1. FC Kaiserslautern
Terrence Boyd, oder: Die Wut in der richtigen Bahn
Wenn Spiele im Fritz-Walter-Stadion unter Flutlicht und um 20.30 Uhr angepfiffen werden, kann es schon mal dauern, ehe die hungrige Pressemeute die Protagonisten vor die Aufnahmegeräte bekommt. Vor allem, wenn die Roten Teufel herbeigesehnte Traditionsduelle wie jenes gegen den Hamburger SV imposant gewonnen haben, sie auf dem Rasen erst einmal zur ausgiebigen Gratulationscour antreten und die Hauptdarsteller hernach noch diversen Fernsehanstalten Rede und Antwort stehen müssen. So näherte sich die Uhrzeit am Samstag konsequent der Geisterstunde, als Terrence Boyd endlich in die Katakomben der Arena schlurfte.
Im Grunde hätte man sämtliche 15 zum Einsatz gekommenen Profis des 1. FC Kaiserslautern befragen können, schließlich hatten sie alle für eine geschlossen starke Teamleistung gesorgt. Boyds Geschichte stach unterdessen etwas heraus, denn erstmals in seiner nun über einjährigen Schaffenszeit in der Pfalz saß er aus Leistungsgründen zunächst einmal nur auf der Bank; der für ihn aufgebotene Nicolas de Préville spielte sehenswert und legte mehrmals sein Potenzial offen.
Akzeptieren, respektieren, nicht schmollen
Boyd also musste bis zur 64. Minute warten, ehe ihn Cheftrainer Dirk Schuster von der Leine ließ. Rasch wurde klar, dass der 32-jährige US-Amerikaner nur eines im Sinne hatte: seinen Stellenwert zu unterstreichen. Acht Minuten nach seiner Einwechslung brachte er den FCK mit einem Hackentor in Führung, Jean Zimmer hatte ihm den Ball aufgelegt. Boyd selbst hatte die Entstehung des Treffers provoziert, indem er den Hamburger Torhüter Daniel Heuer Fernandes konsequent angelaufen war. Der Schlussmann passte den Ball in der Folge ungenau nach außen, Ludovit Reis versuchte, ihn ihm Spiel zu halten, rutschte aus – Zimmer schnappte sich die Kugel. Auch am 2:0 verbuchte Boyd durch ein gewonnenes Kopfballduell im Mittelfeld seinen Anteil.
„Der Trainer hatte mir schon vorher gesagt, dass ich nicht von Anfang an spiele. Das akzeptierst und respektierst du. Ich bin ja keine 17 mehr. Da brauchst du nicht schmollen und die Welt geht nicht unter“, bekundete Boyd nach der Partie und ergänzte: „Dann geht es darum, wie du die Wut im Bauch auf den Platz mitnimmst. Und da hatte ich vielleicht diese Gier und Galligkeit, die ich letzte Woche nicht hatte.“ Zu sehen war dies übrigens auch an einer sauberen, ebenso bejubelten Grätsche an der Außenlinie, die den eh schon emotionsgeladenen Betzenberg beglückte.
„Kann man so machen“
Auch für Aaron Opoku entwickelte sich der Abend ganz besonders. Grund eins: Es ging für den gebürtigen Hamburger mit dem FCK gegen seinen Ex-Verein. Grund zwei: Sein Mitwirken hatte aufgrund einer Einblutung im Oberschenkel bis kurz vor Ultimo auf der Kippe gestanden. Grund drei: Sekunden nur nach seiner Einwechslung in der 85. Minute markierte er mit seinem ersten Ballkontakt das 2:0, das die Roten Teufel nach fünf sieglosen Spielen in Serie wieder auf den Pfad der Tugend zurückkehren ließ.
„Kann man so machen, würde ich sagen“, scherzte Opoku, „ich kann dieses Gefühl nicht in Worte fassen.“ Dass er sein zweites Rundentor gegen den HSV markierte, verschaffte ihm kein Magengrimmen: „Ich habe immer gesagt: Wenn ich ein Tor schieße, werde ich jubeln, egal gegen wen es geht. Ich habe hier einen Job zu erledigen.“
Erfahrungen am eigenen Leib
Ein jeder, der auf dem Betzenberg antreten muss, glaubt vorab zu wissen, was ihn erwartet – und betont dies auch. Nicht selten ein Trugschluss. „Man unterschätzt das wirklich“, sagte Opoku, „erst wenn du selbst als Gegner hier auf dem Platz stehst, denkst du: O Gott, was kann hier alles abgehen. Man kann es nicht in Worte fassen, man muss es am eigenen Leib erfahren.“
Mit dem 2:0 gegen den HSV feierte der 1. FC Kaiserslautern seinen elften Saisonerfolg. Zum vierten Mal in dieser Spielzeit blieb das Ensemble aus der Pfalz ohne Gegentor. Die Zufriedenheit von Andreas Luthe, des alten Fahrensmannes zwischen den Pfosten, ließ dies zusätzlich anwachsen: „Das sind die Abende, an die du nach Karriereende noch zurückdenkst. Es war ein ganz besonderer Abend, in einer besonderen Atmosphäre. Am Ende passt auch das Ergebnis, und alle gehen zufrieden nach Hause.“ Zumindest alle FCK-Fans.

