1. FC Kaiserslautern
FCK-Coach Friedhelm Funkel im Interview: „Fußball ist für mich die pure Lust“
Was hat Ihre Frau eigentlich gesagt, als Sie mit der Idee um die Ecke kamen, Trainer beim 1. FC Kaiserslautern werden zu wollen?
Sie fand es grundsätzlich gut, dass ich wieder etwas mache. Sie hätte es lieber gehabt, wenn ich abends nach dem Training nach Hause kommen würde. Aber das geht nun nicht und das versteht sie. Das kriegen wir schon hin.
Wo sind Sie untergekommen?
Ich bin in Kaiserslautern in einem Hotel, das ich von früher kenne, und es kann durchaus sein, dass ich die gesamte Zeit über dort wohnen bleibe. Es gibt ein paar größere Zimmer, darüber habe ich mit dem Hotelchef schon gesprochen. Die Unterbringung im Hotel kommt mir auch insofern entgegen, dass ich dort rundum bestens versorgt bin. Ich bin zum Beispiel froh, dass ich nicht einkaufen und mir das Frühstück machen muss. Das mache ich zu Hause, da habe ich diese Rolle, aber hier muss das nicht sein
Hatten Sie schon Zeit, Kaiserslautern zu erkunden?
Nein, noch keine Minute. Aber ich habe vor, heute Abend mit meinem Co-Trainer Matthias Lust in Kaiserslautern essen zu gehen. Ich habe gehört, dass es die Pizzeria Firenze noch gibt. Da war ich vor 40 Jahren schon. Ich glaube, das wird immer noch von Francesco geführt. Da bin ich mal gespannt, wie er reagiert, wenn der mich nach so langer Zeit wieder sieht.
Zurück zu Ihrer Frau, hat Sie Ihnen die Freigabe nur bis Ende Mai gegeben?
Nicht nur meine Frau, sondern auch ich. Es steht fest, dass ich die Aufgabe hier bis zum letzten Spieltag dieser Saison mache, wann immer der auch sein mag. So habe ich das auch mit Thomas Hengen besprochen. Der FCK kann in Ruhe nach einem Nachfolger suchen und für mich ist die Mission dann beendet.
Gibt es eine Hintertür?
Nein, nein, die gibt es nicht. Ich werde danach wieder etwas mehr Ruhe brauchen, weil der Job nervenaufreibend ist. Ab einem gewissen Alter ist es schwierig, so einen Job über einen ganz langen Zeitraum zu machen. Ich bin froh, dass ich gesund bin und mit den Jungs auf dem Trainingsplatz zu stehen, macht unheimlich viel Spaß, das ist Wahnsinn. Viele Leute, die mich kennen, können nicht verstehen, warum ich das mache. Allerdings können die Menschen, die mich sehr gut kennen, nachvollziehen, was ich jetzt denke und fühle. Fußball ist ein ganz, ganz großer Teil meines Lebens. Wenn das nicht so wäre, würde ich das nicht mehr machen. Ich habe diesen Nervenkitzel am Sonntag in Nürnberg wieder gespürt. Je näher es zum Anstoß kam, spürte man eine Anspannung, die sich legte, als der Schiedsrichter angepfiffen hat.
Das klingt ein bisschen wie die Sucht nach der Droge Fußball …
Die Worte Droge oder Sucht möchte ich nicht benutzen, es ist einfach die pure Freude und die pure Lust.
Sind es Glückshormone, die Ihren Körper durchströmen?
Das wäre schön, wenn es immer nur Glückshormone wären. Es kommen vielleicht auch andere Situationen, das weiß ja niemand. Hoffentlich haben wir ein bisschen Glück. Nochmal, es ist einfach die Freude am Fußball, die ich spüre, seit ich als Junge angefangen habe, zu kicken. Damals hat man nicht im Entferntesten daran gedacht, Profi oder danach Trainer zu werden, und das ganze 50 Jahre lang beruflich zu machen. Aber ich habe es geschafft.
Es gibt keinen Menschen, der in Deutschland mehr Spiele als Profi und Trainer absolviert hat, Sie sind Rekordhalter vor Otto Rehhagel, einer Legende in der Pfalz. Was bedeutet Ihnen diese Bestleistung?
Das ist eine außergewöhnliche Leistung. Dafür braucht man viel Glück, dass man gesund bleibt. Ich hatte als Spieler nur eine schwere Verletzung. Das war in meiner Zeit beim FCK, da habe ich mir 1982 die Achillessehne gerissen. Ich habe jetzt gelesen, dass es als Trainer schon knapp 1000 Spiele sind. Das macht mich schon ein bisschen stolz.
Von dieser Zeit, Sie verkörpern ein halbes Jahrhundert Profifußball in Deutschland, zur Gegenwart. Stehen bei Ihnen in der Trainerkabine Laptops?
Ja, natürlich. Wenn ich mal kurz überlege, stehen da ein, zwei, drei Laptops. Der Vierte, der da noch sitzt, bin dann ich.
Sie haben sich in der Vergangenheit in Interviews zum Teil kritisch zu Entwicklungen in ihren Beruf geäußert …
Das muss ich ein Stück weit korrigieren. Das Nutzen moderner Technik gehört dazu und ich wäre doof, wenn ich das nicht auch machen würde. Ich tue das nur nicht so ausführlich wie die Kollegen in meinem Trainerstab, ich schaue da aber schon drauf. Laptops gehören dazu, aber ich meine, dass es manchmal übertrieben wird. Wenn ich mal überlege, wie wir das früher gemacht haben, das hat Stunden gedauert. Wenn man da vom Gegner ein Video zusammenstellen wollte, musste man zwei VHS-Videorekorder nebeneinanderstellen. Hier auf Aufnahme drücken, dann da wieder auf Stopp, dann zurückspulen und so weiter. Da ist das heute einfacher, da geht das gefühlt in fünf Minuten. Zudem gibt es Spielanalysten, die diese Aufgabe den Trainern abnehmen.
Wie setzt sich der Trainer Friedhelm Funkel in seinem Tun ab?
Ich verlasse mich sehr auf mein Auge. Ich glaube, dass ich viel erkennen kann durch meine langjährige Arbeit. Hinzu kommt das Bauchgefühl, das ist ganz, ganz wichtig. Und schließlich verlasse ich mich auf die Erfahrungen, die ich in der ganzen Zeit gesammelt habe.
In Kaiserslautern erweitern Sie gerade Ihren Erfahrungsschatz. Sprechen wir über den FCK. Ist die Mannschaft fit?
Wir sind am Wochenende in Nürnberg 121 Kilometer gelaufen, das ist eine ordentliche Leistung. Ich hoffe, dass das nicht nur deshalb so war, weil ein neuer Trainer da war. Wir wollen das in den kommenden Wochen auch so hinbekommen. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, ich kann diese Frage noch nicht zu 100 Prozent beantworten, das kann ich erst in zwei, drei Wochen.
Ist man da in erster Linie als Fußballlehrender oder als Psychologe gefragt, wenn man als Trainer eine Mannschaft im Abstiegskampf übernimmt?
Beides ist wichtig. Du musst fußballerisch eine gewisse Stabilität reinkriegen. Beim FCK geht es darum, besonders die Defensive zu verbessern, um dann gute Umschaltmomente zu kreieren. Daneben muss man versuchen, mit den Jungs zu sprechen, sie zu stärken. Es geht darum, ihnen positive Dinge mitzugeben. Jeder darf Fehler machen, das habe ich ihnen auch gesagt. Sie sollen nur nicht die gleichen Fehler zwei, drei oder vier Mal machen.
Wie geht man eigentlich mit einer Gruppe Fußballer um, wenn man zum Teil der Großvater der Spieler sein könnte?
(lacht) Zum Glück fühle ich mich nicht so. Dass man nicht alles gut findet, was die jungen Menschen machen, welche Musik sie hören zum Beispiel, liegt in der Natur der Sache. Aber das ist nicht schlimm, solange ich nicht das Gefühl habe, dass es für uns als Mannschaft störend wirkt. Welche Muster sich die Spieler auf die Haut tätowieren lassen, ist mir egal. Respekt, Pünktlichkeit und Ordnung müssen eingehalten werden, da gibt es keine Toleranz. In diesen Punkten gibt es bislang keinen Grund zur Kritik.
Werden Sie von den Spielern gesiezt oder geduzt?
Die Spieler haben mich bisher noch nicht gefragt, sie gehen damit sehr respektvoll um. Ich bin bisher immer gesiezt worden.
Und umgekehrt?
Ich duze die Spieler, ich kann sie ja nicht siezen. Ich hatte einen einzigen Trainer, der uns gesiezt hat. Das war hier in meiner FCK-Zeit Dietrich Weise. Ich muss einen Spieler auch mal anschnauzen, ihm die Meinung sagen. Wie würde sich das denn anhören, wenn ich dann „Sie“ sage? Das bin ich nicht, ich bin nahbarer und versuche, auf die Spieler zuzugehen.
Sie sind eine Woche als Cheftrainer des FCK im Amt und haben zu Beginn betont, daran zu glauben, die Roten Teufel retten zu können. Ist dieser Glaube seither größer geworden?
Der Glaube, dass wir es schaffen, ist da. Sonst hätte ich die Aufgabe nicht übernommen. Aber es kann bis zum letzten Spieltag dauern, das weiß ich.
Zur Person
Friedhelm Funkel wurde am 10. Dezember 1953 in Neuss geboren.
In seiner Zeit als Profi spielte er zwei Mal für Bayer 05 Uerdingen (1973 bis 1980, 1983 bis 1990) und dazwischen drei Jahre für den 1. FC Kaiserslautern. Für die Roten Teufel stand er in 89 Pflichtspielen auf dem Platz, in denen er 33 Treffer erzielte.
Nach der aktiven Karriere wechselte der einstige offensive Mittelfeldspieler ins Trainergeschäft. Zwischen 1991 und 2021 arbeitete Funkel für elf verschiedene deutsche Profiklubs. Die längste Zeit blieb er bei Bayer 05 Uerdingen/KFC Uerdingen (1991 bis 1996), Eintracht Frankfurt (2004 bis 2009) und Fortuna Düsseldorf (2016 bis 2020). Ehe er am 14. Februar 2024 beim 1. FC Kaiserslautern als Trainer bis zum Saisonende einsprang, hatte er beim 1. FC Köln eine ähnliche Aufgabe erfolgreich absolviert. Im Frühjahr 2021 rettete er den „Eff-Zeh“ vor dem Abstieg aus der Bundesliga.
Funkel ist zum zweiten Mal verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und vier Enkelkinder. Er lebt mit seiner Frau in Krefeld.
