Unternehmen
Das Schweigen der BASF und der große Stellenabbau
Die Mitteilung, die die BASF verschickte, fällt knapp aus. Doch sie markiert das Ende einer jahrzehntelang gepflegten Praxis transparenter Kommunikation über die Beschäftigung am Standort Ludwigshafen. Der Chemiekonzern hatte zur Vorlage seiner Quartalszahlen stets und sehr detailliert darüber informiert, wie viele Beschäftigte er im Stammwerk und dem etwas weiter gefassten Standort Ludwigshafen zählt. Das werde ab sofort eingestellt, schreibt die BASF. Informationen über den Personalstand gebe jetzt „transparent einmal jährlich“ im Unternehmensbericht. Und da auch nur noch für die BASF SE, die weitgehend deckungsgleich ist mit dem Stammwerk. Also nicht mehr für den Standort Ludwigshafen. Doch diese beiden Angaben unterscheiden sich erheblich.
Das Stammwerk zählte 33.684 Beschäftigte Ende September 2024 – als zum letzten Mal Angaben dazu gemacht wurden. Am Standort Ludwigshafen, zu dem neben dem Stammwerk weitere BASF-Gruppengesellschaften gehören, waren es 38.221 Beschäftigte. Das waren mehr als 700 Stellen weniger als zwölf Monate zuvor.
„Klare Informationsquelle“
Obwohl der BASF-Vorstand immer wieder betont hat, dass ihm eine transparente und wertschätzende Kommunikation am Standort besonders wichtig ist, soll es zumindest bei der Beschäftigung nun weniger Informationen geben und damit weniger Transparenz. Die BASF teilte mit, die Maßnahme steigere die Effizienz und schaffe eine „klare und konsolidierte Informationsquelle“.
Der BASF-Vorstand möchte offenbar gar nicht mehr so genau darüber informieren, wie sich die Beschäftigung am Standort Ludwigshafen entwickelt. Der Chemiekonzern steckt nämlich aktuell mitten im größten Personalabbau an seinem Heimatstandort seit Jahrzehnten. Der BASF-Chef Markus Kamieth hatte bereits im vergangenen Oktober verdeutlicht: Es bringe erst einmal überhaupt nichts, dabei eine Stellenzahl in Stein zu meißeln. Das richte den Blick nicht auf das, worauf es ankomme, nämlich die Kosten und die Wettbewerbsfähigkeit am Standort Ludwigshafen zu verbessern. Die BASF sagt bislang partout nicht, wie viele Arbeitsplätze am Standort Ludwigshafen bis Ende 2026 wegfallen sollen. Auch nicht ungefähr. Klar machte der BASF-Chef lediglich: Der geplante Stellenabbau werde nicht klein ausfallen.
Derzeit senkt der Konzern die Kosten am Standort gleich mit zwei Sparprogrammen. Beide sind mit einem Stellenabbau verbunden. Es geht zusammen um weit mehr als 1 Milliarden Euro, die alleine in Ludwigshafen eingespart werden sollen. Nur für das erste Programm, das seit 2023 läuft, war von Anfang an bekannt, dass unter dem Strich in Ludwigshafen 1800 Stellen wegfallen. Davon sind nach BASF-Angaben aktuell mehr als 80 Prozent abgebaut. Mit dem zweiten Programm, das im Februar 2024 angekündigt wurde, sollen die jährlichen Kosten allein in Ludwigshafen bis Ende 2026 um 1 Milliarde Euro gesenkt werden. Das Stammwerk war in den vergangenen Jahren tief in die roten Zahlen gerutscht. Die BASF SE, die weitgehend identisch ist mit dem Stammwerk, weist für 2023 beim Ergebnis der Betriebstätigkeit einen Verlust von 2,1 Milliarden Euro aus. Und die BASF stellt sich darauf ein, dass die europäische Chemieindustrie künftig nur noch moderat wachsen wird.
Plausible Hochrechnung
Kamieth hatte gesagt, dass ein Großteil dieser Einsparungen von 1 Milliarde Euro auf Personalkosten entfallen werde. Vorstandsmitglied Katja Scharpwinkel hatte im September und Oktober vergangenen Jahres ergänzt: 500 Millionen Euro der Einsparungen seien im Wesentlichen durch Stellenabbau zu erreichen. Daraus lässt sich allerdings folgern: Das würde einen Abbau von mehreren tausend Arbeitsplätzen in Ludwigshafen bedeuten.
Bei der Hochrechnung helfen Daten des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC) von Ende 2024. Demnach betragen die Gesamtarbeitskosten für Vollzeitbeschäftigte in der chemisch-pharmazeutischen Industrie 2023 durchschnittlich 102.706 Euro pro Kopf (davon Bruttojahresverdienst 77.981 Euro). Teilt man nun die 500 Millionen Euro Einsparungen, die wesentlich durch Stellenabbau erreicht werden sollen, durch diesen Wert, dann kommt man auf rechnerisch 4868 Vollzeitstellen, die verschwinden sollen. Dieser Wert kann sicher nur als Näherungswert für den Umfang des Stellenabbaus betrachtet werden. Er dürfte auch eher ein Maximalwert sein. Aber er erlaubt eine Orientierung über die Größenordnung des angestrebten Personalabbaus. Auf Anfrage teilte die BASF im November 2024 mit, diese Rechnung greife zu kurz und sei irreführend, die erwähnten 500 Millionen Euro entfielen nicht nur auf den Stellenabbau.
Nimmt man nun einen Abbau von 4000 Vollzeitstellen an, dann können damit gemessen an den durchschnittlichen Arbeitskosten 410 Millionen Euro eingespart werden. Das würde sich das auf jeden Fall mit der Aussage des BASF-Vorstandes decken, dass ein wesentlicher Teil der halben Milliarde an Einsparungen auf Personalkosten entfallen soll. Insofern erscheint die Aussage nicht unrealistisch, dass mit dem zweiten Sparprogramm durchaus 4000 Vollzeitstellen abgebaut werden könnten.
Zusammen mit dem ersten Sparprogramm, das den Abbau von 1800 Stellen in Ludwigshafen vorsieht, würde sich mit dieser vorsichtigen Abschätzung der angestrebte Abbau bis 2026 grob in der Größenordnung von 5000 bis 6000 Stellen bewegen. Das allerdings wäre der stärkste Stellenabbau am Heimatstandort seit zwei Jahrzehnten.
Für das Stammwerk gilt aktuell noch eine Standortvereinbarung, in der der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen vereinbart ist, allerdings nur bis Ende 2025. Derzeit verhandelt der BASF-Vorstand mit den Arbeitnehmervertretern über eine neue Standortvereinbarung. Hilfreich bei dem geplanten Arbeitsabbau ist sicherlich, dass derzeit jährlich rund 1000 Mitarbeiter am Standort Ludwigshafen in Ruhestand gehen. Das wird nach Angaben der BASF noch einige Jahre anhalten.
Infos scheibchenweise
Tatsächlich hat sich die Beschäftigung am Standort Ludwigshafen seit 2005 nicht sonderlich stark verändert. Damals zählte die BASF hier 37.030 Beschäftigte, Ende des dritten Quartals 2024 waren es 38.221. In den Jahren vor 2005 war es allerdings zum vermutlich größten Stellenabbau in der Geschichte der BASF gekommen – damals ebenfalls mit dem Ziel die Kosten am Standort Ludwigshafen zu senken und ihn wieder wettbewerbsfähig zu machen. Unter dem Vorstandsvorsitz von Jürgen Strube (1990 bis 2003) ging die Beschäftigung von rund 58.500 Stellen massiv um 20.000 Stellen nach unten.
Beobachter der Entwicklung damals kamen zu dem Schluss, dass dieser Abbau aus zwei Gründen ohne Panik oder Revolte unter den Mitarbeitern bewältigt wurde. Zum einen habe die BASF nicht zu betriebsbedingten Kündigungen gegriffen, sondern zu Vorruhestandsprogrammen. Auch wurden freiwerdende Stellen nicht wieder besetzt. Zum anderen sei es damals auch deshalb so ruhig geblieben, weil nie gesagt worden sei, wie viele Jobs am Ende wegfallen würden. Das sei nur scheibchenweise mitgeteilt worden. Derzeit sieht es so aus, als habe sich der BASF-Vorstand diese alte Kommunikationsstrategie wieder zu eigen gemacht.
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