool Academy“ hinzu, die mit Musik herzlich wenig zu tun hatten. Beinahe logisch, dass die New Yorker Firmenbosse schon 2011 den Zusatz „Music Television“ aus dem Logo tilgten. MTV ist Teil des Fernsehnetzwerks des Medienunternehmens ViacomCBS.
Mittlerweile verzichten die US- und die britische Version von MTV komplett auf Musikvideos. Der deutschsprachige Ableger sendet sie in den frühen Morgenstunden und am Vormittag. Stattdessen konzentriert sich MTV auf Reality-Shows und auf Serien wie „Just tatoo of us“. Seit März 2017 ist MTV Germany mit Sitz in Berlin-Friedrichshain über die eigene Website via Livestream zu empfangen, noch im gleichen Jahr begann der Sender, über Kabelanbieter wieder im frei empfangbaren TV zu senden. Nach Angeben des Online-Magazins „DWDL.de“ lag die durchschnittliche TV-Quote von MTV 2020 aber nur noch bei 0,1 Prozent.