1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern: Auferstanden aus Ruinen
Jean Zimmer brauchte einen Moment, um einen klaren Gedanken zu fassen. Als er am späten Abend des 11. November mit seinen Kollegen des 1. FC Kaiserslautern in die Katakomben der Düsseldorfer Fußballarena lief, tropften ihm die Glücksgefühle aus den Poren. Angesichts der Überdosis an Emotionen etwas Kluges zur Jahresbilanz der Roten Teufel zu verkünden, benötigte etwas Vorbereitung.
Angemessener hätte das letzte Pflichtspiel 2022 nicht verlaufen können. Der FCK siegte bei der Fortuna mit 2:1, Philipp Klement entschied die Partie durch einen verwandelten Strafstoß; in der siebten Minute der Nachspielzeit. „Zu erfassen, wie krass diese Truppe ist, wird eine Zeit dauern“, begann Zimmer schließlich mit seiner Analyse, „heute, das war ein Abbild des ganzen Jahres.“ Umgehend korrigierte der Kapitän sich: „Eher der beiden zurückliegende Jahre. Wir waren fast von der Bildfläche verschwunden und in der Regionalliga. Wir standen mit dem Arsch an der Wand.“ Nun überwintert der 1. FC Kaiserslautern auf Platz vier der Zweiten Bundesliga.
Kehrtwende unter Antwerpen
Vor zwei Jahren drohte der Abschied vom Profifußball. Der FCK ging als Drittliga-Fünfzehnter in die Winterpause. Nach dem Re-Start besserte sich nichts. Es wurde schlimmer. Trotz des Trainerwechsels von Jeff Saibene zu Marco Antwerpen rutschten die Roten Teufel immer tiefer in den Keller. Der Abstand zum rettenden Ufer betrug sieben Punkte. Ob des 0:1 in Magdeburg ließ Antwerpen nach der Heimkehr auf Platz 4 nahe des Fritz-Walter-Stadions das Flutlicht anknipsen. Steigerungsläufe in der Nacht, um während der Partie Versäumtes nachzuholen. Offenbar küsste Antwerpen seine Schützlinge wach. Der FCK beschloss die Spielzeit als Vierzehnter.
Abermals jedoch schwächelte die Elf am Anfang der neuen Saison. Mit dem 2:0 in Verl begann am neunten Spieltag aber ein Parforceritt, mit dem Antwerpens Ensemble auf Rang zwei galoppierte. Es hatte den Aufstieg in der eigenen Hand. Und büßte plötzlich sein Selbstverständnis ein. Die letzten drei Rundenspiele wurden verloren. Immerhin blieb die Relegation. Doch Antwerpen musste seines Amtes weichen. „Ein Wahnsinn“, klagte der Fußball-Lehrer. Geschäftsführer Thomas Hengen war sich der Tragweite seines Handelns bewusst: „Das ist eine verdammt unpopuläre Entscheidung.“ Antwerpen wurde vom Anhang schier vergöttert, der Shitstorm war Hengen gewiss. Er hielt ihn aus. Und steht mittlerweile selbst auf dem Ikonensockel. Seiner Transferpolitik wegen erhielt er neben „Don“ auch den Spitznamen „Goat“ (Greatest of all times).
Der Nachfolger macht alles klar
Bei der Wahl des Antwerpen-Nachfolgers lag Hengen goldrichtig. Dirk Schuster vollendete, was Antwerpen begonnen hatte. Nach dem 0:0 im Relegationshinspiel siegte der FCK in Dresden 2:0. Die bundesweite Aufmerksamkeit, die durch die TV-Übertragung der Relegation geschaffen wurde, bescherte dem FCK enorme Popularitätswerte. Bei der Aufstiegsfeier auf dem Kaiserslauterer Stiftsplatz ließen es die Helden krachen. Der aus Winnweiler kommende und dem Verein höchst verbundene Popbarde Mark Forster gab ein kleines Konzert, Fanliebling Terrence Boyd schlurfte mit nacktem Oberkörper aus dem Bus, dazu Sonnenbrille, fette Zigarre und unter dem Arm eine großkalibrige Flasche Jack Daniels. „Der Riese schläft nicht mehr“, jauchzte Boyd ins Mikrofon – und Tausende jubelten.
Fans und Mannschaft des FCK nähren ihre Bedürfnisse in perfekter Symbiose. Nach all den Jahren mit drohender Pleite, sportlichem Niedergang und Selbstzerfleischung dürstete der Anhang nach der vereinenden Freude, die der Fußball schenken kann. Er bekommt sie auch in der aktuellen Runde. Schusters Team besticht durch Geschlossenheit und den unerschütterbaren Willen eines jeden, für den anderen stets alles zu geben. Der FCK ficht nicht immer mit der feinsten Klinge, gleichwohl hat er Fußballer wie Philipp Klement oder Marlon Ritter in seinen Reihen, die für Zungenschnalzer sorgen können. Und Schusters Mannen verheißen Spektakel. 3:3 gegen Darmstadt, 4:4 gegen Magdeburg, späte Siegtreffer oder punktbringende Tore gegen Hannover, Bielefeld, Düsseldorf oder beim Hamburger SV, als 10.000 mitgereiste Anhänger das 1:1 von Lex Tyger Lobinger ekstatisch bejubelten. 9000 Fans reisten zum Abschluss mit nach Düsseldorf. Auswärtsspiele des FCK werden zu Pilgerfahrten, der Heimschnitt beläuft sich auf 38.602 Zusehende.
2022 begann mit einem 4:0 über den SV Meppen. Coronabedingt vor 500 Fans. Es endete mit einem 2:1 in Düsseldorf. Vor 45.000. „Ein Wahnsinnsjahr“, sagt Thomas Hengen. Ach was: zwei Wahnsinnsjahre.
