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Glücksgriff Georgien? Wie es Dirk Schuster und Sascha Franz geht
Wo bitte? Nicht wenige mussten sich kneifen, als Anfang Februar öffentlich wurde, dass Dirk Schuster und Sascha Franz für drei Jahre beim georgischen Erstligisten Torpedo Kutaisi angeheuert haben. Nun kann man sich vorstellen, dass ein derart langfristiges Arbeitspapier lukrativ ist. Der finanzielle Aspekt allein aber dürfte gewiss nicht den Ausschlag gegeben haben. Da waren die Lust auf Abenteuer, eine ausgeprägte Willkommenskultur, die beiden von Anfang an begegnete, und die Chance, mit Torpedo in der kommenden Saison in der Conference League europäisches Fußballparkett zu betreten. Für den 57-jährigen Schuster und den 51-jährigen Franz ein Novum in ihren Trainerkarrieren.
Im Spätjahr 2024 kam es zur ersten Kontaktaufnahme aus Kutaisi. Schuster und Franz tauschten sich untereinander sachte aus, erörterten, ob sie grundsätzlich bereit wären, solch einen Schritt zu gehen. „Wir haben beschlossen, mal miteinander zu reden“, sagt Dirk Schuster, „das schadet nie.“ Schon die erste Unterhaltung mit den Klubverantwortlichen via Zoom hinterließ bei dem seit 2012 unzertrennlichen Gespann ein sehr gutes Gefühl. Der Beschluss reifte, nach Silvester für drei Tage nach Kutaisi zu fliegen, um sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen, Infrastruktur und Trainingsmöglichkeiten zu begutachten.
„Wir wurden mit ganz weit geöffneten Armen empfangen“, erzählt Franz. Bei der Besichtigung des neuen, knapp 15.000 Zuschauer fassenden Stadions unter Flutlicht leuchtete in deutscher Sprache „Herzlich willkommen“ auf der Anzeigetafel. Kleinigkeiten, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Obschon ein Engagement nun wahrscheinlicher wurde, erbaten Franz und Schuster Bedenkzeit, um mit Personen ihres Vertrauens in Klausur zu gehen.
Schnee wie seit 1995 nicht mehr
Wer glaubt, die beiden seien in eine Fußballdiaspora geraten, der täuscht sich. Der Staff ist größer, als Schuster und Franz es bisweilen aus Deutschland kennen, medizinische und physiotherapeutische Versorgung sind bestens. Professionelles Arbeiten ist garantiert. „Man stellt sich das etwas falsch vor“, sagt Franz. Durch das Auftreten der Nationalelf bei der EM in Deutschland erlebe der Fußball einen kleinen Hype, sagt er, „die Leute sind total fußballinteressiert, man wird wahrgenommen“. Mit Deutschland im Allgemeinen oder etwa Kaiserslautern im Speziellen ist das natürlich nicht zu vergleichen.
Die Liga besteht aus zehn Teams, die je viermal gegeneinander antreten. Der Saisonauftakt am 1. März glückte, Torpedo gewann das Auswärtsspiel beim FC Gagra 2:1. Die Partie musste kurzfristig gedreht werden: In Kutaisi, wenngleich nur 100 Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt gelegen, schneite es wie seit 1995 nicht mehr, Einheimische und Brasilianer im Torpedo-Team rieben sich verwundert die Augen. Von fünf angesetzten Duellen der Startetappe fielen ob des Wetters drei aus. So vermag Dirk Schuster noch kein Urteil zu fällen, wie das Niveau der Eruvnuli Liga sein könnte.
Transferbedarf in allen Mannschaftsteilen
Georgien habe in seiner Historie viele gute Spieler hervorgebracht, sagt er, individuelle Qualität sei auch in seinem Kader vorhanden. Wie sich dies allerdings im mannschaftlichen Miteinander gestalte, bleibe abzuwarten. Vergleiche zur Bundesliga seien unlauter. „Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Es würde wohl eng werden, die Klasse zu halten“, sagt Schuster. Franz ergänzt: „Wir haben ein großes Gefälle innerhalb des Teams, Nationalspieler und 18-, 19-Jährige, die sich erst noch entwickeln müssen.“ Bis 23. März sind in Georgien Spielerverpflichtungen möglich.
„Wir sind mitten in den Transferaktivitäten. Drei bis vier Spieler werden wir noch holen müssen“, sagt Schuster. Bedarf besteht in fast allen Mannschaftsteilen, der Konkurrenzkampf muss belebt werden. Offensivakteur Philipe Pires, der einst bei 1899 Hoffenheim unter Vertrag stand, ist der einzige bekannte Unterschiedsspieler, er markierte in Gagra auch das Siegtor. Die Mannschaft sei generell sehr diszipliniert, „bislang hat noch niemand rustikal über die Stränge geschlagen“, sagt Schuster.
Ein mehrsprachiges Projekt
Er und Franz sind ohne klare Zielvorgabe in die Runde gestartet. „Natürlich ist es auch hier der Traum, irgendwann mal einen Meistertitel zu holen“, sinnt Franz. „Wir wollen den Klub weiterentwickeln. Es ist ein Projekt.“ In manchen Bereichen muss mehr gearbeitet werden, in anderen weniger. Der Rasen des Trainingsplatzes etwa habe keineswegs Wimbledon-Niveau, flachst Schuster. Die Verständigung klappt, klingt allerdings experimentell. Schuster und Franz vermitteln alle Inhalte auf Englisch – „Oxford English“, wirft Franz ein und lacht –, ein Assistent übersetzt ins Georgische, ein zweiter Co-Trainer, der Portugiese Nilton Terosso, für die Brasilianer.
Wie schon bei ihren vorherigen Stationen, sind Schuster und Franz ohne Familien angereist. Zur Überraschung beider gibt es eine Direktverbindung in die Heimat. Flugzeit: dreieinhalb Stunden. „Das hab ich auch gebraucht, wenn ich von daheim nach Kaiserslautern gefahren bin“, bekundet der Solinger Franz. Er und Schuster sind nicht am Ende der Welt – und stecken trotzdem mitten in einem Abenteuer.
„Krise? Es ist eher aufstrebend“
Das Trainerduo fühlt sich überaus wohl und sicher, obgleich Georgien in naher Vergangenheit in die Schlagzeilen geriet. Wolle man die Lage mit einem Wort beschreiben, wären Ausweglosigkeit oder Krise heiße Kandidaten, sagte etwa der unabhängige Politikwissenschaftler Gela Vasadze der Deutschen Welle. Und dies betreffe alle Bereiche des Lebens: „Wir sehen eine politische, soziale, wirtschaftliche und moralische Krise, verursacht durch die Regierung.“
Diese sieht sich dem Vorwurf der Wahlmanipulation ausgesetzt. Überdies wolle sie die ehemalige Sowjetrepublik näher an Russland heranführen und von der EU entfernen. Immer wieder protestieren Zehntausende. Bisweilen schlug die Polizei die Versammlungen mit Gewalt nieder.
Vasadzes Ausführungen kann Sascha Franz nicht folgen: „Auf mich wirkt hier nichts ausweglos oder wie in einer Krise. Es ist eher total aufstrebend, auch die Städte entwickeln sich. Es ist alles sehr modern oder wird moderner, die Menschen sind sehr offenherzig, liberal. Überall hängen Europaflaggen, alle jungen Menschen sprechen Englisch.“
Politik aber, betont Sascha Franz, sei ohnehin nicht sein Thema. Sondern der Sport. Er will mit seinem alten Weggefährten Dirk Schuster eine Erfolgsgeschichte schreiben.
