Unternehmen
BASF am Wendepunkt: Der Chemiekonzern muss kämpfen
Die BASF stehe „an einem Wendepunkt“: So dramatisch kündigte BASF-Chef Markus Kamieth Ende September die neue Konzernstrategie an. Er sieht gar einen „Moment der Wahrheit“ gekommen. Der Chemiekonzern ist in schwieriges Fahrwasser geraten – insbesondere in Europa. 2023 ist der Umsatz abgesackt, das Betriebsergebnis eingebrochen. In den ersten neun Monaten 2024 waren Umsatz und Ergebnis weiter auf dem Rückzug. Das Stammwerk in Ludwigshafen ist weit in die roten Zahlen gerutscht.
Kamieth, der Ende April des vergangenen Jahres auf dem Chefsessel des Chemiekonzerns Platz genommen hat, betont zwar, die Chemieindustrie sei und bleibe eine attraktive Industrie. Und werde weiter wachsen. Aber, so führt er aus, die Wertschöpfung für die BASF-Aktionäre habe nicht den Erwartungen entsprochen – weder denen der Aktionäre, noch denen des Vorstandes. Deshalb, sagte Kamieth, ziele die neue Strategie ab auf Wertschöpfung für die Aktionäre.
Ein anderes Selbstverständnis
Mit ihr ändert die BASF auch ihr Selbstverständnis: Der Chemiekonzern sieht sich nun nicht mehr als ein breit diversifiziertes, integriertes Unternehmen, sondern unterscheidet nun Kerngeschäfte (core businesses) und eigenständige Geschäfte (standalone businesses). In den Kerngeschäften können demnach die Stärken der BASF-Verbundstandorte mit ihrer hochintegrierten Produktion ausgespielt werden. Kamieth glaubt, in den kommenden zehn Jahren lebe die Verbundphilosophie der BASF wieder auf – beflügelt von der grünen Transformation weltweit. Zu den Kerngeschäften zählt die BASF die vier Segmente Chemicals, Materials, Industrial Solutions und Nutrition & Care. Darauf entfallen grob 40 Milliarden Euro oder knapp 58 Prozent des Umsatzes 2023. Sie seien die „zentrale Stärke“ der BASF und blickten in eine sehr attraktive Zukunft.
„Andere Besitzstrukturen“
Dem stellt der Konzern Geschäfte gegenüber, die zunehmend eigenständig handeln sollen – 42 Prozent des Gesamtumsatzes. Sie seien sehr erfolgreich und sehr wettbewerbsfähig, unterschieden sich aber von den Kerngeschäften vor allem dadurch, dass sie auf ganz bestimmte Industriezweige ausgerichtet seien. Für diese vier „alleinstehenden“ Geschäfte hat der Chemiekonzern unterschiedliche Vorstellungen, „wohin die Reise geht“. Das Segment Agrarchemie (Agricultural Solutions) soll bis 2027 vollständig auf eigenen Füßen stehen und darauf vorbereitet sein, einen Minderheitenanteil an die Börse zu bringen. Für drei Divisionen im Segment Oberflächentechnologie (Surface Technologies) prüft die BASF bei Batteriematerialien eine Zusammenarbeit mit anderen, bei Lacken (Coatings) sucht sie nach strategischen Optionen der Wertsteigerung, was auch „andere Besitzstrukturen“ sein könnten; bei der bereits vollständig ausgegliederten Division Katalyse und Edelmetalle sei die BASF offen für „wertsteigernde Transaktionen“.
BASF-Chef Kamieth betont, es gehe nicht darum, die standalone businesses „loszuwerden“ oder damit Geld zu verdienen, sondern „einzig und allein darum, Werte zu schaffen“ für das Unternehmen und seine Aktionäre. Die BASF sei zu nichts gezwungen, denn alle diese Geschäfte liefen gut.
Hartes Sparprogramm
Das Stammwerk des Chemiekonzerns in Ludwigshafen steht bei der neuen Strategie besonders im Fokus. Der Vorstand bescheinigt ihm zwar langfristig eine sehr positive Perspektive. Doch kurzfristig verordnet er ihm ein hartes Sparprogramm, um es wieder wettbewerbsfähig zu machen. Das heißt: Kosten senken, Anlagen schließen, Stellen abbauen. Einige der rund 900 Produktionseinheiten und 160 Anlagen am Standort liefern keine ausreichenden Erträge mehr, sind strukturell zu wenig ausgelastet. 22 Prozent sind laut BASF ein Wettbewerbsrisiko. Die gute Nachricht: 78 Prozent sind langfristig wettbewerbsfähig.
Ein erstes Sparprogramm, das bereits 2023 begonnen wurde, bedeutet für Ludwigshafen den Wegfall von 1800 Arbeitsplätzen. Ein zweites Sparprogramm von Anfang 2024 soll die jährlichen Kosten um 1 Milliarde Euro drücken. Es wird einen weiteren, bislang von der BASF nicht bezifferten Stellenabbau bringen. Die Hälfte dieser Einsparungen sind laut BASF-Vorstand im Wesentlichen durch Stellenabbau zu erreichen. Gemessen an den mittleren Arbeitskosten in der chemisch-pharmazeutischen Industrie könnte das auf den Abbau von weiteren 4000 Stellen in Ludwigshafen hinauslaufen.
Lesen Sie auch: BASF: Größter Stellenabbau seit Jahrzehnten