1. FC Kaiserslautern
Du Toni, ich Gerry: Torwart-Tarzan im Doppelpack
Die Kölner Mentalität war dem jungen Gerry Ehrmann fremd. Ehrmann ist 18 Jahre alt, als er 1977 beim großen 1. FC Köln seinen Profivertrag unterschreibt. Dem aus Tauberbischofsheim stammenden Torhüter ist die Kölner Lebensart, das Flachsen, das auf den Arm Nehmen nicht geheuer. Als Jungspund im Profiteam des „Eff-Zeh“ nehmen ihn die Arrivierten aufs Korn. Schließlich wimmelt es im Kölner Kader nur so von großen Namen. Toni Schumacher, Harald Konopka, Herbert Zimmermann, Heinz Flohe, Wolfgang Weber, Bernd Cullmann, Hannes Löhr, Herbert Neumann – Ehrmann zählt sie heute auf, als sei es gestern gewesen.
Die Sperenzien hören abrupt auf. Dafür sorgt Ehrmann in seiner unnachahmlichen Art. Sechs Wochen nachdem Ehrmann in Köln Profi wird, sitzt er mit Bernd Cullmann und Herbert Neumann im Entmüdungsbecken. Die beiden striezen den jungen Torhüter – die kölsche Mentalität. Ehrmann packt beide im Nacken und tunkt sie. Es sind eine Zeit lang nur noch die Füße von Cullmann und Neumann zu sehen. Von da an ist Ehrmann nicht mehr der junge, schüchterne Bub, sondern akzeptiert im Team.
Für ihn ist es ein Wendepunkt – ein Schlüsselerlebnis, das sein Leben bis heute begleitet. Denn Ehrmann lernt, was es heißt, professionell zu arbeiten und zu leben. „Ich versuchte immer, vorne dabei zu sein, der Beste zu sein“, sagt Ehrmann im Gespräch mit dieser Zeitung: „Das prägte mich, so bin ich groß geworden.“
Zwei Keeper, eine Liebe: Kraftraum
Diese Professionalität und Ernsthaftigkeit, mit der Ehrmann fortan durchs Leben schreitet, wird durch die beiden Trainer, die Ehrmann beim 1. FC Köln hat, und den Zweikampf mit Toni Schumacher geprägt. Schumacher ist zu diesem Zeitpunkt einer der besten Torhüter der Welt. Und Hennes Weisweiler (1976 bis April 1980 FC-Trainer) sowie dessen Nachfolger Rinus Michels (1980 bis 1983) sind zwei Autoritätspersonen. „Da weißt du, was los ist“, sagt Ehrmann.
Hinter Toni Schumacher reift Ehrmann zu einem erstklassigen Torhüter. Beide sind extrem ehrgeizig. Sie gehen fast täglich in den Kraftraum – zusätzlich zum zweimaligen Training am Tag. „Wir haben Wettbewerbe gemacht, wer am meisten packt: Klimmzüge, Langhantel oder Situps. Im Kraftraum war Gerry ein Tarzan, so wie ich. Wir hatten ein richtig gutes Verhältnis“, sagt Schumacher im Gespräch mit dieser Zeitung: „Gerry war sehr ehrgeizig, sehr zielstrebig. Dass ich letztendlich so gut gewesen bin, hat damit zu tun, dass er ein großartiger zweiter Mann war. Er pushte immer, und zwar mit offenem Visier.“
Schumacher und Ehrmann freunden sich an. Als junger Keeper wohnt Ehrmann zusammen mit Bernd Schuster und Holger Willmer zunächst bei einer Familie in Köln. Später bezieht er seine eigene Wohnung – direkt neben dem Haus von Schumacher. Das Kölner Torhütergespann ist gefürchtet im Team. In Trainingsspielen schnauben die Feldspieler. „Sie konnten sich aussuchen, ob sie bei mir oder bei Gerry im Team sein wollten. Egal, wo sie spielten, stand ein Verrückter im Tor und Gerry hasste Gegentore“, erzählt Schumacher. Für Ehrmann war jedes Gegentor eine persönliche Niederlage.
Der überragende Auftritt in Mannheim
Sieben Jahre arbeiten Schumacher und Ehrmann auf höchstem Niveau zusammen – immer respektvoll, immer freundschaftlich. Für Ehrmann ist es keine einfache Situation. 231 Spiele absolviert Schumacher in Folge. „Er war nie krank oder verletzt“, sagt Ehrmann. Er wird mit Köln 1977 Pokalsieger und ein Jahr später gar Meister und Pokalsieger – allerdings ohne zu spielen. Ehrmann lernt, was es heißt, geduldig sowie demütig zu bleiben. „Man musste ihn nie aufbauen“, sagt Schumacher: „Gerry war immer motiviert. Er haute sich immer rein.“
Weil Schumacher Jahre später einmal für eine Bundesliga-Partie vereinsintern gesperrt wird, absolviert Ehrmann sein einziges Spiel von Beginn an für Köln. Beim 2:2 beim SV Waldhof Mannheim steht er am 10. September 1983 im Ludwigshafener Südweststadion zwischen den Pfosten – und hält überragend. Der 1. FC Kaiserslautern will ihn daraufhin verpflichten, doch der 1. FC Köln will eine Million Mark an Ablöse. Letztendlich wechselt Ehrmann 1984 zum FCK – für 500.000 Mark. „Als Gerry ging, verlor ich ein Stück meines Fußballerlebens“, sagt Schumacher: „Er gehörte einfach dazu. Wir haben alles zusammen gemacht. Wir waren Zwillinge, wir waren zwei Verrückte.“
Wertschätzung, die imponiert
Beim 1. FC Köln legt Gerry Ehrmann das Fundament für seine einzigartige spätere Laufbahn. Noch heute bekommt er jedes Jahr zu seinem Geburtstag einen Blumenstrauß inklusive unterschriebener Karte vom FC-Präsidium. Außerdem wird Ehrmann samt Gattin jährlich zu einem Spiel oder einer Karnevalssitzung eingeladen. „Dabei war ich nur Ersatztorwart“, sagt er. Die Wertschätzung, die der 1. FC Köln ihm und anderen mit diesem stilvollen Vorgehen entgegenbringt, imponiert Ehrmann. „Gerry sagte zuletzt zweimal ab. Das nächste Mal wird es teuer für ihn“, scherzt Schumacher .
Am Sonntag wird Ehrmann auf dem Betzenberg sein, wenn der 1. FC Kaiserslautern den 1. FC Köln zum letzten Spiel in diesem Kalenderjahr in der Zweiten Fußball-Bundesliga empfängt (13.30 Uhr, Liveblog auf rheinpfalz.de). Er wird für 40 Jahre Mitgliedschaft geehrt. „Köln und der FCK sind die beiden Vereine, an denen mein Herz hängt“, sagt Ehrmann: „Natürlich identifiziere ich mich mit dem FCK noch mehr. Ich bin 40 Jahre beim FCK, mehr als das halbe Leben.“
Der „Abgang des Fabrikanten“
Beim 1. FC Kaiserslautern wird er zur Ikone des Vereins. Er wird mit dem Klub Pokalsieger und deutscher Meister. 301 Spiele absolviert Ehrmann für die Roten Teufel. Er wird zum Liebling der Fans, zum Helden der Westkurve. Es ist seine Art, die ihn unvergesslich macht. Ehrmann gibt immer alles, ob im Spiel oder im Training. Er rasiert schon mal den einen oder anderen Feldspieler in den Übungseinheiten. Ehrmann setzt die Philosophie, die er beim 1. FC Köln vorgelebt bekam, beim FCK fort – professionell sein, mit Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit zur Sache gehen.
Dies trichtert er später vielen jungen Torhütern ein. Nach seiner Laufbahn wird Ehrmann 1996 Torwarttrainer. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ tituliert eine Geschichte über Ehrmanns Methoden mit „Abgang des Fabrikanten“. Ehrmann muss 2020 gehen, weil der damalige Trainer Boris Schommers nicht mehr mit ihm arbeiten will. Der Coach begründet dies mit fadenscheinigen und wie sich später herausstellt haltlosen Vorwürfen.
Trapps besonderes Tattoo
Ehrmann und der FCK einigen sich außergerichtlich. Das Kapitel nagt an Ehrmann. Denn er hat dem FCK nie geschadet. Vielmehr brachte er reihenweise Top-Torhüter heraus – wie in einer Fabrik. Roman Weidenfeller, Kevin Trapp, Marius Müller, Tim Wiese, Tobias Sippel, Florian Fromlowitz, Julian Pollersbeck, Luis Robels oder Lennart Grill. Sie alle lernen in der Ehrmann-Schule Werte fürs Leben, für ihre Laufbahn: Furchtlosigkeit, Entschlossenheit, Authentizität, Glaubwürdigkeit. „Ich mache mit meinen Torhüter das, was ich damals durchlebt habe“, sagt Ehrmann: „Als Torhüter musst du ein gewisser Typ sein, ruhig und besonnen, in manchen Situationen aggressiv und entschlossen. Du musst verantwortungsbewusst sein. Ich wollte jedes Trainingsspiel, jeden Sprint, jeden längeren Lauf gewinnen. Ich habe immer alles gegeben, ob es gereicht hat oder nicht. Das verlange ich auch von meinen Torhütern. Diesen unbedingten Siegeswillen versuche ich zu vermitteln. Es ist hier kein Aktivurlaub.“
Nationaltorhüter Kevin Trapp trägt einen Leitsatz Ehrmanns auf ewig mit sich. Er hat sich den Spruch „Sieger zweifeln nicht, Zweifler siegen nicht“ am Handgelenk tätowieren lassen.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.
