1. FC Kaiserslautern
FCK-Coach Markus Anfang: „Ohne Gesundheit ist alles andere nichts“
Herr Anfang, Weihnachten steht vor der Tür. Sind alle Geschenke schon besorgt?
Ja, wir haben alles vorbereitet. In der Tat muss ich mich darum zum Glück nicht kümmern. Das macht alles meine Frau. Wir Erwachsene schenken uns nichts Materielles, wir schenken uns das Leben. Wir nutzen während des Jahres immer mal wieder die Möglichkeit, etwas für uns zu tun. Für die Kinder haben wir etwas, die werden alle dementsprechend beschenkt.
Haben Sie über die Feiertage Rituale, die Sie pflegen?
Die Zeit läuft so ab, wenn man das als Ritual betrachten möchte, dass an Heiligabend die Familie an sich im Hause Anfang feiert. Da ist der Tisch voll, da ist schon was los. Das sind 17, 18 Personen, das ist schön. Am Tag danach besuchen wir in der Regel die Schwiegereltern. Dann haben wir die Familie durch und am zweiten Feiertag kommen die Paten.
Geschenke sind ein gutes Stichwort, wenn man auf das letzte FCK-Spiel am Sonntag schaut. Wie viele Freunde, Kumpels oder solche, die glauben, es zu sein, haben Sie um eine Karte für das Spiel gegen den 1. FC Köln gebeten?
Das kann ich gar nicht genau sagen, aber es waren wirklich viele. Aber ich konnte nicht alle Wünsche bedienen. Unser Stadion ist immer voll, der Heimbereich oft ausverkauft. Meine Kinder kommen mit ihren Partnern, mein Cousin und noch ein paar Freunde werden im Stadion sein. Mehr Karten hatte ich nicht zur Verfügung.
Eine Nachfrage dazu: Sitzen die mit einem Köln-Schal auf der Tribüne?
Die, die kommen werden, sind, wenn ich das so sagen kann, Fans von mir. Die wünschen sich, dass ich die Punkte hole und gewinne. Natürlich gibt es den ein oder anderen, der mit dem Eff-Zeh sympathisiert, aber die haben gesagt: Am Sonntag können wir nur gewinnen.
Welche Emotionen spüren Sie persönlich vor dem Duell gegen den Klub aus Ihrer Heimatstadt Köln? Es geht gegen ihren Herzensklub.
Ich würde das nicht als Herzensklub bezeichnen. Köln ist meine Heimat. Wenn du als Kölner durch die Stadt gehst, dann ist der 1. FC Köln zwangsläufig präsent. Du kannst kölsche Lieder singen, du kannst Kölsch trinken und du kannst Kölsch fühlen, und der 1. FC Köln ist ganz viel fühlen. Der Klub gehört zur Stadt wie der Dom zu Köln gehört. Als Kölner bin ich irgendwo mit diesem Klub verbunden.
Sie waren nicht als Spieler, aber als Trainer für den 1. FC Köln aktiv.
Ich muss sagen, dass ich die Zeit, die ich als Trainer in Köln verbringen durfte, als Privileg empfunden habe. Es ist besonders, wenn man als Kölner in seiner Heimat den Verein übernehmen darf. Ich habe es damals geschafft, den Klub zurück in die Bundesliga zu führen. Für mich war damals jedes Spiel ein besonderes. Es gab aber auch schwere Momente.
Welche Momente meinen Sie?
Ich hätte fast meinen Vater verloren. Er ist vor einem Nachholspiel im April 2019 in Duisburg wegen eines schweren Herzinfarktes umgefallen. Er wurde neun Mal wiederbelebt. Er hat überlebt, zum Glück, sich aber nie wieder komplett davon erholt. Ich habe das damals nach dem Spiel erfahren und bin sofort ins Krankenhaus gefahren. Mein Vater war mehr tot als lebendig. Dieses negative Erlebnis verbinde ich leider auch mit meiner Zeit als Trainer beim 1. FC Köln. Hinzu kam, dass an dem Tag, als mein Vater aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ich vom Klub entlassen wurde.
So etwas bleibt sicher haften.
Natürlich, aber zurück zur Gegenwart. Jetzt bin ich Trainer des 1. FC Kaiserslautern und habe ein Ligaspiel, das ich unbedingt gewinnen will. Darauf konzentriere ich mich, weil das sehr wichtig ist, gerade nach dem Spiel in Darmstadt. Wir wollen eine gute Reaktion zeigen, wir wollen beweisen, dass wir dieses Erlebnis gut verarbeitet haben. Das ist entscheidend.
Nach dem bitteren 1:5 in Darmstadt: Könnte eine weitere Niederlage die Stimmung zum Ende der Hinrunde eintrüben…
Wir wollen beweisen, dass wir ein richtig gutes Heimspiel machen können, dass wir die Hinrunde so beenden, wie wir sie über weite Strecken bestritten haben. Wir wollen unsere Fans begeistern und eine gute Atmosphäre schaffen. Das könnte uns mit einem Dreier gelingen. Insgesamt sollten wir die Betrachtung der Hinrunde nicht isoliert von einem Ergebnis zum Schluss abhängig machen. Wir haben in den allermeisten Spielen gezeigt, dass wir in die Punkte kommen können. Wir haben die Partien so gestaltet, dass wir die Chance hatten, zu punkten. Das ist uns jetzt in Darmstadt nicht gelungen, aber da wollen wir jetzt noch mal gegen Köln ein Zeichen setzen.
Okay, dann losgelöst vom Ergebnis gegen Köln: War es aus Ihrer Sicht eine ordentliche oder eine gute Hinrunde?
Ich finde, dass wir es in den meisten Spielen ordentlich gemacht haben, aber auch noch Luft nach oben haben. Wir haben es phasenweise gut gemacht, aber im Schnitt würde ich sagen, es war ordentlich. Ich denke, insgesamt können wir mit der Hinrunde gut leben. Wir haben mindestens 26 Punkte geholt und wollen noch mehr.
Mit welcher Vorgabe werden Sie in die Rückrunde starten, welche Ziele gibt es?
Wir wollen besser werden. Das steht über allem. Wir wollen inhaltlich besser werden, das muss der Anspruch von jedem Spieler sein. Wer sich weiterentwickeln will, muss besser werden. Das versuchen wir den Jungs an jedem Trainingstag zu vermitteln. Es wird darum gehen, dass wir eine gewisse Selbstverständlichkeit reinbringen, damit uns das, was in Darmstadt geschehen ist, künftig nicht mehr passiert.
Sehen Sie in Ihrer Mannschaft, bei den einzelnen Spielern, ausreichend Potenziale, um sich verbessern zu können?
Ich bin der Meinung, fast jeder Fußballer hat das Potenzial besser zu werden. Die Frage ist, wie bereit jeder Einzelne ist, an sich zu arbeiten.
Ist die Bereitschaft bei Ihren Spielern vorhanden?
Ja, ich glaube, dass wir noch Potenzial haben. Das ist eine Mentalitätssache, eine Frage des Willens und der Bereitschaft, diesen Willen an den Tag zu legen. Diese Bereitschaft, dich weiterzuentwickeln, brauchst du permanent. Wir hatten in der Hinrunde schon schwere Phasen, deshalb bin ich optimistisch, dass die Spieler bereit sind, an sich zu arbeiten und sich zu entwickeln.
Können Sie das an einem Beispiel klar machen?
Nehmen wir zum Beispiel Daniel Hanslik. Er hat eine extrem hohe intrinsische Motivation und eine dementsprechende Bereitschaft und Mentalität, alles dafür zu tun, sein Potenzial abzurufen. Der tut alles dafür, um seine beste Leistung abzurufen. Mit seinem Willen gelingt es ihm, sein Leistungslevel fast immer zu erreichen. Wenn das jeder Spieler wie Daniel Hanslik macht, in jedem Training an jedem Tag, dann werden wir besser.
Nicht nur die Spieler sollen besser werden, sondern auch die Trainer. Aus welchem Moment haben Sie in den zurückliegenden Monaten gelernt?
Es gab mehrere Momente, nicht nur einen, glaube ich. Wir hatten gerade vor dem Spiel gegen Paderborn die Situation, dass wir vor der Frage standen, ob wir die Mannschaft umbauen sollen aufgrund von Ausfällen, oder wir Spielern das Vertrauen geben, die bis dahin weniger eine Rolle gespielt hatten. Da wirst du manchmal zu deinem Glück gezwungen. Du siehst das Potenzial in einem Spieler, weißt aber nicht, ob er schon so weit ist. Dann entscheidest du dich, den Spieler reinzuwerfen und lernst, dass es ein guter Zeitpunkt war. Diese Phase vor dem Spiel gegen Paderborn, da habe ich am meisten gelernt.
Ein paar Tage vor Weihnachten darf sich der FCK-Trainer einen neuen Spieler wünschen. Auf welcher Position würden Sie aktiv werden, Herr Anfang?
Das wäre unabhängig von der Position ein Spieler, der eine hohe intrinsische Motivation hat, der viel Qualität und die Fähigkeit hat, die Mannschaft zu führen. Wenn wir einen Spieler bekommen könnten, der auf dem Platz in schwierigen Momenten die Führung übernimmt, würde ich den holen wollen. Das würde uns gut tun. Ich finde, dass wir Spieler in der Mannschaft haben, die das grundsätzlich können, aber zu wenig zeigen.
Zum Abschluss, wenn Sie sich kurz vor dem Jahreswechsel etwas wünschen dürfen, was über den FCK und den Fußball hinausgeht. Was wäre das?
Das ist einfach. Viele Menschen haben tausende Wünsche, aber Menschen, die nicht gesund sind, haben nur einen einzigen. Ich wünsche mir Gesundheit, für mich persönlich und für alle Menschen in meinem Umfeld. Denn ohne Gesundheit ist alles andere nichts, sie ist das Elementare im Leben.
