1. FC Kaiserslautern
FCK-Bilanz: Drei Trainer, zwei Gesichter, ein furioses Finale
Zum Saisonende hin folgten die verbalen Rundumschläge im Wochentakt. Thomas Hengen, Geschäftsführer des 1. FC Kaiserslautern, wählte nach den Heimspielen gegen Wehen Wiesbaden und Eintracht Braunschweig sowie nach der Partie bei der Berliner Hertha drastische Worte für das Auftreten der Mannschaft in der Zweiten Bundesliga. Er sprach von „Hosenscheißer-Fußball“, von Egoismen in der Mannschaft, vom zu extremen Umfeld Betzenberg. Der Bannstrahl des FCK-Chefs traf Medien, Fans, Mannschaft, Trainer, im Grund alle – Hengen selbst und sein in die Kritik geratener Technischer Direktor Enis Hajri kamen aber in der Schelte nicht vor.
Hengen, sonst ein besonnener Mensch, wirkte auf der Zielgeraden der Saison dünnhäutig. Der Druck war enorm – von außen und auch von innen. Der FCK kämpfte seit Monaten gegen den Abstieg. Die Dritte Liga rückte immer näher. Das deckte sich nicht mit dem Anspruch der Investoren. Sie wollen den Klub vielmehr in der Bundesliga spielen sehen – je früher, desto besser. Zudem wäre bei einem Abstieg ihr Millionen-Invest nur noch ein Bruchteil wert gewesen. Auf der anderen Seite verzückte der FCK seine Fans im DFB-Pokal-Wettbewerb. Dort zog der Klub zum achten Mal in der Vereinsgeschichte ins Endspiel ein. Im Pokal sozusagen oh là là – in der Liga so lala.
Dabei sah es zur Halbzeit der Hinrunde noch vielversprechend aus. Nach einem Trainingslager in den USA legte der FCK gut los und war nach dem 3:1-Erfolg gegen Hannover 96 am neunten Spieltag für eine Nacht Tabellenführer. Danach begann der freie Fall. Doch warum? War es der Flaschenwurf im Spiel gegen Düsseldorf? Der FCK führte 3:0, als Ragnar Ache ein Plastikbehältnis am Kopf traf. Der FCK-Stürmer rappelte sich auf und spielte weiter. Ein Fehler, wie sich Minuten später herausstellen sollte. Ache riss sich bei der Landung nach einem Kopfball mehrere Bänder im Sprunggelenk und fiel für Wochen aus. Der FCK verlor die Partie noch mit 3:4. Marlon Ritter sagte Monate später, dass dieses Spiel ein Knackpunkt gewesen sei.
Es war auch im Nachhinein der Anfang vom Ende für das Trainerduo Dirk Schuster und Sascha Franz. Anfang Dezember trennte sich der FCK von beiden. Was niemand ahnte: Ihr von Beginn an bei den Fans umstrittener Nachfolger Dimitrios Grammozis stürzte den FCK tiefer in die Krise. Hengen musste wieder handeln.
Nach der 1:2-Niederlage gegen Paderborn am 10. Februar drohte die angespannte Lage auf dem Betzenberg zu eskalieren. Es kam Friedhelm Funkel. Dem Vernehmen nach war er der Wunschkandidat der Gremien. Funkel wurde zum Retter. Mit seiner unerschütterlichen Zuversicht brachte er dem Team den Glauben zurück. Der Fußball-Lehrer einte eine Ansammlung von Ich-AGs, von Egozentrikern. Funkel sagte es nie direkt, dass es in der Mannschaft nicht stimmte. Das war nicht seine Art. Er drückte es diplomatischer aus. „Es war nicht einfach, die Mannschaft zu trainieren“, sagte er. Aber beim Empfang der Stadt Kaiserslautern nach dem Pokalfinale am Sonntag wählte Funkel für seine Verhältnisse harte Worte. Es kam einer Abrechnung gleich. Seine Kritik hatte Funkel zuvor schon intern geäußert. Dem scheidenden Trainer glückte seine Mission. Er rettete den Verein vor dem Abstieg. Der FCK beendete die Saison auf dem 13. Tabellenplatz mit 39 Punkten. „Es war eine harte Saison für alle Beteiligten“, gab Hengen zu.
Für die FCK-Fans ist Enis Hajri der Sündenbock
Es war aber auch nicht so, dass Hengen tatenlos zusah. Im Winter verpflichtete der Verein mehrere Spieler. Nur der Tscheche Filip Kaloc erwies sich als Verstärkung. Das Umfeld und die Fans deuteten für die anderen mutmaßlichen Fehlgriffe Enis Hajri als Sündenbock heraus. Zweimal forderten sie auf Bannern den Rauswurf des Technischen Direktors. Hengen aber ließ sich von den Fans nicht treiben. „Wir hatten Korrekturen vornehmen müssen, da es um den Verein ging. Das Team, aber auch die etablierten Spieler haben nicht performed, warum auch immer. Wir mussten irgendwo ansetzen“, sagte Hengen. Die Absicht war, den Konkurrenzkampf zu erhöhen. Durch die Neuverpflichtungen veränderte sich aber die Statik im Team. Auch die Stimmung?
Die Probleme wurden nicht gelöst. Die Defensive gehörte zu den schlechtesten in der Liga. Und der FCK brach nach der Halbzeit regelmäßig ein. In der Tabelle nach den ersten 45 Minuten steht der FCK punktgleich mit St. Pauli und Hertha BSC ganz oben mit 62 Zählern. Das Tableau der zweiten Halbzeit führt den FCK auf Rang 17. War die Mannschaft nicht fit? Hengen stichelte in diese Richtung, indem er immer wieder die schwankende und durchwachsene Laufleistung des FCK in den Partien kritisierte.
Das war auch beim Saisonhöhepunkt zu erkennen. Im DFB-Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen war die Mannschaft nach 70 Minuten ausgelaugt, obwohl sie gute 50 Minuten in Überzahl spielte. Der Einzug bis ins Endspiel hat dem FCK nicht nur gute zwölf Millionen Euro in die Vereinskasse gespült. Das Wochenende in Berlin mit geschätzten 40.000 FCK-Fans brachte dem FCK Sympathiepunkte ein. Es zeigte zudem, welche Strahlkraft der viermalige deutsche Meister immer noch besitzt. 43.941 Zuschauer kamen im Schnitt zu den Heimspielen des FCK – der zweitbeste Zuschauerschnitt in der FCK-Geschichte. Das verlorene Pokalendspiel darf die maue Saison nicht übertünchen. Hengens verbale Rundumschläge sollten nicht nur Denkanstöße, sie sollten eine Warnung sein, dass ein „Weiter-so“ keine Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft darstellt.
